Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Die Entdeckung des Eigenen

Da Gerhard Löwenthal ein Journalist war, aus dessen Werk der Kampf gegen den „rotlackierten Faschismus“ der DDR nicht wegzudenken ist, möchte ich Ihnen davon berichten, welche Eindrücke Spätzeit und Untergang der DDR bei mir selbst hinterlassen haben. Vor etwas über zwanzig Jahren kam ich nach Berlin, um mein Studium fortzusetzen. Eigentlich aber wollte ich regelmäßig die Schriftsteller und Künstler besuchen, die ich zuvor auf verschiedenen Reisen in die DDR kennengelernt hatte. Ich war sehnsüchtig geworden nach der Welt jenseits der Mauer, nach den grauen Häusern, den stillen Straßen, den knatternden Zweitaktern, nach dem trüben Licht, nach den Gerüchen von Kohleheizung und Reinigungsmittel, nach dem gedämpften, überschaubaren Leben, nach dem vertraulichen, ja verschwörerischen Zusammenhalt, den ich dort fand, kurz, nach einer Mischung aus Bedrohung und Nestwärme. Für mich kam jeder dieser Besuche einer aufregenden Expedition gleich. Ich verkehrte in der Untergrundszene auf dem Prenzlauer Berg, ich fuhr noch am Abend hinüber, um etwa in kleinem Kreis eine Hörspielpremiere zu erleben, zu der man Heiner Müller erwartete. Die nahende Wiedervereinigung ahnte auch ich nicht. Daß aber dort, wo keine familiären oder ideologischen Bande das Volk mehr zusammenhielten, am deutsch-deutschen Verhältnis etwas nicht stimmte, das spürte ich sehr deutlich. Die politischen Raster, die ich mitgebracht hatte, erwiesen sich als vollkommen untauglich, als es darum ging, die frisch gewonnenen Eindrücke zu verarbeiten. Mir wurde die Paradoxie zweier Gemeinwesen bewußt, die sich nicht nacheinander sehnten und doch zusammengehörten. Und ich erlebte in der DDR ein Deutschland, das wie ein Fossil in die Gegenwart hineinragte. Es war eben wirklich eine Expedition. Ich hatte ein Land entdeckt, für das es keine Karte gab, in die ich es hätte eintragen können. Und doch gibt es etwas, worin sich West- und Ostdeutsche bis heute unterscheiden, woran sie untrüglich erkennbar bleiben. Es ist ein die Anhänglichkeit ans Eigene, die man cum grano salis eher unter Ost- als unter Westdeutschen findet. Ich meine nicht nur eine größere Anhänglichkeit an den klassischen deutschen Bildungskanon, der an den Universitäten der DDR viel größeren Raum einnahm als im Westen. Mit dem Ruf „Wir sind ein Volk“ hatten sich Bürger der DDR zu Tausenden als das deutschere Deutschland empfohlen. Der Bundesrepublik ging das zu weit. Reeducation und die Idee der absoluten Schuld hatten in Westdeutschland etwas herausgebildet, das man formelhaft in den Begriff der negativen Identität, des „negativen Nationalismus“ fassen kann. Das ist ein paradoxes Konstrukt: Eine Gemeinschaft schöpft ihre Identität aus der Negation ihrer selbst, ihr wesentliches Sein ist ihr Nichtsein. Ein derart abstraktes Selbstverständnis hat keine große Zukunft, es sei denn als Philosophie eines kollektiven Verschwindens. In jedem Fall erscheint mir eine nationale Schuld ohne nationales Subjekt ebenso widersinnig wie der Versuch, die Nation vor der Schuld in Sicherheit zu bringen. Die beinahe nationalistisch anmutende Besonderheitsidentität, die auf absolute Schuld gegründet wird, wäre genau besehen eher als „rechts“ denn als links“ zu etikettieren. Wer aus der DDR kommt, kann mit dem verinnerlichten, sagen wir ruhig „westdeutschen“ Schuldgefühl oft nicht viel anfangen, das die große Tradition des deutschen Geistes pauschal mit Verdacht belegte. In der DDR hatte man die Schuld an Krieg und Faschismus einer für überwunden erklärten gesellschaftlichen Entwicklungsstufe zugewiesen. Von der Schuld war entlastet, wer es mit den Moskauer Siegern hielt. Dem einzelnen verlangte das hohe Anpassungsleistungen an das neue System ab, es befreite ihn aber auch davon, sich einer unablässigen Selbstprüfung in Sachen Rechtsradikalismus zu unterziehen, wie die Frankfurter Schule in ihren Gruppenexperimenten modellbildend anregte. Die DDR lebte trotz vieler Schloßabrisse mit der Preußenrenaissance in Literatur, Film und Kunst etwas vor, was in der Bundesrepublik bis heute unter Verdacht steht: die Entdeckung des Eigenen. Die Wiedervereinigung fanden viele im Westen peinlich wie eine unangenehme Erinnerung. Und manch einer flüchtet sich bis heute in jene kindlich-naive Ostalgie die schmerzlos, als ästhetisches Erlebnis, den vergangenen Status quo restauriert. Die von mir sehr geschätzte Margret Boveri teilte im Januar 1959 Ernst Jünger eine ähnliche Beobachtung zur inneren Emigration mit, die mich ob der Ähnlichkeit zur Nachwendezeit sehr überraschte. Ich zitiere: „Mir scheint: der echte Emigrant kann immer noch ein wirkliches Leben führen, weil er sich mit einem neuen Land und Volk auseinandersetzen muß. Der innere Emigrant erschöpft sich in einem unfruchtbaren Ab- und Ausschließungsmanöver. Das kann zur Gewohnheit werden, so daß man den Anschluß versäumt, wenn der äußere Grund für die innere Emigration wegfällt. Wie viele Menschen in Deutschland gibt es heute, die auf diese Weise eine fiktive Existenz führen? Ich glaube viele.“ Ein in Westdeutschland geborener Kollege sagte kürzlich aus einem Hochhaus über die Dächer von Berlin blickend, der Gesellschaft da draußen mißtraue er immer noch zutiefst, um damit auf den aus seiner Sicht latenten und jederzeit wieder ausbrechen könnenden braunen Sozialismus anzuspielen. Wobei er nicht bedachte, daß demnach alle anderen über ihn genauso denken müßten, daß also in diesem Land lauter geheilte Faschisten andere geheilte Faschisten überwachten, denen sie unterstellten, jederzeit rückfällig werden zu können. Da frage ich mich, wer ist eigentlich rückwärtsgewandt? Von der Teilung Deutschlands als Strafe für Auschwitz hat im Unterschied zu den Antideutschen, die bis heute daran festhalten, der wohl prominenteste Vertreter dieses Gedankens seit längerer Zeit nicht mehr gesprochen. Insofern scheint sich etwas zu bewegen, hinter vorgehaltener Hand spricht man schon von Tauwetter, ja sogar von der „schönen Rechten“. Daß eine erfrischende Satire wie Harald Schmidts Nazometer es überhaupt ins deutsche Fernsehen geschafft hat, zeigt wohl, daß die Mentalität des Verdachts sich nicht mehr lange halten kann. Das Nazometer war ja so erfrischend, weil es das längst verinnerlichte Wächteramt nach außen gestülpt und die hysterische Selbstprüfung veralbert hat. Zurück nach Ost-Berlin. Ohne genau zu wissen, wohin die Entwicklung gehen würde, griff ich ahnungslos auf die Dinge vor, die da kommen sollten. Das hat mich gelehrt, die geschichtspolitischen Fronten, mit denen wir es täglich zu tun haben, nicht beim Nennwert zu nehmen. Vergangenheit und Zukunft sind keine konkurrierenden, vielmehr sich gegenseitig durchdringende Größen, und es kommt alles darauf an, das Verwirrspiel zu durchschauen, das sie miteinander treiben. Man muß schon den kalten Analytiker Panajotis Kondylis lesen, um die Nation nicht zu verteufeln und nicht zu verklären. Wir brauchen Begriffe von Vergangenheit und Zukunft, die nicht einfach unsere fertigen Urteile transportieren, die nicht Kampfbegriffe sind oder „Beutebegriffe“, wie Arnold Gehlen sagte, sondern dem Nachdenken Raum lassen. „Die Entdeckung des Eigenen“ – eine Formel, eine Wortmarke, unter der zur Zeit die Bücher des von mir gegründeten Landt Verlags erscheinen – halte ich für wichtig nicht so sehr um der Vergangenheit als vielmehr um der Zukunft willen. Das bedeutet, daß wir ein anderes Verhältnis zur Zukunft brauchen, nämlich eines, das uns in die Lage versetzt, die Zukunft als künftige Vergangenheit zu denken. Das 20. Jahrhundert hat so schwere Verwüstungen und Zerrissenheiten hinterlassen, daß es bis heute in Deutschland not tut, architektonische Wunden zu heilen, und dabei können wir weder Ruinenromantik noch Potemkinsche Fassaden gebrauchen, wie sich in Dresden am Beispiel Frauenkirche so schön und ergreifend gezeigt hat. Gestatten Sie mir, einen Zeugen anzuführen, der 1965 in Japan einen Meiji-Schrein besuchte und in seinem Tagebuch darüber berichtete, Ernst Jünger: An diesem Tempel, „erstaunt die Frische der Architektur; sie wird noch erhöht durch die rote Farbe der Laubmassen. Allerdings wurde der zu Ehren des 122. japanischen Kaisers errichtete Tempel erst im Jahre 1920 vollendet, dann wurde er während des Zweiten Weltkrieges zerstört und erst vor kurzem wiederhergestellt. Damit teilt er das Schicksal der meisten Bauten dieses Landes, denen Feuer und Erdbeben ihr Ziel setzen. Zudem sieht der Shintoist das Ehrwürdige nicht in der Verwitterung, sondern in der Frische des Ursprungs, die er zu erhalten sucht. Die hölzerne Säule darf ausgewechselt werden, es geht nicht um ihr Alter, sondern um den Durchblick, den sie gewährt. Und der soll ‚herrlich wie am ersten Tag‘ sein. (…) Das schien mir auch hier gelungen, und um das Ergebnis zu würdigen, sollte man es nicht unseren alten Domen vergleichen, sondern ihren neugotischen oder neoromanischen Nachahmungen.“ Die vor einhundertfünfzig Jahren neu aufgebaute Burg Hohenzollern in Hechingen ist eine neogotische Nachahmung und heute so attraktiv wie jedes echte mittelalterliche Bauwerk. Obwohl Wilhelm II. sie nicht mochte, war sie ein genialer ikonographischer Vorgriff auf die Einigung eines Reiches, das auch als moderner aufstrebender Nationalstaat auf die historische Dimension nicht verzichten konnte und das dennoch alles andere als eine Restauration des ersten Reiches war. Der Nachahmungscharakter muß weder der „Frische des Ursprungs“ Abbruch tun noch den Möglichkeiten der Zukunft. Es hängt alles davon ab, wer oder was wir sein wollen; als wer oder was wir dereinst gesehen werden wollen. Und dieser Frage können wir nicht länger ausweichen. Fotos: Übergabe von Urkunde und Medaille: Dieter Stein und Ingeborg Löwenthal ehren Andreas Krause Landt mit dem Löwenthal-Preis; Andreas Krause Landt: „Wir brauchen Begriffe von Vergangenheit und Zukunft, die nicht einfach unsere fertigen Urteile transportieren, die nicht Kampfbegriffe sind“

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