Österreich gegen Ungarn

Während im Irak um die Erdöl- und Gas-Lagerstätten gekämpft wird, werden in Mitteleuropa die Marktanteile der Energie-Verteiler ordentlich durcheinander geschüttelt. In einem verwirrenden Beziehungsgeflecht ringen ungarische, österreichische, kroatische und slowakische Öl-Gesellschaften um die Vorherrschaft auf einem lukrativen Markt mit etwa 60 Millionen Konsumenten. Wer am Ende die Nase vorn haben wird, steht indes noch nicht fest. Mitte Februar 2003 erklärte die „Ungarische Öl und Gas“ AG (MOL) in Budapest, sie werde sich von drei weiteren Beteiligungen trennen. Für 20,6 Milliarden Forint verkaufte sie ihre Anteile an Zsámbékgáz (96,15 Prozent), MOL-Gáz kereskedelmi GmbH (89,30 Prozent) und der Turul AG (58,42 Prozent) an die Tigáz AG. An der Budapester Börse legte der MOL-Kurs daraufhin um drei Prozent auf 5.350 Forint pro Aktie (1 Euro=245 Forint) zu, denn der erzielte Erlös war mehr als doppelt so hoch, wie Experten geschätzt hatten. Der Verkauf der drei Gas-Töchter ist Teil der seit 1999 zu beobachtenden Strategie, sich auf das Kerngeschäft zu konzentrieren. Bisher verkaufte MOL schon das Chemieunternehmen Dunastyr AG, die mit dem Transport und der Bevorratung beschäftigte Köolajtároló AG, ebenso die im Meßgeschäft involvierte Moltelecom AG, den Hersteller von Kunstdünger und Nitrogenprodukten, die Nitrogénmüvek Vegyipari AG und die in der Öl- und Gasförderung tätige Rotray Fúrási AG – zehn Milliarden Forint konnte die MOL für diese Veräußerungen kassieren. Außerdem verkaufte man noch ägyptische und tunesische Förderlizenzen, aber auch in Ungarn will man sich von weiteren Beteiligungen trennen, erklärte MOL-Sprecher György Felkai. Völlig unerwartet kann MOL sich auf weitere 2,3 Milliarden Forint freuen, denn die ungarische Tochter von Anderson Consulting, die Accenture Tanácsadó GmbH, ermittelte, daß das Unternehmen in etwa 100 Gemeinden zuviel Gewerbesteuer gezahlt hat. Da auch die ungarischen Kommunen am Rande des finanziellen Kollapses agieren, wird MOL die Außenstände nicht auf einen Schlag eintreiben können, aber als stille Reserve werden die Milliarden gut in die Bilanzen passen. Denn MOL befindet sich auf Einkaufstour. Bereits im Januar 2003 war zu hören, daß man 25 Prozent plus eine Stimme der kroatischen Ölgesellschaft Industrija Nafta (Ina) erwerben wolle. Die kroatische Zeitung Nacional berichtete, MOL wolle für die Ina-Papiere nur 300 Millionen Dollar zahlen – die russische Rosnjeft hingegen mehr als 440 Dollar und sogar die Österreichische Mineralöl Verwaltung AG (OMV) – selbst mit zehn Prozent an MOL beteiligt – biete 380 Millionen. Aber man erwartet in Agram (Zagreb) vom zukünftigen Investor eine erfolgversprechenden Strategie und die Teilübernahme der Ina-Schulden. Den Russen räumt man nicht nur deswegen geringe Chancen ein. Gerangelt wird auch auf dem tschechischen Markt. Nachdem im vergangenen Herbst das schweizerisch-tschechische Joint-Venture Agrofert überraschend auf den Kauf eines 63-Prozent-Paketes der tschechischen Unipetrol verzichtet hatte, muß die Regierung in Prag die Privatisierung neu ausschreiben. Die MOL, die in der ersten Runde den zweiten Platz belegte, will erneut in das Rennen einsteigen, ebenso wie die OMV und die russische Lukoil. Allerdings wollen sich die Ungarn diesmal einen Partner mit ins Boot holen: Die Rede ist von der slowakischen Slovnaft AG, wie ihr Sprecher Lubomír Zitnan verlautbaren ließ. Die strategische Partnerschaft beruht auf einem 36,3prozentigen Anteil, den sich MOL im Herbst 2000 bei den Slowaken sichern konnte. Bereits im kommenden Juni könnte dieser Anteil verdoppelt werden, denn die Wettbewerbshüter in Budapest und Preßburg haben am 21. März die geplante Transaktion gebilligt. Am 3. April verkündete MOL, man beginne nun an der Preßburger Börse mit dem Aufkauf slowakischer Aktien. Mit der Aufstockung wird Slovnaft auch mit zehn Prozent an MOL beteiligt sein, denn ein Teil des Kaufpreises soll durch Aktientausch realisiert werden. Den Löwenanteil in Höhe von 85 Millionen Dollar müssen die Ungarn allerdings bar bezahlen. Mit dem Geschäft plant man auch eine Aufstockung des Grundkapitals auf dann 108,2 Milliarden Forint, wodurch der Anteil des ungarischen Staates von derzeit 25 Prozent auf 22,76 Prozent sinken würde. Nur durch die „Goldene Aktie“ könnte der Staat die Unternehmensführung trotzdem entscheidend mitbestimmen. Aber die Tage staatlicher Sonderaktien scheinen ohnehin gezählt, da sie von der EU als wettbewerbsverzerrend bekämpft werden (siehe das VW-Beispiel, JF 14/03). Der große Gegenspieler der MOL im Kampf um Mitteleuropas Märkte ist die OMV. Im Januar konnten die Österreicher den Kauf der Preussag aus der TUI-Gruppe verkünden. Damit kommt die OMV ihrem strategischen Ziel näher, die Hälfte des Öls aus eigenen Quellen zu decken. Denn mit dem Preussag-Paket hat die OMV auch Förderlizenzen in Tunesien, Albanien, Neuseeland, Jemen, Ecuador und Venezuela erworben. Kurze Zeit später konnte man in Wien den Einkauf von 313 Tankstellen verbuchen, die BP aufgrund kartellrechtlicher Bestimmungen nach der Übernahme von Aral abgeben mußte. 247 der Tankstellen befinden sich in Süddeutschland, 55 in Ungarn und 11 in der Slowakei. Damit stieg die Zahl der Tankstellen auf 1.615 – mit einem Jahresumsatz von zehn Milliarden Euro. Die Österreicher kauften auch gleich noch 45 Prozent der Bayernoil Raffinerie und 18 Prozent der Transalpine Pipeline (TAL), die die wichtige Ölleitung Triest-Ingolstadt unterhält. Mit der Bayernoil kann die OMV ihre Kapazitäten von 5,4 Millionen auf 8,8 Millionen Tonnen aufstocken, so daß sie auf dem 18,8-Millionen-Tonnen-Markt Bayern zum führenden Energieversorger geworden ist. Doch die Expansion hat ihren Preis: Die Tankstellen kosteten 220 Millionen Euro, Bayernoil 142 Millionen, TAL 15 Millionen und weitere rund 150 Millionen verschlangen die laufenden Umsätze, wie etwa anstehende Öllieferungen. Das Gesamtvolumen der Einkaufstour in Höhe von 527 Millionen Euro wurde ausschließlich mit Krediten finanziert, so daß die Verschuldungsrate – das Verhältnis von Fremd- zu Eigenkapital – von 30 auf gefährliche 50 Prozent angestiegen ist. „Frisches Geld“ von der Börse zu besorgen, ist in Zeiten abstürzender Indizes nicht ratsam, so daß auch bei OMV erwogen wird, vermeintlich unwichtige Zweige zu veräußern, um liquide zu bleiben. Über den Verkauf der Agrolinz wurde schon laut nachgedacht und als „Retter“ böte sich auch der Verkauf der lukrativen Gassparte an. Trotzdem geht der OMV-Einkaufsbummel weiter: Am 14. März verkündete man den Erwerb des Avanti-Tankstellennetzes mit 141 Stationen in Österreich, der Tschechei, der Slowakei und Bulgarien, so daß die Zahl der Stationen auf 1.756 angewachsen ist. Der Kauf soll im dritten Quartal 2003 perfekt sein. Zwar haben die Österreicher „vom Schwarzwald bis zum Schwarzen Meer“ ihre Position beachtlich ausgebaut, aber gewonnen haben sie das Wettrennen noch lange nicht. Für Analysten ist klar, daß MOL die Rolle eines Marktbereinigers hat, der die kleinen Gesellschaften „einbinden“ soll – um Platz zu machen für die Großen. Vielleicht für die Russen, aber wahrscheinlich für US-Gesellschaften. Denn es dürfte kein Zufall sein, daß der größte ausländische Anteilseigner bei MOL die Bank of New York ist. Die OMV könnte sich an diesem Brocken gehörig verschlucken – sehr zur Freude eines lachenden Dritten in Übersee.

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