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Die Rückkehr der Mütter

Ein Buch indiskutablen Inhalts wird im Normalfall ignoriert. Stammt es aus der Feder eines Bildschirm-Promis, taugt es für ein paar spöttische Zeilen. Daß sämtliche Medien in Übereinstimmung voller Hohn und persönlicher Injurien über eine Schrift herfallen, ist eigentlich nur bei Rechtsradikalismus-Verdacht ein geläufiges Phänomen. Selten, daß ein Buch mit gesellschaftlicher Fragestellung einhellig für zornigsten Unmut sorgt – zumindest, und das ist eine bedeutsame Einschränkung, was die veröffentlichte Meinung dazu betrifft. Derart zur Prügeldame der Nation ist unversehens Eva Herman geworden. Jene, wie es bislang schien, an Harmlosigkeit kaum zu überbietende Tagesschau-Dame hat mit ihrem vergangene Woche erschienenen Buch „Das Eva-Prinzip“ – die 50.000 Exemplare der Erstauflage sollen bereits verkauft sein – einen Einwurf gewagt, den man getrost einen Tabubruch nennen darf. Mit Verve rührt Herman an einen neuzeitlichen Mythos: jenen von der grundlegenden Egalität der Geschlechter, dem grenzenlosen Machbarkeitsdenken öffentlich gepriesener weiblicher Lebensläufe. Mütterlichkeit und Hausfrauendasein, kritisiert die Autorin, gelten heute als Eingeständnisse eines rückständig-altmodischen Lebensentwurfs. Ihr Buch handelt von Frauen, die ihre Identität in die Erwerbstätigkeit verlegt haben, denen Kinder gar nichts oder wegzuorganisierender Zierrat sind, denen Abtreibung zum akzeptablen Mittel zwecks Behebung eines Störfalls geworden ist. Jede Frau, fordert Herman, solle ernsthaft prüfen, ob ihr Leben dank dieser Errungenschaften wirklich glücklicher ist – oder ob die Hingabe an eine Männerwelt unter Preisgabe natürlicher weiblicher Fähigkeiten nicht tatsächlich einer täglichen Zerreißprobe gleicht. Nun also schlagen die Wellen hoch und höher. Ein Blick auf die Debattenbeiträge zu Hermans Buch offenbart, daß sich unter hundert Stellungnahmen neunundneunzig Schmähungen finden. Zuvörderst ihre ebenfalls prominenten Geschlechtsgenossinnen rasen. Ob Margarethe Schreinemakers, Bischöfin Käßmann, Amelie Fried oder die unvermeidliche Alice Schwarzer, von der Legion wütender Journalistinnen, die sich in ihrer karrierefixierten Identität aufs Empfindlichste angekratzt sehen, ganz zu schweigen: An Despektierlichkeiten und ätzendem Spott („Mutterkreuz!“, „Steinzeit!“, „Altersradikalität!“) wird nicht gespart angesichts Hermans überwunden geglaubter Thesen von einem bedrohlichen Rückzug der Mütterlichkeit. Sachliche Auseinandersetzung, gar weibliche Solidarität: Mangelware. Eva Herman hat ihren Finger unverkennbar in eine schwärende Wund gelegt. Der Zorn über ihre unzeitgemäßen Einlassungen brandet deshalb so hoch, weil hier keine hobbyschreibende Hausfrau, sondern eine aus den eigenen Reihen das Wort ergriff: Nach ihrem Realschulabschluß hatte sich die Halbwaise zur Hotelfachfrau ausbilden lassen, absolvierte ab 1983 eine journalistische Ausbildung beim Bayerischen Rundfunk und gehörte seit 1989 zur Tagesschau-Mannschaft. Nebenbei verfaßte sie Romane und Sachbücher, versuchte sich als Sängerin und moderiert eine Talkshow. Ihr eigenes Karrierestreben, ihre Vorlieben für knappe Kleidung, Motorräder und wechselnde Ehepartner (bisher vier) kontrastieren das Frauenbild, das die Porsche-Liebhaberin in ihrem jüngsten Buch entwirft. Dies sollte, um auf die im Falle Günter Grass oft geübte Generosität zurückzugreifen, zurücktreten dürfen hinter der Diskussion, die ihre Schrift aufgeworfen hat. Ohnehin ist Herman weit entfernt davon, ihren eigenen Lebensweg als Vorbild zu verkaufen. Hätte sie abermals ein ganzes Leben vor sich, so äußerte sie jüngst, hätte sie fünf Kinder und würde ihren Mann das Geld verdienen lassen. Als Werk einer Namenlosen wäre das Buch kaum der Rede wert. Zumindest nicht all jenen, denen nun in den Gesellschaftssparten der Zeitungen und Rundfunkmedien die Zornesröte in die Feder fährt. Über die Wichtigkeit der Mutter-Kind-Bindung ist das Wesentliche längst geschrieben worden. Von ausgewiesener Fachliteratur ganz abgesehen, bieten unter anderem Christa Meves‘ Bücher oder Susanne Gaschkes „Emanzipationsfalle“ von 2005 tiefgründigere Analysen dessen, was die späte Mutter Herman nun ungleich öffentlichkeitswirksamer aufdeckt. Bevor die Gleichheitsfeministinnen vom Schlage Schwarzers die Deutungshoheit gewannen, kursierte eine Vielzahl feministischer Theorien, die die Verschiedenheit der Geschlechter betonten, und zwar in einem weniger klagevollen Ton, als ihn Herman nun – bisweilen arg selbstreferentiell – anstimmt. Doch darum geht es nicht in der wichtigen Debatte, die das Buch bereits Wochen vor seinem Erscheinen ausgelöst hat. Es geht um die Angst vor der Biologie, die niemand der heutigen Frauengeneration zu gründlich beigebracht hat wie Alice Schwarzer. Die Wirkung ihrer Thesen vollzog sich subkutan und auf diesem Weg einer schleichenden Aneignung um so gründlicher. Nur eine Minderheit der Frauen würde sich heute als „Emanze“ bezeichnen. Dennoch hat die Masse der „BürgerInnen“ die Schwarzerschen Thesen – ob zur Ehe, zur Mutterschaft oder zur Abtreibung – längst gründlich verinnerlicht. Die 48jährige Herman war wiederholt zur beliebtesten Moderatorin der Nation gewählt worden, doch mit der Rolle als Nachrichtenverleserin hat es sich zunächst. Sie sei aufgefordert worden, sich zurückzuhalten, so Herman, „oder dieses wichtige Thema weiter offensiv zu bearbeiten: Ich entschied mich für die zweite Variante.“ Den hitzigen Reaktionen auf ihr Buch begegnet sie mit demonstrativer Gelassenheit: Empörung sei ein verbreitetes Reaktionsmuster, wenn jemand gegen den Strich denke. Man sollte bedenken, daß all die Aufregung eine Vorstufe zur Reflexion darstellen könne. Umfragen sprechen von bis zu 92 Prozent Ablehnung der Hermanschen Thesen, Leserbriefe liegen jedoch fast durchgehend quer zum Tenor der Medien. Freilich ist die Frage nach dem Kurs weiblicher Selbst- oder Fremdbestimmung kein Thema, das durch Abstimmungsergebnisse Gültigkeit erhält. Eva Herman hat mit ihrem Buch eine deutliche Gegenstimme zum etablierten Staatsfeminismus mitsamt seinen Rollentausch-Offerten, seiner Sprachregelungen, seinen teuer und großangelegten Gender-Mainstreaming-Projekten erhoben. Glücklich macht der Unisex-Wahn kaum jemanden: Weder die Frauen noch die Männern, und erst recht nicht jene, die hierbei institutionell wegzuorganisieren sind – unsere Kindern.

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