Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

So nah und doch so fern

Mit dem Jahreswechsel ist die Ratspräsidentschaft der Europäischen Union von Portugal an das kleine Slowenien übergegangen. Erstmals wird diese Aufgabe damit von einem der ostmitteleuropäischen EU-Neulinge wahrgenommen. Daß die Wahl ausgerechnet auf Slowenien fiel, ist kein Zufall. Denn dieses gilt als Muster-Reformland, das vor der Aufnahme die Konvergenzkriterien am besten erfüllte, das eine hohe durchschnittliche Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung aufweist und in dem bereits seit Januar 2007 mit dem Euro gezahlt wird. Die Slowenen sind als besonders fleißiges und sparsames Völkchen bekannt. Wer aus Deutschland die Region zwischen Karawanken und Adria bereist, wird von einer modernen Infrastruktur, schmucken Städten und Dörfern und zahlreichen neugebauten noblen Privathäusern überrascht. Die slowenische Exportwirtschaft ist innovativ und erfolgreich. Das Land ist, von einer kleineren Bevölkerungsgruppe an Wendeverlierern und den wenigen entlegenen strukturschwachen Gegenden abgesehen, alles andere als ärmlich, hat im großen und ganzen wirtschaftlich zu den EU-Altmitgliedern aufgeschlossen, in mancher Hinsicht selbst Deutschland bereits überholt (beispielsweise in bezug auf die Qualität der Fernstraßen). Die erklärte Hauptaufgabe der Regierung in Laibach (Ljubljana) im Zuge der Ratspräsidentschaft ist jedoch nicht ökonomischer, sondern außenpolitischer Natur. Es geht um die hochproblematische Kosovo-Frage, die man endlich einer Lösung zuführen will. Außenminister Dimitrij Rupel geht davon aus, daß die sezessionistische serbische Provinz bis zum Ende des slowenischen EU-Vorsitzes im Juli unabhängig sein wird und Serbien zugleich Beitrittsgespräche mit der Staatengemeinschaft beginnt. Darüber hinaus soll die wiederholt verschobene Aufnahme Kroatiens sowie nach Möglichkeit auch die weiterer Nachfolgestaaten Jugoslawiens vorangebracht werden. In diesem Zusammenhang mahnt Rupel die Einhaltung der Beschlüsse von Thessaloniki aus dem Jahr 2003 an, die allen Staaten des „westlichen Balkans“ die Einbettung in die EU in Aussicht stellten. Selbst wenn diese Perspektive angesichts der nach dem Beitritt Rumäniens und Bulgariens weiter gewachsenen inneren Reibungen und öffentlichen Widerstände in der Europäischen Union sowie der zusehends schwindenden Finanzmittel nicht mehr ganz aktuell erscheint, entspricht sie – aus nachvollziehbaren Gründen – den slowenischen Nationalinteressen. Mit dem südlichen Nachbarn Kroatien eint das fünftkleinste EU-Mitglied weit mehr als die gemeinsame Erfahrung des serbisch dominierten Jugoslawiens. Trotz aller Mentalitätsunterschiede, die das Verhältnis zwischen beiden Völkern nicht einfach gestalten, verbindet sie vor allem die mitteleuropäische kulturelle Prägung des gesamten Raumes. Die Zugehörigkeit zur österreichisch-ungarischen Donaumonarchie hat zahllose Spuren, etwa in den beiden sehenswerten Hauptstädten Laibach und Agram (Zagreb) hinterlassen. Gerade Slowenien erscheint dem deutschen Besucher landschaftlich wie kulturell vertraut. Allerdings haben bislang nur relativ wenige Touristen die Region zwischen den Karawanken im Norden, der istrischen Küste im Südwesten und der Region Pomurje im äußersten Osten entdeckt – zumindest im Vergleich zu den Nachbarn Italien und Kroatien. Auch in dieser Beziehung hat sich die neue EU-Ratspräsidentschaft viel vorgenommen: Man möchte, wie Außenminister Rupel betonte, den anderen europäischen Völkern die eigenen touristischen Attraktionen nahebringen. Tatsächlich hat Slowenien auf engem Raum ungeheuer viel zu bieten. Sein Anteil am Hochgebirge, die Julischen sowie die Kamniker und Savinjer Alpen, sind ein noch wenig erschlossenes Natur-, Wander- und Bergsteigerparadies. Der majestätische Triglav (2864 m ü. NN) ist lediglich der höchste Gipfel einer Reihe wildgezackter Bergriesen, zwischen denen sich der wunderschöne türkisfarbene Oberlauf des Isonzo (slow. Soca) hindurchschlängelt. Für den zeitgeschichtlich interessierten Reisenden besteht die Möglichkeit, sich authentisch mit einem dunklen, aber faszinierenden Kapitel der Historie zu beschäftigen: der „Front aus Eis und Fels“, die hier im Ersten Weltkrieg zwischen den Mittelmächten und Italien verlief und rund eine Million Menschenleben kostete. In den Kammlagen lassen sich vielerorts Relikte dieses perfiden Stellungskrieges finden, es gibt Museen oder die in Reiseführern zu Unrecht selten erwähnte Soldaten-Kirche des Heiligen Geistes oberhalb des Dorfes Javorca bei Tolmein. Dieses Kleinod wurde 1916 unweit der Verteidigungslinien der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie errichtet. Die Wappen aller k.u.k.-Kronländer zieren die Außenwände, während die Jugendstilarchitektur im Innern in einem von allen irdischen Leiden entrückten Blau schimmert, das eindrucksvoll die auf hölzernen Tafeln angebrachten Opferlisten mit Namen aus sämtlichen Teilen der Monarchie kontrastiert. Ganz andere historische Spuren führen nach Piran, in eine malerische Hafenstadt in Istrien. Die Altstadt mit ihrem Gassengewirr zählt zu den schönsten an der Adriaküste. Pirano, wie der Ort auf italienisch heißt, hat eine unübersehbar venezianische Prägung. Trotz des durch sein Salzmonopol früh erworbenen Reichtums war er nicht in der Lage, sich dauerhaft gegen das übermächtige Venedig zur Wehr zu setzen, so daß dieses ab dem 13. Jahrhundert für lange Zeit die Kontrolle über Piran übernahm, das sich – etwa in den Kriegen gegen Genua – als treuer Vasall zeigte. Die Zugehörigkeit zu Österreich-Ungarn von 1797 bis 1918 änderte nichts an der fast rein italienischen Bevölkerungszusammensetzung, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Loslösung von Italien und die von den neuen jugoslawischen Machthabern erzwungene Massenvertreibung ihr Ende fand. Dennoch zeugen bis heute die Architektur, die Atmosphäre in den labyrinthartigen Gäßchen, aber auch die neuen zweisprachigen Straßenschilder von dieser Geschichte, die den heute hier lebenden Slowenen sehr wohl bekannt ist und die sie – jenseits der politischen Ebene – längst angenommen haben. Zu den touristischen Höhepunkten Sloweniens gehören zweifellos die unzähligen großen und kleinen Höhlen im Karstgebiet zwischen Alpen und Adria. Die Dichte dieser unterirdischen Wunderwelten ist einmalig; scherzhaft heißt es, die Hälfte des kleinen Landes liege unter der Erde. Nicht nur die schon zu österreichischer Zeit berühmte Adelsberger Grotte (Postojna) lohnt den Besuch, ebenso andere unbekanntere Höhlen wie jene von St. Kanzian (Skocjanske jame). Wer länger in Slowenien weilt, sollte sich zumindest für Josef Plečniks Jugendstilglanz in der Hauptstadt Laibach Zeit nehmen oder auch die kulinarischen Verlockungen studieren – von den verschiedenen Weinanbaugebieten bis zum weitverbreiteten Imkerwesen. Letzteres ist aus deutscher Sicht insofern von Interesse, als ein Großteil des Honigs aus der abgelegenen Gottschee im Süden stammt, einer früheren deutschen Sprachinsel. Eingebettet in schwer zugängliche Wälder lebten hier seit dem Mittelalter vor allem aus Thüringen und Südtirol stammende Kolonisten. Im Jahre 1910 waren es rund 14 000. Der Großteil der Volksgruppe ist während des Zweiten Weltkrieges auf Weisung Hitlers ins Großdeutsche Reich umgesiedelt worden, während ihre Heimat durch den Partisanenkrieg zerstört und später durch die neuen jugoslawischen Machthaber verfremdet wurde. Heute leben in der Gottschee nur noch etwa 300 Deutsche, die sich in einem „Altsiedlerverein“ zusammengeschlossen haben. Weitaus deutlicher sind die deutschen Spuren im einstigen Herzogtum Krain im Norden sowie in der Untersteiermark im Osten auszumachen. Als deutscher Reisender sollte man sich den See von Veldes (Bled) mit der Barockkirche Hl. Maria im See ansehen, desgleichen das pittoreske Städtchen Bischofslack (Skofja Loka), dessen Grundsteine bereits im 10. Jahrhundert von den Freisinger Bischöfen gelegt worden waren, und natürlich die städtebaulichen Perlen Marburg an der Drau (Maribor) und Pettau (Ptuj). An den Landstraßen der Krain stehen „Krompir“ zum Verkauf (Grumbeeren = Kartoffeln) und verweisen auf die starken Einflüsse des Deutschen auf die slowenische Sprache. Ja, diese wurde überhaupt erst in Deutschland geschaffen: nämlich durch Primus Truber, den „Luther Sloweniens“. Der in Laibach geborene Truber, der auch die Ein-Euro-Münze des Landes ziert, verfaßte im württembergischen Exil den „Catechismus in der Windischen Sprach“, der 1550 in Tübingen erstmals gedruckt wurde. Weitere Übersetzungen ins Slowenische, aber auch ins Kroatische folgten und brachten diesen südslawischen Völkern die lateinische Schrift nahe. Zahlreiche weitere kulturelle und historische Gemeinsamkeiten verbinden Deutsche und Österreicher aufs engste mit den Slowenen. Dennoch oder wohl gerade deshalb ist das Verhältnis manchmal problematisch. Daß die Laibacher Regierung für die bürokratische Herausforderung der EU-Ratspräsidentschaft ganze Heerscharen französischer Berater, jedoch keine deutschen Diplomaten beschäftigt, ist bezeichnend – ebenso, daß die Grande Nation diese Gelegenheit zur eigenen Interessenwahrung mit herbeigeführt hatte. Ähnlich wie die Tschechen hegen viele Slowenen einen Drang zur Abgrenzung vom großen Nachbarvolk, in das die eigenen Vorfahren beinahe assimiliert worden wären. Insbesondere in der Untersteiermark, also im Raum Marburg und Pettau, haben diese durch den Zweiten Weltkrieg nachhaltig verstärkten Vorbehalte bis heute gravierende politische Folgen. Denn dort liegt das Zentrum der heimatverbliebenen deutschen Minderheit, die als solche durch den slowenischen Staat skandalöserweise noch immer nicht anerkannt wird. Foto: Soldaten-Kirche des Heiligen Geistes oberhalb des Dorfes Javorca bei Tolmein; Symbol der slowenischen Ratspräsidentschaft 2008: Gerade Slowenien erscheint dem deutschen Besucher landschaftlich wie kulturell sehr vertraut

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