Das Sterben geht weiter

Das Grauen ist immer nur so lange wirksam, wie es lebens-nah bleibt. Sprengt es die Dimensionen des Menschlichen, schalten die Menschen ab. Ein, zwei Tote – das ist überschaubar, ebenso ein fortgeschwemmtes Dorf oder ein gesunkenes Schiff. Wenn es aber in Richtung „unvorstellbar“ geht, bleibt der Horror aus – wie bei den angekündigten Umweltszenarien. Tausende Tonnen giftige Gase, Milliarden Liter Süßwasser in den Polkappen – wer kann sich das vorstellen? Ähnliches kann man inzwischen von der „Roten Liste“ sagen, welche die vom Aussterben bedrohten Tiere verwaltet. Sie umfaßt mittlerweile 15.589 Positionen. Das ist einfach zuviel zum Mitfühlen. Man kennt die paar Haustiere, einige Nutztiere, aber schon bei den Bewohnern des Waldes wird es für die meisten von uns schwierig – gehört das Reh in die Familie der Hirsche? Wie sieht ein Baummarder aus? Ist die Blindschleiche eine Schlange? Nach Ansicht des World Wildlife Fund (WWF) ist die „Rote Liste“ ein Indikator für die Krisenregionen der Erde. Zugleich werde deutlich, daß man nach und nach ganze Ökosysteme verlieren werde, befürchtet WWF-Experte Stefan Ziegler. Denn mittlerweile stünden ganze Artengruppen auf der Liste. Ziegler: „Der hohe Bedrohungsgrad verschiedener Fisch- und Amphibienarten zeigt uns, daß es um die Süßwasserressourcen der Erde schlecht bestellt ist.“ Dreiviertel der gesamten Frischwasservorräte der Erde sind in Gletschereis gespeichert, heißt es erklärend. Das klingt alles sehr plausibel und dramatisch – und mit dem Alltag hat es so wenig zu tun. Denn unser Wasser kommt aus der Leitung oder aus der umweltfreundlichen Pet-Flasche. Deswegen wird das Sterben weitergehen.

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