Mit der Wärme kommt der Tod

Wenn wir über das Wetter reden, denken die wenigsten an Brutplätze von exotischen Mücken. Selbst im Sommer 2004 mit seinen südländischen Temperaturen waren eher Todesfälle durch Hitzschlag ein Thema. Dabei scheint sich inzwischen eine Gefahr zu manifestieren, die bisher nur mit fernen Ländern assoziiert wurde: gefährliche Infektionen, die durch eingewanderte Insekten verbreitet werden. Denn die Tierchen fühlen sich durch die wärmeren Temperaturen wohl und richten sich in mancher Pfütze häuslich ein. Das Umweltbundesamt (UBA) hat daher eine Studie in Auftrag gegeben, um die Dimension dieser Bedrohung zu erkunden. Die Untersuchung „Mögliche Auswirkungen von Klimaveränderungen auf die Ausbreitung von primär humanmedizinisch relevanten Krankheitserregern über tierische Vektoren sowie auf die wichtigen Humanparasiten in Deutschland“ kommt zu dem zentralen Ergebnis, daß wesentliche Voraussetzungen für das Auftreten neuer Erkrankungen gegeben seien, „da altbekannte als auch neu festgestellte Erreger in Deutschland und unseren Nachbarländern nachgewiesen worden sind“. Dies gelte auch für geeignete tierische Überträger. Das Phänomen ist nicht neu: Denn schon 1999 tauchte das „West-Nil-Virus“ in den US-Medien auf. Das Virus stammt aus Nordafrika und dem Vorderen Orient. Bis zu seiner Ankunft in Nordamerika trat es nur in Afrika, Asien und Südeuropa in Erscheinung. Wie es an die US-Ostküste gelangte, weiß niemand so genau, aber klar ist, daß aufgrund der grenzenlosen Mobilität Infektionserreger innerhalb weniger Stunden von einem Kontinent zum anderen gelangen können. Das West-Nil-Virus fand in Amerika Stechmücken (Culex pipiens) vor, und mit Hilfe dieser Blutsauger begann es zwischen verschiedenen Wirten hin und her zu pendeln. Seitdem wurde es in Zugvögeln, Krähen und sogar in Pferden gefunden. Ein Medienstar wurde das West-Nil-Virus aber nur deshalb, weil es durch die Mücken auch auf Menschen übertragen werden kann – und zwar mit tödlichen Folgen. West-Nil-Virus schockierte erstmals 1999 die USA 1999 starben in den USA sieben Personen an dem vom Virus ausgelösten West-Nil-Fieber. Aber damit nicht genug: Den Mücken gelang es in irgendeinem warmen, feuchten Schacht den harten New Yorker Winter zu überstehen, so daß das Virus im Jahr 2000 erneut zuschlagen konnte. Zwei Menschen starben an der Infektion. Paul R. Epstein, Facharzt für Tropenmedizin und Umweltfachmann an der Harvard University, glaubt, daß für den unerwarteten „Erfolg“ der West-Nil-Viren in Nordamerika eine Reihe von besonders günstigen Kombinationen verantwortlich war: Ein milder Winter, gefolgt von einem trockenen, heißen Sommer hätte die Vermehrung der übertragenden Stechmücken begünstigt. In der Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft (12/2000) beschreibt Epstein den möglichen Ablauf: „Der milde Winter 1998/99 ließ viele der Stechmücken bis ins Frühjahr, das früher als üblich begann, überleben. Durch trockenes Wetter im Frühjahr und Sommer reicherte sich nährstoffreiches organisches Material in ihren Brutstätten an. Zugleich erging es wegen der Trockenheit Mücken fressenden Tieren wie Florfliegen und Marienkäfern schlecht, die sonst die Stechmücken-Population in Schach gehalten hätten. Schließlich zwang die Trockenheit die Vögel, sich an den wenigen Wasserlöchern zusammenzudrängen – und die Mücken fanden dort reiche Beute. Einmal aufgenommen, reifte das Virus dank der hohen Temperaturen rascher heran als sonst. Entsprechend schneller übertrugen die infizierten Stechmücken das Virus auf die Vögel, und eine Infektionslawine erfaßte Mücken wie Vögel und schließlich auch den Menschen. Heftige Regenfälle gegen Ende August erzeugten neue Wasserlachen, die den Mücken als Brutstätten dienten und schließlich eine weitere Welle an potentiellen Virus-Trägern freisetzten.“ Der Erreger des Rifttalfiebers, ein für Mensch und Tier gefährliches Phlebovirus, war ursprünglich auf Ostafrika beschränkt. 1997 und 1998 nutzte das Virus eine Kombination von hohen Temperaturen und starken Niederschlägen, um ins Horn von Afrika (Äthiopien, Somalia) vorzudringen. Später schaffte es den Sprung nach Jemen und Saudi-Arabien, wo es im Jahr 2000 190 Todesopfer forderte. Ebenfalls 2000 warnte die Welternährungsorganisation (FAO) vor dem Vordringen der Blauzungenkrankheit (Bluetongue) nach Spanien, Sardinien und Bulgarien. Diese Krankheit befällt vor allem Schafe und führt häufig zum Tod der Tiere. Der Erreger, ein „Orbivirus“, ist in den Tropen zu Hause. In den 1990er Jahren, übrigens dem wärmsten Jahrzehnt seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, konnte das Virus sein Gebiet in Europa nach Norden ausdehnen. Ob es schon in einer Berliner Pfütze schlummert? Weltweit ist auch ein Vordringen der Malaria und des Dengue-Fiebers in höhere Bergregionen und höhere Breitengrade festzustellen. Ganz unumwunden stellt das UBA daher fest, „das Risiko, an einer Vielzahl neuer oder in Deutschland als ausgerottet geltender Infektionen zu erkranken“, bestehe bereits jetzt. Mit der Lösung ist man aber noch nicht sehr weit gekommen, denn weiter heißt es: „Vorbeugungs- und Bekämpfungsstrategien müssen regionalspezifisch gestaltet werden, können jedoch derzeit nicht erarbeitet werden, weil repräsentative Untersuchungen von Überträgern, Reservoirtieren sowie der epidemiologischen Situation weitgehend fehlen.“ Beruhigend ist das nicht.

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