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Falscher Optimismus

Hat Michael Frenzel, Vorstandsvorsitzender von Europas größtem Reiseveranstalter Touristik Union International (TUI), die Aktionäre seines Konzerns getäuscht? Auf der letztjährigen Hauptversammlung hatte der TUI-Chef den Aktionären nicht nur satte Umsatzsteigerungen in Aussicht gestellt, sondern gleichzeitig sein Konzept des „Alles unter einem Dach“ verteidigt. In die Defensive war der 57jährige Frenzel geraten, nachdem die Touristikumsätze nicht nur seines Konzerns nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 zusammenbrachen. So hatte der Chef von Europas zweitgrößtem Tourismuskonzern Thomas Cook, Stefan Pichler, seinen Hut nehmen müssen, als Aufsichtsrat und Aktionären unerwartete Umsatzeinbrüche bekannt wurden (JF 2/04). Demgegenüber konnte sich TUI-Chef Frenzel im Amt halten. Er hatte die Beteiligungen an Preussag-Energie und der Ruhrgas AG veräußert und konnte die TUI-Tourismusverluste so ausgleichen. Doch kann Frenzel auch sein Konzept des „integrierten Reisekonzerns“ durchhalten, das vom TUI-Reisebüro über TUI-Flugzeuge bis zum konzerneigenen TUI-Hotel dem Touristen „alles aus einer Hand“ bieten will? Mit diesem Konzept hatte Frenzel Aufsichtsrat und Aktionäre optimistisch gestimmt. Die Fakten lassen eher Rückzüge von diesem Konzept erkennen. Rückzug Nummer eins: TUI beendet sein Italien-Engagement. Als Frenzel im Mai 2001 zur Hauptversammlung die Aktionäre über den Geschäftseinstieg der TUI in Italien informierte, waren seine Ansagen voller Hoffnung. Mit dem Einstieg beim italienischen Marktführer Alpitour sollte einer der letzten weißen Flecken auf der Karte des größten europäischen Reisekonzerns besetzt werden. Der Tourismusmarkt entwickle sich dort „mit einem kräftigen Wachstum“, und eine gemeinsame Charterfluggesellschaft werde weiteren Gewinn bringen – versprach damals der TUI-Vorstand seinen Aktionären. Nicht einmal drei Jahre später begrub die TUI nun ihre Hoffnungen in Italien und verkaufte die Alpitour-Beteiligung an die zur Agnelli-Gruppe gehörende Holding Ifil zurück. Auch die Fluggesellschaft Neos, deren Flüge aus der TUI-Zentrale in Hannover profitabel gesteuert werden sollten, geht komplett in italienische Hand. Insgesamt bekommt der Konzern, der zur Zeit mit etwa vier Milliarden Euro verschuldet ist, aus dem Doppelgeschäft etwa 50 Millionen Euro. Zum Ausgleich der Schulden reicht das längst nicht. Rückzug Nummer zwei: TUI will seine Reisebüros in Spanien verkaufen. Eine TUI-Sprecherin bestätigte eine entsprechende Meldung der spanischen Zeitung Expansión, die TUI España wolle 65 Reisebüros verkaufen. Einer der Gesprächspartner sei die Iberostar-Gruppe. Laut Expansión ist noch eine weitere Unternehmensgruppe im Gespräch um die TUI-Reisebüros. Rückzug Nummer drei: Die TUI trennt sich vom Ferienwohnrechtanbieter Anfi del Mar. Künftig werde sich „die strategische Ausrichtung noch mehr auf das ertragsstarke und erfolgreiche Wachstumsfeld der Beteiligungshotels mit ihren zwölf Hotelmarken konzentrieren“, teilte die TUI dazu mit. Der Konzern habe derzeit 290 Hotels mit über 157.000 Betten. Heimlich und leise beendet Deutschlands Reise-Riese seinen Ausflug in die obskure Welt des „Timesharing“, das heißt die dauerhafte Wohnberechtigung in bestimmten, konzerneigenen Ferienanlagen. Im Februar verkaufte der Konzern 51 Prozent seiner „Timeshare-Perle“ auf Gran Canaria, Anfi del Mar, an die spanische Baufirma Hermanos Santana Cazoria SL. Über den Kaufpreis gibt TUI bislang keine Angaben heraus. Zuverlässigen Quellen zufolge soll der Preis allerdings „meilenweit unter dem liegen, den TUI Ende 2000 für die Firma Anfi Sales S.L. bezahlt hat“ – ein glattes Verlustgeschäft also. So sorgen sich TUI-Mitarbeiter auf Kreta, daß die dortigen „Timeshare“-Anlagen des Konzerns ebenfalls vor dem Verkauf stehen. Doch der enorme Schuldenberg des deutschen Sonnenschein-Verkäufers wird auch durch die Auflösung dieses Engagements nicht wesentlich berührt werden. Weitere Rückzüge sind zu erwarten, so daß schließlich von dem „Alles unter einem Dach“-Konzept des Konzernchefs nicht viel übrigbleiben dürfte. Kritiker fragen, ob der Stratege Michael Frenzel diese Entwicklung zur TUI-Hauptversammlung 2003 nicht längst im Auge hatte – als er seine globalen Expansionspläne so optimistisch verteidigte. Foto: TUI-Anlage Anfi del Mar: „Timeshare“-Anlagen stehen vor dem Verkauf

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