Taktlose Gesellschaft

Der Antiamerikanismus hat es schwer angesichts der Janusköpfigkeit Amerikas. Einerseits versorgt uns dieses Land durch seinen „American way of life“ permanent mit Ressentiments, andererseits bringt es immer wieder die stärksten Kritiker an sich selbst hervor und nimmt uns damit den Wind der wohltemperierten Kritik aus den Segeln. So auch im Fall „McDonald’s“. Die Fast-Food-Kette gilt als Inbegriff des amerikanischen Lebensstils und hat in Europa viel Kritik und Gespött auf sich gezogen. Die schärfste Kritik kommt aber wieder aus Amerika selbst. Der an der Universität Maryland lehrende Soziologe George Ritzer hat bereits 1993 mit seinem Buch „Die McDonaldisierung der Gesellschaft“ (deutsche Erstausgabe: S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 1995) eine bestechende Analyse des westlichen Zeitgeistes geliefert, indem er die „McDonaldisierung“ nicht nur auf die Essenskultur bezieht, sondern als Ausdruck der Lebenshaltung der westlichen Zivilisation enttarnt. Ritzer orientiert sich bei seiner Betrachtung des „McDonaldismus“ an den Studien zur Bürokratie von Max Weber. Weber hatte in seinen Studien zum „okzidentalen Rationalismus“ die Struktur der formalen Organisation offengelegt, die auf den bürokratischen Prinzipien der Effizienz, der Berechenbarkeit und der Vorhersehbarkeit beruht. Dabei hat er diese Grundlagen der formalen, bürokratischen Organisation zunächst in der Arbeitswelt analysiert, wobei ihm sofort klar war, daß sie die Tendenz der gesellschaftlichen Ausweitung und Verbreitung in sich tragen bis zu dem Punkt, wo die Bürokratie den Menschen in ein „Gehäuse der Hörigkeit“ überträgt. Ritzer zeigt in Anlehnung an Weber auf, wie sich diese bürokratischen Prinzipien nicht nur in der Arbeitswelt, der Ausbildung, im Freizeitverhalten, in der Politik und Familie ausbreiten, sondern die gesamte Lebenswelt erfassen bis hin zu Alltagsverrichtungen wie Essen und Schlafen. Ritzers Gegenwartsanalyse lautet: Die moderne McDonaldisierte Welt ist eine extrem verwaltete, bürokratische Welt, in der die Menschen keine eigenen Entscheidungen mehr treffen, sondern dies den Vorschriften und Verfahrensweisen überlassen, die von Organisationen stammen. McDonald’s ist gleichsam ein Mikrokosmos dieser Außensteuerung des Individuums durch formalisierte Organisationsformen. Effizienz, Berechenbarkeit und Vorhersehbarkeit werden bei McDonald’s auf die Spitze getrieben durch Standardisierung, tayloristische Arbeitsorganisation, Benutzung des Kunden als Koproduzenten und universelle Kontrolle der einzelnen Arbeits- und Handlungsabläufe. Arbeitsabläufe und Produkte sind extrem standardisiert, weltweit erhält man das gleiche Produkt in gleichbleibender Qualität: Die Frikadelle für den Burger wiegt 45 Gramm, hat 9,8 cm Durchmesser, das dazugehörige Brötchen 8,9, der Fettgehalt der Frikadelle beträgt 19 Prozent! Die Restaurants arbeiten nach tayloristischen Prinzipien: „Die Griller werden angewiesen, die Hamburger von rechts nach links nebeneinander auf den Grill zu legen und zwar in sechs Reihen zu je sechs Frikadellen.“ Der Kunde wird in die Handlungsabläufe als Koproduzent eingebunden: Er holt die bestellte Ware selbst ab, versorgt sich mit den nötigen Eßutensilien und entsorgt den Müll in bereitgestellten Containern. Alle Arbeitsabläufe werden ständig kontrolliert, die wichtigsten Arbeitsschritte in der Produktion sind technologisch gesteuert und werden größtenteils von Maschinen durchgeführt. Da die Speise nicht zeitraubend zubereitet werden muß, kann jeder essen, wann er will. Das Essen markiert auch keinen Zeitraum mehr, in dem man eine Pause macht und sich auf den Genuß konzentriert, gegessen wird eigentlich immer und immer nebenbei. Der industriellen Produktion der Speise entspricht ein industriell routinisierter Verzehr: Zwanzig Minuten soll der Gast im Durchschnitt im Restaurant verweilen, wobei er lediglich die Wahl zwischen wenigen normierten Zusammenstellungsalternativen der Speise hat. Speisezubereitung, das Essen selbst werden so nach Ritzer aus der Lebenswelt der Menschen verdrängt und von Organisationen gelenkt und gesteuert. Diese Fremdsteuerung wird allerdings geschickt kaschiert: Denn mit den standardisierten Produkten wird an der Oberfläche die bunte Vielfalt von Lebenswelten simuliert, ohne insgesamt an dem Standardisierungsniveau etwas zu ändern. So verkauft McDonald’s sein begrenztes Sortiment unter jeweils variierenden Namen in mexikanischen, spanischen, chinesischen Werbewochen. Die Standardisierung ist versteckt und so besonders perfide. Die Lebenswelt wird so durch Technologie und Organisation kolonisiert, bis die Menschen die Fähigkeit verlieren, sich selber eine Speise zuzubereiten und gemeinsam im Familienverband zu essen. Das Essen wird „entsozialisiert“ und hochgradig individualisiert. Da die Speise nicht zeitraubend zubereitet werden muß, sondern sozusagen auf Knopfdruck verfügbar ist, kann jeder essen, wann er will. Das Essen markiert auch keinen eigenen Zeitraum mehr, in dem man eine Pause macht und sich auf den Genuß der Speise konzentriert, gegessen wird in der McDonald’s-Version eigentlich immer und immer nebenbei. Dabei erheischt das Essen keine besondere Aufmerksamkeit mehr, man ißt, während man telefoniert, im Gehen oder beim Fernsehen, das Essen verschmilzt mit anderen Tätigkeiten. Wahrscheinlich sind viele Jugendliche adipös, weil sie das Essen als eigene Tätigkeit gar nicht mehr wahrnehmen. War früher das Essen ein besonderer Höhepunkt des Tages, weil die Familie oder der Freundeskreis zusammensaß, aß und kommunizierte, so diffundiert das McDonaldisierte Essen mit anderen Alltagstätigkeiten und ist auf Gemeinschaft (in der Zubereitung der Speise und im Verzehr) nicht mehr angewiesen, die Individualisierung der menschlichen Lebensbezüge hat sich auch des Essens bemächtigt. Man ißt nebenher, weil man für eine Auszeit zwecks Nahrungsaufnahme keine Zeit mehr hat. Nach Ritzer bedeutet die McDonaldisierung nicht mehr, sondern weniger Lebensqualität. Die Menschen sind nur noch Endkonsumenten, alles andere wird ihnen von den bürokratischen Organisationen abgenommen, der Mensch infantilisiert, weil er nur noch seine Bedürfnisse befriedigen kann und letztendlich die Fähigkeit verliert, Dinge des Lebensalltags für sich selber zu regeln. Wenn er auf das automatische Einchecken im Hotel wartet, sich in Schlangen vor Bankautomaten einreiht, Fast-Food nach Herstelleranweisungen in der Mikrowelle zubereitet, Waren aus dem Katalog bestellt, ins Fitness-Studio geht, immer überläßt er damit diese Bereiche des Lebens bürokratischen Organisationen und deren Regeln. Der Mensch verliert an Kompetenz und Autonomie, je mehr er sich auf die heteronome Produktion von Dienstleistungen durch bürokratische Organisationen einläßt, er wird zunehmend zu einer „außen-geleiteten“ Persönlichkeit (David Riesman). Moderne Gesellschaften zeichnen sich durch eine allgemeine Beschleunigung des Zeittaktes in sachlicher und sozialer Hinsicht aus. Die Zeitvorstellung hat sich dabei grundlegend verschoben. Verfügten ältere Gesellschaften mit kosmologischen Weltbildern über eine zyklische Zeitvorstellung, so ist diese im Gefolge der gesellschaftlichen Modernisierungsschübe einer linearen Zeitvorstellung gewichen. Kosmologische Schöpfungstheorien sahen in der Gründung der Welt durch Gott die Garantie ihrer Reproduktion, ihrer kontinuierlichen Rekreation, ihrer permanenten Wiedererschöpfung und die Geordnetheit ihres Zusammenhanges, es gab eine Einheit in der Vielheit durch ein prästrukturiertes Nacheinander. Dieses Nacheinander, die varietas temporum, war Teil des göttlichen Weltplanes, für Gott selbst gibt es nur Gleichzeitigkeit. In zyklischen Bewegungen bewegt sich die Welt, die immer auf die aeternitas, die Ewigkeit hinausläuft. Diese Zyklizität erfaßt auch die menschliche Existenz. Der Mensch durchschreitet die immer gleichen zyklischen Phasen, die durch Initiationsriten strukturiert sind: Das Kind wird zum Erwachsenen, der Erwachsene ergreift einen Beruf, er heiratet und setzt Kinder in der Welt, er geht ins Altenteil und stirbt (Reste von diesen Initiationsriten werden heute noch als Familienfeste gefeiert). Das Werden und Vergehen, die Geburt und der Tod war für jeden in den Mehr-Generationen-Familien erfahrbar. Die Lebensphase, in der sich der einzelne befand, war lang andauernd und zeitstabil, die Zeit floß dahin wie ein träger Fluß in einem festen Bett und mit festem Ziel. Die Gegenwart war langgestreckt und als solche erfahrbar. Eine solche Zeitvorstellung setzt ein kosmologisches Weltbild voraus, das im Gefolge der Säkularisierung in den westlichen Gesellschaften nachhaltig zerstört wurde. Die Zeitvorstellung wurde dezidiert linear, die Zukunft ist keine wie auch immer modifizierte Rückkehr zum Alten, sie wurde unbestimmt. Bei Novalis heißt es, die Gegenwart sei das Differential von Zukunft und Vergangenheit. Die Gegenwart trennt Zukunft und Vergangenheit und wird dadurch zerrieben. Denn die Gegenwart ist „jetzt“, und genau in diesem Augenblick ist sie schon Vergangenheit, sie existiert eigentlich gar nicht, außer als Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft. Die Vergangenheit wird zu schnell, sie holt gleichsam die Gegenwart ein, die ihr nur ein „Sekündchen“ voraus ist. Die Nähe der Vergangenheit zur Gegenwart macht die Zeit schnellebig, denn was vergangen ist, ist vergangen und kann nicht mehr revidiert werden. Mit der linearen Zeitvorstellung ändert sich auch die Imagination von Zukunft. Diese erscheint zunehmend als kontingent, offen und durch Entscheidungen in der Gegenwart beeinflußbar. Die Menschen geraten unter Dauerstreß in der verkürzten Gegenwart, weil sie versuchen müssen, auf die offene Zukunft Einfluß zu nehmen. Was sie in der Gegenwart an möglicher Zukunftsgestaltung nicht schaffen, bläst ihnen als verpaßte Chance, die andere ergriffen haben, ins Gesicht. Mit der linearen Zeitvorstellung ändert sich die Imagination von Zukunft. Die Menschen geraten unter Dauerstreß, auf die offene Zukunft Einfluß zu nehmen. Was sie an möglicher Gestaltung nicht schaffen, bläst ihnen als verpaßte Chance ins Gesicht. Die Zukunft hängt von gegenwärtigen Entscheidungen zunehmend ab, wobei die Gegenwart kaum Zeit läßt, die Richtigkeit der Entscheidung für die Zukunft einigermaßen zu prüfen. Desto mehr die Zukunft von den Entscheidungen der gesellschaftlichen Akteure abhängt, um so vernebelter und ungewisser erscheint sie. Nur Politiker können der Bevölkerung weismachen, daß sie durch Entscheidungen hier und jetzt ein Land „zukunftssicher“ machen können. So gerät die moderne westliche Gesellschaft in einen rasant beschleunigten Zeittakt, die Halbwertzeit von Entscheidungen, Kommunikationsabläufen und Produkten sinkt ständig. Produkte sind zum Zeitpunkt des Kaufs bereits veraltet, Entscheidungen müssen permanent revidiert und neu justiert werden. Zwei Auszeiten in dieser gesellschaftlichen Hetzjagd sind indes erlaubt: Krankheit und Urlaub! Doch auch diese Bereiche der traditionellen „Entschleunigung“ werden von der Schnellebigkeit erfaßt: Die Krankheit darf nicht mehr reifen und bis zur Genesung durchgestanden werden, sie wird medikamentös erschlagen von einer technologischen Knopfdruck-Medizin, und die körperlichen Alterungsprozesse sollen durch einen Fitnesswahn in der Gegenwart für die Zukunft hinausgezögert werden. Der Urlaub wird gleichzeitig kolonisiert von einer Tourismus- und Freizeitindustrie, die für die Auszeit den gleichen Zeittakt vorgibt wie in allen anderen gesellschaftlichen Teilbereichen. Die Gegenwart ist dabei zu kurz, um den touristischen Erlebnishunger zu stillen. Da Erlebnisse an sich arbiträr sind, müssen sie von der Erlebnisindustrie geplant und konstruiert werden, der moderne Pauschaltourismus bietet den Kunden „erlebnisreiche Sicherheiten“ und „sichere Überraschungserlebnisse“. Der Zeitdruck im Urlaub führt dazu, daß Erlebnisse als „Konserve“ seriell hergestellt werden müssen, auch die Auszeit im Urlaub ist McDonaldisiert. Die McDonaldisierung mit ihren Bestandteilen der Standardisierung, Bürokratisierung und Beschleunigung hat alle gesellschaftlichen Teilbereiche erfaßt: In der Produktion werden Verpackung und Form wichtiger als Funktionserfüllung, im Hochschulwesen werden Studenten in Bachelor-Studiengängen im Schnelldurchlauf zu Abschlüssen gebracht, in den Medien werden Banalitäten zu Sensationsmeldungen, im Dienstleistungssektor werden PR und Marketing wichtiger als die Dienstleistung selbst. Wo alles schneller werden muß, bleibt es nicht aus, daß Innovationen banalisieren. Natürlich gibt es auch Gegenbewegungen: von Slow-Food bis zum Individualurlaub in einer einsamen Region, doch dies sind wohl eher Refugien der Ober- und gehobenen Mittelklasse und keine wirklichen gesellschaftlich durchsetzbaren Alternativen. Der McDonaldismus ist ein Zeichen dafür, daß westliche Gesellschaften ihre Mitte und ihr Zentrum verloren haben, sie können den Menschen keine Sinnzusammenhänge ihrer Existenz vermitteln. Was bleibt, sind Billigangebote konfektionierter Produktion und Dienstleistung für hedonistische Sozialcharaktere, die den Lebenssinn durch schnellebige Bedürfnisbefriedigungen ersetzen müssen. Auch dies führt dazu, daß der Westen auf den anstehenden Kampf der Kulturen (Samuel P. Huntington) schlecht vorbereitet ist. Prof. Dr. Jost Bauch lehrt Soziologie an der Universität Konstanz. Auf dem Forum der JUNGEN FREIHEIT schrieb er zuletzt über die Notwendig- keit einer Nationalökonomie (JF 49/06). Foto: Mahlzeit bei McDonald’s: Der McDonaldismus ist ein Zeichen dafür, daß westliche Gesellschaften ihre Mitte und ihr Zentrum verloren haben

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