Joachim Kuhs

 

Fallstricke des Handels

Obwohl viele Wirtschaftspraktiker aus dem Fränkischen stammen – Max Grundig, Grete Schickedanz, Ludwig Erhard, Leo Kirch -, verirren sich berühmte Theoretiker selten in diese Region. Deshalb muß man schon etwas springen lassen, um potentielle Nobelpreisträger nach Nürnberg zu locken. 25.000 Euro erhält der Preisträger des Horst-Claus-Recktenwald-Preises, der an den deutschen Finanzwissenschaftler Horst Claus Recktenwald erinnert. Dieser Preis wurde vergangene Woche an den US-Ökonomen Oliver E. Williamson verliehen, den man in der Fachliteratur so häufig zitiert wie Karl Marx, John Maynard Keynes und Adam Smith. Berühmt wurde Oliver Williamson, der 1932 in Superior im US-Bundesstaat Wisconsin geboren wurde, mit seinen Werken „Märkte und Hierarchien“ (1975) und „Die ökonomischen Institutionen des Kapitalismus. Unternehmen, Märkte, Kooperationen“ (1985). Hier fragt Williamson hartnäckig, warum Firmen als dauerhafte Institutionen überhaupt existieren. Warum handeln wir nicht jeden Tag von neuem unsere Arbeits- und Lieferverträge aus – entsprechend Angebot und Nachfrage in einer Marktwirtschaft? Seine eigentlich recht banale Antwort: Der tägliche Abschluß von Lieferverträgen mit neuen Partnern verursacht immense Kosten. Das Marktangebot ist zu studieren, Kostenvoranschläge sind einzuholen, alle Angebote miteinander zu vergleichen, Vertragseinzelheiten auszuhandeln, endlich ist der Vertrag zu unterschreiben, schließlich folgt die Lieferung, die Ware ist zu kontrollieren, eventuell fallen Reklamationen an, und so weiter. Diese Kosten der Marktnutzung bezeichnet Williamson als Transaktionskosten. Sie werden nicht nur von den Pfennigfuchsern ignoriert, die tagelang Sonderangebote studieren, sondern auch von Firmen, die am liebsten alle Aufgaben an Dienstleister auslagern wollen. Viele der heutigen Manager, die im „Outsourcing“ ihr Heil suchen, sollten mal bei Williamson nachlesen, wann die Auslagerung oder der Fremdbezug wirklich sinnvoll ist – und vor allem: wann nicht. Williamson, der an der University of California in Berkeley einen Lehrstuhl für „Business Administration“ innehat, konzentriert sich in seinen Studien nicht nur auf rein wirtschaftliche Fakten, sondern verknüpft die Rechtswissenschaft mit der Ökonomie und der Organisationslehre. Dementsprechend lautet der Titel des von ihm gegründeten Journal of Law, Economics & Organisation (LEO). Viele Artikel seiner Studien weisen nach, daß die Transaktionskosten nicht in allen Situation gleich hoch sind, sondern ganz entscheidend von Gesetzen und Gerichtsurteilen, aber auch von sozialen Normen und Mentalitäten abhängen. Kurz: Die formellen und informellen Institutionen eines Landes sind entscheidend. Sie schaffen Rechtssicherheit und Kooperationsbereitschaft – oder produzieren Kostenexplosionen bei den Transaktionen. Ganz neu ist diese Erkenntnis nicht: Schon die historische Schule von Gustav Schmoller (1838-1917), die Väter der Sozialen Marktwirtschaft und die „alten Institutionalisten“ wie Thorstein Veblen (1838-1929) betonten die zentrale Rolle von Institutionen – nachzulesen in Horst Claus Recktenwalds „Lebensbilder großer Nationalökonomen“. Oliver E. Williamson: Die ökonomischen Institutionen des Kapitalismus, Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 1990. Einen Überblick seiner Theorien geben Ingo Pies und Martin Leschke: Oliver Williamsons Organisationsökonomik, Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 2001.

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