Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Freitags ist man immer klüger

Einen Duden bedienen kann jeder. Sollte man meinen. Leichter als das mühselige Blättern – von der dazu notwendigen Beherrschung des ABCs ganz zu schweigen – fällt immer wieder der Griff zum Telefonhörer. So gerät die Schlußredaktion zur Seelsorge für orthographiegestörte Redakteure: „Zusammen oder auseinander? Groß oder klein?“ – „Kommt da wirklich kein Komma hin?“ – „Was ist noch mal der Unterschied zwischen Sippenhaft und Sippenhaftung?“ Die ungläubige Nachfrage „Bist du dir da ganz sicher?“ zieht zwar lange und meist überflüssige Debatten nach sich, hat aber wenigstens den Effekt, daß der Zuständige sich schließlich doch noch bequemt, selber die Nachschlagewerke zu wälzen. Denn nebenbei gilt es ja im Garten der Stilblüten Unkraut zu jäten, Woche für Woche eine Viertelmillion Zeichen auf Herz und Nieren zu prüfen, darauf zu achten, daß keins von ihnen aus der Reihe tanzt, die Sätze nicht als Bandwürmer ohne Punkt und Komma durch die Bleiwüste kreuchen und sich keine schiefen Bilder wie diese einschleichen. Ein Gutteil dieser Arbeit ist vergebliche Liebesmüh, wenn Texte kurzfristig „gekippt“ oder auf Nimmerwiedersehen ins Nirvana des Stehsatzes verschoben werden. Wenn man dabei eines lernt, dann dies: jeder Gewißheit zu mißtrauen und jedes ungute Bauchgefühl zu verfolgen – quer durchs Internet, den guten alten Brockhaus oder auch den Oeckl. Autoren ärgern sich zu Recht über übersehene Fehler. Erst recht ärgern sie sich über Fehler, die ihren Texten beim Redigieren und Korrigieren zugefügt werden, die berüchtigten „Verschlimmbesserungen“. Ein Wort so häßlich wie das, was es beschreibt. Man lernt nie aus, aber ständig dazu: Kyritz liegt nicht an der Knatter, sondern an der Jäglitz, der Schuster hat nur einen Leisten, bei dem er gefälligst bleiben soll, und Vivaldis Oper heißt tatsächlich „Motezuma“, obwohl sie von Montezuma handelt. Vor allem aber, daß man freitags, wenn die frischgedruckte Ausgabe auf dem Schreibtisch liegt, immer klüger ist: Fehler, die beim Redaktionsschluß am Dienstagabend vor den überstrapazierten Augen verschwammen, stechen schärfstens hervor; gelungene Formulierungen, die einem einfach nicht einfallen wollten, drängen sich plötzlich auf. Da hilft dann kein Duden mehr, sondern nur eine Uhr, die sich zurückstellen ließe. Weitere Informationen, mit Fotos, Grafiken u.ä. finden Sie in der PDF-Datei „20 Jahre JUNGE FREIHEIT“. oder im Portal JUNGE FREIHEIT

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