Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Was die Stunde schlägt

Die Bücher des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers John M. Coetzee (geboren 1940) zeichnen von der Vergangenheit und Gegenwart seines Landes ein düsteres Bild. Auch von der Zukunft Europas und Deutschlands? Die 1989/90 gehegte Illusion, der weltweite Sieg einer westlich-liberalen, demokratischen Gesellschaftsform sei das folgerichtige Ziel der Geschichte, erscheint nach der Lektüre Coetzees noch unsinniger. Bis heute wird so getan, als seien die Demokratie und die abendländische Zivilisation, wo sie einmal Fuß gefaßt haben, für alle Zeiten alternativlos. Über mögliche Systemwechsel und die Konsequenzen daraus herrscht Schweigen – aus Ratlosigkeit und Angst? Auch Apartheid-Gegner räumen ein, daß die Furcht der Weißen, von der schwarzen Mehrheit doch noch ins Meer getrieben zu werden, so abwegig nicht ist. Das Beispiel des zugrunde gerichteten Nachbarlandes Simbabwe steht drohend vor Augen; und durch die südafrikanische Metropole Johannesburg ziehen dieser Tage plündernd und mordend schwarze Banden. Wo ist der deutsche Schriftsteller, der mit vergleichbarer Verve wie John Coetzee die Frage aufwirft, was die Stunde für Deutschland und Europa geschlagen hat? Hauptfigur in Coetzees Roman „Schande“ (1999) ist der 52jährige Literaturprofessor David Lurie. Er lebt und arbeitet in Kapstadt, ist zweimal geschieden, die einzige Tochter, Lucy, führt ihr eigenes Leben. Seine Studenten hält er für dumm oder desinteressiert, die eigene wissenschaftliche Befähigung für begrenzt. Wenn Lurie an die Zukunft denkt, sieht er sich als einsamen alten Mann, der den Tag damit zubringt, dem Abend entgegenzudämmern, um sich endlich seine Suppe kochen und schlafen legen zu können. Zum Arrangement mit der empfundenen Sinnlosigkeit seiner Existenz gehört das Verhältnis mit der Studentin Melanie. Momentelang füllt es die leere Zeit und vertreibt seine Furcht vor dem Alter. Das Verhältnis wird bekannt und gegen Lurie ein Verfahren wegen sexueller Belästigung in Gang gesetzt. Ein Psychoterror beginnt. Seine Autoreifen werden zerstochen, die Organisation „Frauen gegen Vergewaltigung“ veranstaltet eine vierundzwanzigstündige Mahnwache, auf einem Flugblatt wird ihm gedroht: „Deine Tage sind vorbei, Casanova“. Der Untersuchungskommission genügt es nicht, daß er sich schuldig bekennt, das Statut verletzt zu haben. Er soll eine Beichte ablegen, „Reue“ zeigen, sich „beraten“ und therapieren lassen, und die Diskriminierungsbeauftragte Dr. Farodia Rassool will die Affäre in die lange Unterdrückungsgeschichte der Frau eingereiht wissen. Mehr als die Affäre selbst wird Lurie übelgenommen, daß er sich ihrer Politisierung, Psychologisierung, Ideologisierung, also der nachträglichen Sinngebung verweigert und auf ihrer absichtsfreien Banalität und dem puren Zerstreuungscharakter beharrt. Das Eingeständnis der Sinnfreiheit seiner Existenz stellt auch die Existenzgründe, die die anderen für sich beanspruchen, in Frage, denn er nimmt ihnen die Möglichkeit, sie an seiner Unterwerfung – die als Kampf gegen die reaktionären Restbestände in der Gesellschaft inszeniert werden soll – zu erneuern und zu bestätigen. Lurie handelt wie Camus‘ „Fremder“, der den offiziellen Konventionen, die ihn nichts angehen, seine stoische Gleichgültigkeit entgegensetzt. „Wollen Sie, daß mein Leben keinen Sinn hat?“ schreit der Richter ihn daraufhin an. Der – nur quantitative – Unterschied besteht darin, daß es bei Camus die Konventionen der traditionellen bürgerlichen Gesellschaft sind, bei Coetzee die der postmodernen, vorgeblich fortschrittlichen. Lurie muß aus dem Universitätsdienst ausscheiden. Melanie, in deren Interesse das offiziell geschieht, spielt in dem Verfahren die geringste Rolle, sie bildet nur den Vorwand, um den Apparat in Gang zu setzen. Ihr eifersüchtiger Freund hatte ihren bigotten Vater und dieser die Universitätsleitung informiert. David Lurie zieht zu seiner Tochter, die weit weg in der Provinz Ost-Kap allein eine kleine Farm betreibt. Während er darüber nachgrübelt, ob die attraktive Lucy eine Lesbe oder asexuell sei, werden sie von drei schwarzen Männern überfallen. Lucy wird brutal vergewaltigt. David kann ihr nicht helfen, er kommt selber nur knapp mit dem Leben davon. Gegenüber der Polizei reduziert Lucy das Verbrechen auf einen Raubüberfall – mit der nicht abwegigen, aber kaum erschöpfenden Begründung, die Täter würden „bei dem Zustand, in dem sich die Polizei befindet“, ohnehin unauffindbar bleiben. Sie trifft noch mehr Entscheidungen, die David verblüffen. Ihre Farm überschreibt sie ihrem schwarzen Nachbarn und plant, in dessen Familienverband einzutreten, obwohl Anhaltspunkte existieren, daß er in das Verbrechen eingeweiht war und die Täter kennt. Lucy, die in beinahe klischeehafter Weise die Attribute der modernen, unabhängigen, emanzipierten jungen Frau vereint, negiert damit alles, was ihr Leben bis dahin ausgemacht und sie als Angehörige der westlichen Zivilisation ausgewiesen hat. Sie vollzieht eine vollständige Regression zu einer atavistischen Lebensform. Es ist nicht bloß Resignation, die sie treibt. Natürlich kann und will sie sich der Erkenntnis nicht entziehen, daß ihre zivilisierte, privilegierte, europäische („weiße“) Existenz in Südafrika zu Ende ist. Darin liegt für sie eine historische Logik und Gerechtigkeit – eine Auffassung, die ihr Vater teilt. Als David nach mehreren Wochen nach Kapstadt zurückkehrt und sein Haus aufgebrochen und geplündert vorfindet, betrachtet er das als „Reparation“, welche den Schwarzen für das Leid der Apartheid zustehe. Seine Annahme indes, die Entscheidungen der Tochter seien von historischen Schuldkomplexen gesteuert, weist Lucy energisch zurück. Sie nimmt auch nicht an, sie könne Sicherheit, Würde und Selbstbestimmung dadurch zurückgewinnen, daß sie eine unaufhaltsame Entwicklung nicht nur erleidet, sondern bejaht und aktiv mitvollzieht. Sie weiß, daß es den Vergewaltigern um ihre Unterwerfung und Unterjochung ging, und gesteht ihre Angst vor deren Rückkehr ein. Trotzdem lehnt sie Davids Vorschlag ab, in die Niederlande oder wenigstens nach Kapstadt zu ziehen. Sie sucht Schutz bei ihrem Nachbarn. Ihr Handeln erscheint David noch konfuser, als Lucy, die durch Vergewaltigung schwanger geworden ist, das Kind austragen will. Ihre schlichte Begründung lautet: „Ich bin eine Frau, David.“ Das ist der Schlüsselsatz! Lucy versucht einen Befreiungsschlag aus ihrer (und Davids) absurden Existenz. Die Absurdität ist eine doppelte: Neben die metaphysische ist eine lebensweltliche politische, rechtliche, gesellschaftliche getreten. Der Versuch des modernen Bürgers, seine metaphysische Verhältnislosigkeit zur Welt durch die Hinwendung zu den Ideen von Fortschritt, Emanzipation, Gleichheit und Menschenrechten zu überwinden (dessen Vergeblichkeit übrigens schon in Georg Büchners „Dantons Tod“ anklingt), hat im Ergebnis in einem ganz direkten Sinn seine Lebenswelt absurd werden lassen. Während David einer harmlosen, jedenfalls einvernehmlichen Affäre wegen gesellschaftlich geächtet wird, bleibt Lucys Vergewaltigung nicht nur ungesühnt, sie setzt und besiegelt neue, vorsintflutliche Macht-, Rechts- und Besitzverhältnisse. Das austarierte System, das Frauen, Minderheiten et cetera schützen und das Zusammenleben auf eine neue, humanere Stufe heben soll, ist auf die atavistische Gewalt, die als Drohung über der weißen Gesellschaft schwebt, nicht vorbereitet, es eröffnet ihr sogar eine offene Flanke. Denn dieses System hebt auf Individualrechte ab, die unbesehen von Charakter und Herkunft der Person gelten. Der Schutz einer kollektiven Kultur, Lebensform, Identität gegenüber externen Kräften wird sukzessive als Rassismus bzw. Diskriminierung sanktions- und strafwürdig gemacht. Externen Gegenkräften bietet sich so die Chance, die Verrechtlichung individueller Ansprüche als Hebel zur Erlangung der Hegemonie zu benutzen. Wenn aber erst die kulturellen, religiösen oder nationalen Gegenkräfte stark genug sind, „daß sie den Ernstfall von sich aus bestimmen, so sind sie eben die neue Substanz der politischen Einheit geworden“ (Carl Schmitt). Dem Weißen Mann als bisherigem Herrn der Geschichte ist in dem Bestreben, sich zu bessern und begangenes Unrecht an der Welt wiedergutzumachen, die Fähigkeit abhanden gekommen, seine Lebenswelt zu schützen. Sein humanitärer Universalismus führt im eigenen Haus zum Chaos. Die Wehrlosigkeit gegenüber dieser Entwicklung beruht auf seinem historischen Schuldgefühl, das letztlich dem Bewußtsein eigener Absurdität entspringt. Die Religion scheint ihre Kraft verloren zu haben. Damit ist die Aussicht auf das Jenseits verschwunden, aus der jede realistische Skepsis gegenüber dem Diesseits kommt, die einen dessen Grenzen und die eigene Vergeblichkeit ertragen läßt. Widerlegt sind auch die modernen, innerweltlichen Erlösungsideologien. Die Skepsis umfaßt damit neben dem Diesseits die Gesamtheit der eigenen Existenz. Auf Selbstzweifel und Schuldgefühle läßt sich aber kein Machtanspruch mehr gründen. Durch Selbstbescheidung und Verzicht auf die angestammte Dominanz versucht er sein inneres Gleichgewicht wieder herzustellen. Die Gleichberechtigungs- und Antidiskriminierungsparagraphen verstärken aber nur seine innere und äußere Schwäche, was zum weiteren Verlust von Selbstachtung und Fremdrespekt führt: eine Endlosspirale, durch die er zum Jagdobjekt wird und zur Steigerung seiner Domestizierung reizt. Anstatt daß Melanies eifersüchtiger Freund mit David die Auseinandersetzung von Mann zu Mann sucht, verpetzt er ihn indirekt bei Dr. Farodia Rassooll und macht sich, indem er sich hinter dem Rücken der Feministin versteckt, von dieser abhängig. Aus seiner Kraftlosigkeit heraus kann der Weiße Mann weder den Eros als kosmische Urkraft vermitteln noch die Sinnhaftigkeit seiner Fortpflanzung begründen. Davids gelebter Selbstzweifel wirkt auf eigentümliche Weise auf seine Tochter zurück. Weil der schwach gewordene Mann für sie kein anziehendes Komplementärstück darstellt, invertiert sie notgedrungen zur Asexualität (oder zum Lesbentum) und vermännlicht. Ihre Vergewaltigung setzt eine perverse Dialektik frei: Die Erfahrung, daß ihr Vater weder sie noch sich selbst schützen kann, ist der letzte Beweis für die Todverfallenheit seiner Welt. Die Flucht nach Holland würde ihr höchstens einen Aufschub gewähren. Um zu überleben, muß sie sich aus dieser abgelebten Welt (und von ihrem Vater) lösen, was ihr verhältnismäßig leicht fällt, weil ihre Weiblichkeit darin unerfüllt blieb. Durch die Schwangerschaft, zu der sie sich in der Welt des Weißen Mannes nicht bereit finden konnte, zu der seine Besieger sie nun aber zwingen, findet sie zu ihr zurück und in ihr einen neuen Sinn. So stellt ihre gesellschaftliche Unterjochung und Unterdrückung auch eine existentielle Befreiung dar. Lucys neue Welt wird aus westlicher Perspektive keine bessere sein, aber immerhin kann sie darin leben. Für den Weißen Mann ist es schwieriger, einen Platz darin zu finden. Der Schriftsteller Matthias Politycki hatte im September 2005 im Essay „Weißer Mann – was nun?“ immerhin angedeutet, daß Europa der „Eruption physischer Macht und der Brutalität des vitalen Lebens“ aus der Dritten Welt nicht viel entgegenzusetzen habe. Literarisch ausgeführt hat das Thema der Franzose Michel Houellebecq im Roman „Plattform“ (2001). Inhaltliche Parallelen zu Coetzee sind unübersehbar. Der Roman beginnt mit der Erinnerung des Ich-Erzählers, eines Angestellten im Pariser Kulturministerium, an die Ermordung seines Vaters. Dieser war von einem Araber erschlagen worden, mit dessen Schwester er ein Verhältnis unterhielt. Bei der Gegenüberstellung spürt er, daß der Verzicht auf Rache und die Delegierung seiner Bestrafung an den Rechtsstaat – der die kulturelle Differenz als Milderungsgrund gelten lassen und ihm entgegenkommen wird – bei dem Täter nur Verachtung weckt. Den Erzähler identifiziert er instinktiv als den Vertreter einer schwachen, verkommenen, ablösungsreifen Kultur. Nicht zu Unrecht, wie sich an dessen Sexualleben zeigt. Regelmäßig besucht er nach Büroschluß eine Peepshow. Auf den Schock über den Mord reagiert er mit einem Sexurlaub in Thailand. Die Verachtung, die ihm aus den Blicken des Arabers entgegenschlug, wird sich dort potenziert in mörderischen Terroranschlägen Bahn brechen. Deutschland stellt für Houellebecq den Modellstaat europäischer Schwäche und Dekadenz dar. Den Anblick deutscher Senioren, die ihre Hand auf die Schenkel ihrer jungen asiatischen Begleiterinnen legen, kommentiert der Erzähler: „Mehr als jedes andere Volk kennen sie Kummer und Schande, sie verspüren das Bedürfnis nach zartem Fleisch, nach einer sanften und unendlich erfrischenden Haut. Mehr als jedes andere Volk kennen sie den Wunsch nach ihrer eigenen Vernichtung. Nur selten trifft man bei ihnen die pragmatische, selbstzufriedene Vulgarität der angelsächsischen Sextouristen an (…) Und genauso selten komme es vor, daß sie Gymnastik treiben und ihren eigenen Körper in Form halten. Im allgemeinen essen sie zuviel, trinken zuviel Bier und setzen Fett an; die meisten von ihnen dürften bald sterben.“ Thorsten Hinz , Jahrgang 1962, studierte Germanistik in Leipzig. Er war 1997/98 Kulturredakteur der JUNGEN FREIHEIT und arbeitet heute als freier Autor und Journalist in Berlin. 2004 wurde er mit dem Gerhard-Löwen­thal-Preis für Journalisten ausgezeichnet. Auf dem Forum schrieb er zuletzt über die deutsche „Verbundenheit zum Provisorischen“ (JF 31-32/06). Foto: Wolfgang Mattheuer, „Größe und Elend“, 1987: Düsteres Bild von der Zukunft Europas und Deutschlands gezeichnet

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