Fachkräftemangel führt in die Sackgasse

Im siebten Jahr ihres Einsatzes in Afghanistan gerät auch die Bundeswehr zusehends unter Druck. Der in den vergangenen Jahren vergleichsweise ruhige Norden, in dem sie die Verantwortung trägt, ist ins Fadenkreuz der Aufständischen geraten. Die Anschläge mit Sach- und Personenschäden häufen sich. Insgesamt sind seit 2002 bereits 28 Angehörige der Bundeswehr in Afghanistan im Einsatz getötet worden. Ganz unabhängig davon, ob man das Geschehen, in das die derzeit knapp 3.500 — und bald schon bis zu 4.500 — deutschen Soldaten am Hindukusch verstrickt sind, nun als Krieg oder in der heiteren Diplomatensprache weiterhin als „Stabilisierungsmission“ bezeichnen möchte, hat dieser Einsatz den Charakter der Bundeswehr markant verändert. Nicht allein die Zeiten des Kalten Krieges, in denen man hochgerüstet Stärke demonstrieren wollte, um den Gegner von militärischen Abenteuern abzuschrecken, ohne daß je ein scharfer Schuß gefallen wäre, sind längst Geschichte. Auch die Realität der neuen „Armee im Einsatz“, die seit den frühen 1990er Jahren peu à peu Gestalt annahm, ist nicht mehr von der relativen Beschaulichkeit geprägt, wie sie etwa die Balkan-Missionen von Anfang an kennzeichnete. Die Streitkräfte werden heute vielmehr konsequent darauf ausgerichtet, nicht allein in einem vorab befriedeten Terrain letztendlich polizeiliche oder gar philanthropische Aufgaben wahrzunehmen, sondern in prekären Sicherheitslagen durchhalten und sich durchsetzen zu können. Diese neue Einsatzrealität schlägt sich notwendigerweise auch im Berufsbild des Soldaten nieder. Wer sich heute bei der Bundeswehr als Freiwilliger bewirbt, weiß, daß ihn kein Friedensdienst erwartet. Wer heute mehr als seinen Grundwehrdienst ableistet, nimmt statt dessen bewußt in Kauf, in Krisengebieten wie Afghanistan oder dereinst auch anderswo eingesetzt zu werden, wo ihn Bedrohungen für Leib und Leben erwarten und er von der Waffe Gebrauch machen muß. Für die allermeisten jungen Männer und Frauen, die vor der Frage stehen, welchen Beruf sie ergreifen sollen, dürften dies keine Argumente sein, die dafür sprechen, zur Bundeswehr zu gehen. Die jüngst von der Rheinischen Post kolportierte Meldung, die deutschen Streitkräfte stünden wegen des Afghanistan-Einsatzes vor Personalproblemen, kann daher in der Tendenz nicht überraschen. Allerdings scheint die Scheu vor den zunehmenden Risiken des Soldatenberufes noch nicht in einem Maße um sich zu greifen, daß die Alarmzeichen im Verteidigungsministerium auf rot stünden. Dieses dementierte vielmehr, daß von einem dramatischen Einbruch der Bewerberzahlen gesprochen werden könne, der aktuelle Rückgang fiele im Vergleich mit den Schwankungen der Vorjahre keineswegs aus dem Rahmen. Tatsächlich gibt es derzeit keine Indizien dafür, daß die Bundeswehr ihren Personalbedarf schon heute nicht mehr decken könnte — und dies trotz seiner außergewöhnlichen Dimensionen: Von den momentan knapp 250.000 Soldatinnen und Soldaten haben sich mehr als die Hälfte auf Zeit verpflichtet. Nur eine Minderheit von ihnen strebt an, bis zur Pensionierung als Berufssoldat in der Truppe zu bleiben. Die meisten scheiden nach Beendigung ihrer Dienstzeit aus und müssen ersetzt werden — Jahr für Jahr knapp 20.000 Männer und Frauen. Auf etwa 40 Prozent dieser neu zu besetzenden „Stellen“ rücken sogenannte „Statuswechsler“, junge Männer, die zunächst als Wehrpflichtige eingezogen wurden und sich im Laufe ihres Grundwehrdienstes für eine Verpflichtung als Soldat auf Zeit entscheiden. Ihren darüber hinausgehenden Bedarf decken die Streitkräfte am Arbeitsmarkt. Das Bewerberaufkommen mag im Vergleich mit jenem für attraktive Stellen der zivilen Wirtschaft zwar alles andere als herausragend sein, es erlaubte der Bundeswehr aber immerhin eine gewisse Auswahl. Der Spielraum, nicht jeden nehmen zu müssen, wird jedoch kleiner, je weniger Freiwillige sich melden, auch wenn die quantitativen Rekrutierungsziele bis auf weiteres noch erreicht werden können. Bereits heute verzeichnet die Bundeswehr in einigen spezialisierten Bereichen einen Mangel an Fachkräften, der über kurz oder lang nicht ohne Auswirkungen auf die Einsatzbereitschaft bleiben wird. Der Bedarf an Unteroffizieren und Feldwebeln, die eine zivilberufliche Ausbildung in den Bereichen Elektro- und Informationstechnik mitbringen, kann nicht gedeckt werden. Zahlreiche Offiziersbewerber werden für technische Verwendungen vorgesehen und in entsprechende Studiengänge gedrängt, auch wenn sie dafür weder ausreichende Vorkenntnisse mitbringen noch ein Faible entwickeln. Entsprechend viele von ihnen scheitern und brechen die universitäre Ausbildung ab. Obwohl die Fliegerei gemeinhin als Traumberuf gilt, herrscht schon seit Jahren ein eklatanter Mangel an Hubschrauberpiloten, was die Bundeswehr mit besonderer Besorgnis erfüllt, da die neuen Einsatzszenarien insbesondere Luftbeweglichkeit erfordern. Und nicht zuletzt wird im Sanitätsdienst der Engpaß an Ärzten immer dramatischer. Noch lassen sich derartige Probleme auf einige ausgewählte wichtige Bereiche eingrenzen. In der Bundeswehr wächst jedoch die Sorge, daß sie schon in naher Zukunft die Nachwuchsgewinnung in ihrer ganzen Breite erfassen und die Qualität der Streitkräfte insgesamt in Mitleidenschaft ziehen könnten. Ein Phänomen, das schon seit längerem bei so manchem Bündnispartner zu beobachten ist, droht auch hierzulande zum Tragen zu kommen: Für den Soldatenberuf bewerben sich in erster Linie jene, die in der zivilen Arbeitswelt die schlechtesten Aussichten haben. Dieses Reservoir ist jedoch nur bedingt dafür geeignet, den Anforderungen an jeden einzelnen in den Streitkräften hinsichtlich physischer und psychischer Belastbarkeit und nicht zuletzt technischer Kompetenz gerecht zu werden. Wo immer führende Militärs sich derzeit zur Lage der Bundeswehr zu Wort melden, fehlt es daher nicht an Hinweisen darauf, daß alles Reden über zukünftige Aufgaben und Fähigkeiten der Streitkräfte sinnlos ist, wenn nicht rechtzeitig die Aufmerksamkeit auf die Rekrutierung von geeignetem Personal gerichtet wird. Mehr als Mahnrufe sind ihnen allerdings nicht möglich, da die wesentlichen Faktoren, die schon in wenigen Jahren zu einer eklatanten Verschärfung der Personallage führen dürften, durch sie nicht zu beeinflussen sind. Wie könnte die Attraktivität des „Arbeitgebers Bundeswehr“ erhöht werden? Zu denken wäre hier zunächst an eine spürbare Verbesserung der Entlohnung. Der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages hat wiederholt angemerkt, daß zwei Drittel der Bundeswehrangehörigen den unteren Einkommensgruppen zuzurechnen sind und der Unmut über die deutliche finanzielle Schlechterstellung gegenüber jenen, die in vergleichbarer Position mit geringerem Risiko einem Zivilberuf nachgehen, wächst. Selbst wenn man die juristischen Probleme einer Abkoppelung der Soldaten vom übrigen öffentlichen Dienst vernachlässigt, sind die Spielräume, die der Bundeshaushalt zu einer Aufbesserung der Entlohnung läßt, sehr gering. Seit Jahren ist die Bundeswehr „chronisch unterfinanziert“, und es fehlt ihr an Mitteln, zügig jene Ausrüstung zu beschaffen, die sie für die Einsätze eigentlich benötigt. Knapp 50 Prozent des Verteidigungsetats werden für das aktive und pensionierte Personal aufgewendet. Wer hier deutlich mehr ausgeben will, müßte entweder das Budget insgesamt entsprechend erhöhen, was kaum durchzusetzen ist, oder die Rüstungsausgaben herunterfahren, was drastische Konsequenzen für die Einsätze mit sich brächte. In realistischer Einschätzung der geringen Aussichten, in der Personalrekrutierung mit deutlich besseren finanziellen Anreizen locken zu können, mangelt es nicht an Appellen aus Bundeswehr und Politik, dann doch wenigstens die Sinnhaftigkeit des Soldatenberufes als eines wertvollen Dienstes am Gemeinwohl stärker in den Vordergund zu stellen, um den Verzicht auf Einkommen durch gesellschaftliche Anerkennung zu kompensieren. Auf die Befindlichkeiten der Bevölkerung läßt sich aber noch weniger Einfluß nehmen als auf das Parlament in seiner Beschlußfassung über den Verteidigungsetat. Schon in den Jahrzehnten des Kalten Krieges, als ihr damaliger Auftrag nahezu von jedermann verstanden wurde, war die Bundeswehr lediglich eine „geduldete Armee“ (Clemens Range). Heute ist sie dem Horizont der Bürger vollends entrückt. Selbst wenn die gesellschaftliche Unterstützung wachsen und die Bezahlung besser würde, bliebe zudem das Damoklesschwert der demographischen Entwicklung über der Nachwuchsgewinnung der Bundeswehr hängen. Die Gesamtzahl der Menschen im rekrutierungsfähigen Alter geht bereits jetzt deutlich zurück. Bis 2030 wird sich, von 2006 aus gerechnet, die Zahl der 15- bis 20jährigen um 30 Prozent reduzieren. Da im gleichen Zeitraum eine wachsende Zahl von Arbeitnehmern aus dem Erwerbsleben ausscheidet, nimmt der Wettbewerb um qualifizierten oder wenigstens qualifizierungsfähigen Nachwuchs stetig zu. Für die Bundeswehr wird es hier immer schwieriger werden, sich in der Konkurrenz mit zivilen Arbeitgebern zu behaupten. Auch die Bemühungen, den demographischen Effekt durch eine stärkere Ausrichtung auf die Rekrutierung von Frauen wenigstens teilweise zu kompensieren, dürften alsbald an ihre Grenzen stoßen. Bereits heute scheint dieses Reservoir bei einem Frauenanteil von 7,5 Prozent an den Zeit- und Berufssoldaten nahezu ausgeschöpft. Eine weitere Verschärfung des Problems dürfte darüber hinaus dann eintreten, wenn die Wehrpflicht fällt. An ihrer derzeitigen Form halten unterdessen alleine die Unionsparteien fest, und dies auch nicht einmütig. Eine Mehrheit des Parlaments tritt für ihre Modifizierung, Aussetzung oder gar Abschaffung ein. Es ist keineswegs unrealistisch, daß sie schon in Koalitionsverhandlungen der näheren Zukunft zur Disposition gestellt wird. Damit entfiele nicht nur die für die Personalwerbung angenehme Möglichkeit des Wechsels vom Status des Wehrpflichtigen in einen solchen des Zeitsoldaten. Da nicht einfach alle Dienstposten für Grundwehrdienstleistende ersatzlos gestrichen werden könnten, wüchse überdies der Bedarf an Freiwilligen. In der Bundeswehr ist man sich darüber im klaren, daß es aus diesem Dilemma keinen Ausweg gäbe und eine Aussetzung der Wehrpflicht erneut zu einer erheblichen Reduzierung des Streitkräfteumfangs und einer damit einhergehenden Strukturveränderung führen müßte. So oder so erscheint es als unausweichlich, daß die Bundeswehr ihre aktuelle Präsenzstärke nicht wird halten können. Sie dürfte sich schon bald auf die Schwelle von 200.000 Männern und Frauen zubewegen und diese vielleicht sogar unterschreiten. Dies wird die Frage aufwerfen, ob sie dann noch alle Aufgaben, die man ihr zugedacht hat, erfüllen kann. Foto: Deutsche Soldaten steckengeblieben: Der Krieg in Afghanistan hat den Charakter der Bundeswehr markant verändert

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles