Klimaschutzziele werden nicht erreicht

Mit großen Versprechungen wird Politik gemacht. Das gilt auch für Deutschlands Verpflichtung im Rahmen des Kyoto-Protokolls, seine Treibhausgasemissionen gegenüber dem Wert von 1990 bis 2012 um 21 Prozent zu vermindern. Fachleute betrachten eins längst als ausgemacht: Im Bereich des wichtigsten Treibhausgases Kohlendioxid (CO2), das bei allen Verbrennungsprozessen frei wird, ist das Ziel nicht mehr erreichbar. Dabei sind die schlechten Wirtschaftsdaten schon berücksichtigt, die für das Klima gut sind. Nicht viel besser sieht es beim Methan (CH4) aus. Dieses entsteht vor allem in der Landwirtschaft. Bleiben die fluorierten Treibhausgase HFKW, FKW und SF6. Diese finden in Sprays, Schaumstoffen und als Kühlmittel Verwendung. Diesen Substanzen nimmt sich der Forschungszwischenbericht „Emissionen und Emissionsprognosen von HFKW, FKW und SF6 in Deutschland – Aktueller Stand und Entwicklung eines Systems zur jährlichen Ermittlung“ an. Das Papier ist im Auftrag des Bundesumweltministeriums vom Büro für Umweltforschung und -beratung GmbH in Frankfurt am Main erstellt und im März 2003 vorgelegt worden. Die genannten fluorierten Treibhausgase machen absolut nur ein bis zwei Prozent an der Gesamtemission aus. Die Verweildauer dieser Substanzen in der Atmosphäre weist allerdings das Vielfache von Kohlendioxid aus. Der Wirkung nach sind diese Stoffe auch um ein Vielfaches stärker. Deshalb müssen die absoluten Emissionswerte entsprechend multipliziert werden, um sie mit denen des Kohlendioxids vergleichen zu können. Genau daran versucht sich das 25 Seiten umfassende Papier. Anschließend werden Szenarien entworfen: – Ein „Ohne-Maßnahmen-Szenario“, das davon ausgeht, daß alles weitergeht wie vor 1998; – ein „Maßnahmenszenario“, das ordnungsrechtliche Maßnahmen berücksichtigt, die bereits offiziell diskutiert werden; – ein „Minderungsszenario“, das des weiteren mittel- und längerfristige Maßnahmen zur Problembehandlung berücksichtigt. Die HFKW-Emissionen haben sich in CO2-Äquivalente von 1995 bis 2001 angeblich von 6.357 auf 8.121 Millionen Tonnen erhöht, die der FKW sind im selben Zeitraum hingegen von 1.759 auf 723 Millionen Tonnen zurückgegangen. Das SF6 weist einen leichten Rückgang von 6.573 auf 3.322 Millionen Tonnen auf. Das ergibt im besagten Zeitraum in der Summe einen Rückgang von 12.984 auf 10.461 Millionen Tonnen. Das sind etwa 20 Prozent weniger und könnte anteilig bereits das Klimagasreduktionsziel der deutschen Bundesregierung erfüllen. Bei diesen insgesamt leicht rückläufigen Werten bleibt das HFKW aber das Sorgenkind. Denn die Werte werden je nach Szenario bis 2010 auf bis zu 18.139 Millionen Tonnen in CO2-Äquivalent ansteigen oder aber sich bestenfalls auf 9.522 Millionen Tonnen erhöhen. Als Ausgangswert werden hier aber plötzlich nur 2.591 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent angegeben statt wie zuvor genannt 6.357 Millionen Tonnen. Das ergibt gewiß ein noch drastischeres Bild, nämlich eine noch höhere Steigerungsrate bei den Emissionen. Richtig kann aber nur eine von beiden Zahlen sein. Des Rätsels Lösung ist allzu menschlich. Denn offenbar wurde im letzteren Falle der Umrechnungsfaktor nicht berücksichtigt, der aus den absoluten Emissionswerten CO2-Äquivalente macht. Nachdem das Rätsel um die angegebenen HFKW-Emissionswerte gelöst ist, bleiben die erfreulichen Trends bei den FKW-Emissionen. Hiernach blieben bis 2010 je nach Szenario 1.359, 571 oder 458 Tonnen Emittent, was in jedem Fall einen Rückgang von mindestens 400 Tonnen bedeuten würde. Bezüglich der Ausgangsdaten für 1995 wird einige Seiten zuvor aber nicht von Tonnen, sondern von Millionen gesprochen, was einen Unterschied um den Faktor eine Millionen ergibt. Ähnlich verwirrend sieht es bei den SF6-Emissionen aus, die angeblich vom Ausgangswert für 1995 auch nur mit 6.573 Tonnen CO2-Äquivalent als stagnierend oder aber auf bis zu 4.422 Tonnen abnehmend angegeben werden. Auch hier wird einige Seiten zuvor der Ausgangwert mit der gleichen Zahl in der Größenordnung von Millionen Tonnen angegeben. Unterstellt, daß alles in Millionen Tonnen gerechnet werden muß, ergäbe sich nach den mittleren Schätzungen in der Summe wegen der HFKW-Emissionen ein Wert von 15.827 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent und damit gegenüber 1995 eine Zunahme um über 3.000 Millionen Tonnen. Eigentlich ist aber nicht 1995, sondern 1990 das Vergleichsjahr, worüber sich vorliegend nur Angaben zu einer der drei behandelten Substanzen finden. Bleibt zu schließen: Wenn ein Umweltforscher im vorliegenden Falle schon auf so wenigen Seiten so viele schwindelerregende Zahlen und Tabellen unterbringen kann, daß offenbar niemand mehr bemerkt, daß die Maßeinheiten durcheinandergehen, wird sich für die Bundesregierung gewiß auch das Klimaschutzziel 2012 erreichen lassen – zumindest auf dem Papier.

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