Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Ein jährliches Ritual ohne Folgen

Mit etwas Böswilligkeit könnte man behaupten, der Wohlstand einer Gesellschaft messe sich an ihren Umweltdebatten: Bei besonders armen Menschen gibt es diese Debatten nicht, und in verarmenden Gesellschaften werden sie immer leiser. Insofern befindet sich Deutschland ohne Zweifel auf dem absteigenden Ast, denn als vergangenen Monat der neue Waldschadensbericht vorgelegt wurde, verhallte seine Botschaft ohne gesellschaftliche Wirkung. Wo sind die Zeiten, als Millionen Menschen bereit waren, für die „Befreiung“ eines begradigten Bachlaufs zu demonstrieren? Oder als man angesichts vertrockneter Bäume mit den Tränen rang? Der Bundesgeschäftsführer des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Gerhard Timm, klagte daher nicht zu Unrecht über die nachlassende Wirkung der biologischen Krankmeldung: „Der Waldschadensbericht darf nicht zu einem jährlichen Ritual ohne Folgen verkommen. Die erneute Zunahme der Schäden zeigt, daß Bund und Länder dringend Gegenmaßnahmen einleiten müssen. Vor allem in der Verkehrspolitik müssen die Versäumnisse ausgebügelt werden. Kranke Wälder sind kein Schicksal, sie können mit einer guten Therapie auch wieder gesund werden.“ Die Waldschadenserhebung ist eine Stichprobeninventur, bei der die „Verlichtung der Baumkronen“ als Hinweis für die Vitalität der Bäume erfaßt wird. Der Zustand der Belaubung bzw. Benadelung ist zwar ein gut sichtbares, allerdings unspezifisches Merkmal für den Gesundheitszustand der Bäume. Der Verlust von Blättern bzw. Nadeln ist ein Zeichen für Streß, ohne daß sich daraus Hinweise auf die Streßursachen ergeben. Dafür müssen spezifische Untersuchungen angestellt werden. Für die Berechnung der vorliegenden Ergebnisse wurden im Jahr 2003 die Kronenzustandsdaten von 13.572 Probebäumen auf 447 Probepunkten herangezogen. Die Stichprobe erfaßt 38 Baumarten. Dabei entfallen rund 85 Prozent der Probebäume auf die vier Hauptbaumarten Fichte, Kiefer, Buche und Eiche. Die Erhebungen erfolgen stets im Juli und August eines jeden Jahres, sie fielen diesmal also in eine besonders heiße Wetterperiode. Die Untersuchung zeigt keine Verbesserung in deutschen Wäldern. Im Jahr 2003 stieg der Anteil deutlicher Schäden um zwei Prozentpunkte auf 23 Prozent. Der Anteil der Warnstufe (schwache Schäden) stieg ebenfalls um zwei Prozentpunkte und liegt bei 46 Prozent der Waldfläche. Der Anteil ungeschädigter Waldfläche ging um vier Prozentpunkte zurück und liegt mit 31 Prozent nahe am Tiefststand von 1992. Die kränksten Wälder findet man in Baden-Württemberg. Dort wurde 2003 mit 29 Prozent der höchste Anteil deutlich geschädigter Waldfläche seit 1996 ermittelt. Bei den Baumarten gibt es sehr unterschiedliche Entwicklungen: Während der Anteil deutlicher Schäden bei der Fichte in Rheinland-Pfalz und Thüringen um sechs bzw. vier Prozent zunahm, ging er in Sachsen um vier Prozent zurück. Bei der Kiefer stiegen die deutlichen Schäden in Rheinland-Pfalz um acht Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern und im Saarland um jeweils sechs Prozent an; dagegen gingen sie in Hessen um sechs Prozentpunkte, in Sachsen um vier Prozentpunkte zurück. Einziger Lichtblick war die Buche. Dort gingen die deutlichen Schäden nahezu bundesweit zurück. Besonders ausgeprägt in Mecklenburg-Vorpommern (21 Prozent) sowie in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein (zwölf bzw. elf Prozent). Lediglich in Sachsen und Bayern nahmen die deutlichen Schäden zu (sieben bzw. vier Prozent). Dagegen hat sich der Kronenzustand der Eiche erheblich verschlechtert. Besonders stark nahmen die deutlichen Schäden in Rheinland-Pfalz (26 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern (18 Prozent) zu. Doch auch in Brandenburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen (jeweils zehn bzw. elf Prozent) stiegen die deutlichen Laubverluste erheblich. Lediglich in Schleswig-Holstein hat sich die Eiche um magere drei Prozent verbessert. Im langfristigen Vergleich hat der Anteil deutlicher Schäden damit erstmalig seit 2000 wieder zugenommen, ohne allerdings die Höchststände der Jahre 1991 und 1992 zu erreichen. Das Schadniveau wird daher trotz negativer Tendenz als stabil bezeichnet. Angesichts der traurigen Ergebnisse lautet die Frage mit Bezug auf Timms Hinweis, was eine gute Therapie wäre und ob der wachstumsorientierte Mensch sie überhaupt durchführen kann. Zum Beispiel müßte man direkten Einfluß auf das Wetter haben. Denn die diesjährige Hitzeperiode, verbunden mit den knappen Niederschlägen, hat den Streß für den Wald erhöht und seine Abwehrkraft gegenüber Luftschadstoffen und Schädlingen gemindert. Daher sind bei Fichten gehäuft Buchdrucker-Borkenkäfer aufgetreten. Die große Zahl daran eingegangener Fichten werde jedoch für den Waldschadensbericht nicht mitgezählt, kritisierte der BUND. Hinzu kommen kritische Ozonbelastungen in vielen Regionen. Die Verkehrspolitik der rot-grünen Bundesregierung trägt trotz aller Versprechungen nicht zu einer Minderung der Schadstoffe bei. Es reicht, in diesem Zusammenhang auf die völlig verkorksten Konzepte bei der Deutschen Bahn AG zu verweisen. Von einer Förderung dieses umweltfreundlichsten Verkehrsmittels ist nichts zu spüren, im Gegenteil: Selbst überzeugte Bahnfahrer werden durch das ausgedünnte Streckennetz, Preiserhöhungen und Tarifchaos vergrault (siehe JF 51/03). Eine weitere Ursache der starken Waldschäden ist eine „Altlast“ aus den siebziger Jahren: Die damals hohen Säureeinträge in den Waldboden haben seine Pufferkapazität nahezu erschöpft, so daß die inzwischen verminderten Einträge nicht mehr neutralisieren werden können. Helmut Klein, Waldexperte des BUND, ist mit einer Lösung schnell bei der Hand: „Die beiden Hauptursachen für die Waldschäden – das Verkehrswachstum und Stickstoffeinträge auch aus der Landwirtschaft – müssen gestoppt werden. Von Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe (SPD) verlangen wir einen konkreten Plan zur Schadstoffminderung. Und Agrarministerin Renate Künast (Grüne) bedarf stärkerer Unterstützung bei der Ausweitung des Ökolandbaus.“ Solche Sätze klingen gut und sind schnell gesagt. Aber die Realität zeigt, daß der Markt für Bioprodukte nahezu gesättigt ist. Erste Landwirte, die „auf Bio gemacht“ haben, stellen ihren Betrieb wieder auf konventionelle Produktion um. Und der Verkehr genießt absolute Priorität – auch bei den Grünen -, solange er Indikator für „wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand“ ist. Demnach könnte nur eine dramatische wirtschaftliche Rezession dem sterbenden Wald eine Atempause verschaffen.

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