Sehnsucht nach Einheit

Für Südtirol ist 2009 ein Gedenkjahr in doppelter Hinsicht: Vor 200 Jahren hatte der Südtiroler Schützenleutnant und Freiheitskämpfer Andreas Hofer einen Volksaufstand angeführt, die Besatzungsarmee des Franzosenkaisers Napoleon und dessen bayerische Hilfstruppen aus Tirol vertrieben, dem Land für kurze Zeit die Freiheit verschafft und seinen Menschen ein Zusammengehörigkeitsgefühl geschenkt, das sich durch alle Höhen und Tiefen der Südtiroler Geschichte gehalten hat und noch heute lebendig ist.

Das zweite Gedenken ist einem Tiefpunkt gewidmet: der Teilung des Landes Tirol vor neunzig Jahren und der erzwungenen Abtretung Südtirols an Italien. Am 10. September 1919 mußte die junge österreichische Republik den Vertrag von Saint Germain unterzeichnen, der den südlich des Brenner gelegenen Teil Tirols Italien zuschlug. Vergeblich forderte die damalige österreichische Regierung unter dem Sozialdemokraten Karl Renner die Einheit Tirols und gleichzeitig den Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich.

Die Veranstaltungen des Gedenkjahrs erinnern an diesen weitgehend vergessenen Nationalitätenkonflikt im Herzen Europas, das jahrzehntelange Ringen der Südtiroler um den Erhalt ihres Deutschtums und um die Gewährung des Selbstbestimmungsrechts. Zwar erfreuen sich – fast ein Jahrhundert nach der Annexion durch Italien – die Südtiroler, von denen trotz des Italienisierungsdrucks, den es in der Vergangenheit gegeben hat, mehr als zwei Drittel Deutsche sind, einer durch selbsterwirtschafteten Wohlstand abgepufferten weitreichenden Autonomie. Trotzdem klagen viele über Diskriminierungen und offene Anfeindungen. Und: Immer mehr fühlen sich über das rein Südtirolische hinaus auch als Tiroler, als Österreicher und letztlich als Deutsche. In vielen Wortmeldungen zu den anstehenden Gedenkfeiern kommt das zum Ausdruck.

Die ungelöste Südtirolfrage ist eines der letzten noch nicht beseitigten Relikte der imperialistischen Politik der Westmächte im 19. und 20. Jahrhundert. Die britisch-französischen Tricksereien auf dem Rücken der Völker hatten bereits im Ersten Weltkrieg begonnen. Palästina zum Beispiel, damals Teil des mit Deutschland verbündeten Osmanischen Reichs, hatten die Briten 1917 in Geheimvereinbarungen gleich zwei Interessenten als Lohn für Hilfsdienste versprochen – den Arabern und in der „Balfour-Erklärung“ auch noch den Juden. Was Südtirol angeht, hatten London und Paris 1915 im Londoner Geheimvertrag Italien, das sich 1914 bei Ausbruch des Weltkriegs für neutral erklärt hatte, die Brennergrenze zugesichert und damit den Kriegseintritt Italiens gegen die „Mittelmächte“ (Österreich-Ungarn, das Deutsche Reich und die Türkei) erreicht.

In den Friedensdiktaten nach dem Krieg, den „Pariser Vorortverträgen“, ging man noch einen Schritt weiter: In Versailles demütigte und amputierte man das Deutsche Reich, in Sèvres zerschlug man das Osmanische Reich, in St. Germain das habsburgische Österreich. Aberwitzige Kunststaaten wurden auf dem Reißbrett kreiert, rücksichtslos wurden Völker zerrissen, aber Volksgruppen und Konfessionen, die wenig Gründe hatten, miteinander auszukommen, wurden in die neuen Staaten gepreßt, die Völkergefängnissen glichen – in Europa handelte es sich um die Tschechoslowakei und um Jugoslawien, im Orient zum Beispiel um den Irak. Und Italien durfte das südliche Tirol, die versprochene Kriegsbeute, annektieren. Von diesen Anschlägen auf den gesunden Menschenverstand aus zog sich eine Spur von Spannungen, Bürgerkriegen und Kriegen durch das ganze zwanzigste bis ins nächste, in unser Jahrhundert.

Erst das Ende des Kalten Krieges schuf eine neue Situation. Der Zusammenbruch der Sowjet-union machte die Unabhängigkeit vieler in das sowjetische Russenreich gepreßter Völker möglich. Letten und Esten, Ukrainer und Georgier konnten sich endlich in eigenen Staaten verwirklichen – ein Signal auch für die übrigen Kunststaaten Europas. Jugoslawien und die Tschechoslowakei lösten sich auf, die staatliche Existenz der DDR ging zu Ende. Die Ausstrahlung dieses Renationalisierungsprozesses erreichte auch andere Völker – Schotten, Basken, Flamen, Kosovaren und einige mehr. Auch die Sehnsucht der Südtiroler nach Ausübung ihres Selbstbestimmungsrechts erhielt neue Impulse. Auf die Tiroler diesseits und jenseits des Brenner hatte speziell die Wiedervereinigung Deutschlands eine besondere Ausstrahlungskraft. Die Faszination war auf die historische Parallele der Landesteilung zurückzuführen. Sie kam zum ersten Mal im September 1991 bei einer großen Kundgebung zum Ausdruck, bei der die Forderung nach Selbstbestimmung und auf „Ein Tirol!“ wieder erhoben wurde. Auch italienische Regierungen waren sich der möglichen Parallele zwischen deutscher und Tiroler Wiedervereinigung seit Jahren bewußt. Nicht von ungefähr hatte Italiens Außenminister Giulio Andreotti im September 1984 der deutschen Bundesregierung „Pangermanismus“ vorgeworfen – mit der Begründung, sie halte immer noch „an dem gefährlichen Ziel einer deutschen Wiedervereinigung“ fest. Es war sicher kein Zufall, daß zur selben Zeit die Tiroler mit dem Motto „Los von Rom!“ zum 175. Jahrestag des Aufstands unter Andreas Hofer gegen Napoleon gedachten.

Anläßlich der Veranstaltungen zum doppelten Jahrestag treten jetzt die Berührungspunkte, die es zwischen Geschichte und Politik, zwischen dem Gestern und dem Heute gibt, wieder ins Bewußtsein. Wenn Geschichte auf Zukunft trifft, dann ergeben sich oft neue politische Chancen. Es überrascht deswegen nicht, daß die Rufe nach Selbstbestimmung und Wiedervereinigung mit dem Norden Tirols auch südlich des Brenner wieder lauter werden. In der Realität Europas sind alle strategischen, politischen und ökonomischen Motive, die Rom immer wieder am Eingehen auf den Willen der Südtiroler gehindert haben, nicht mehr relevant.

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