Joachim Kuhs

 

Die Antibürgerlichen

Er ist nicht mehr allein im (Waffen-)SS-Club, die übrigen Mitglieder könnten schon ein „Who is who“ bundesrepublikanischer Prominenz abgeben. Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer und der Rektor der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH), Hans Ernst Schneider (besser als Hans Schwerte bekannt), leisten ihm Gesellschaft, Romanistik-Koryphäe Hans Robert Jauß und Lyrikgröße Hans Egon Holthusen sind dabei, ferner SZ-Chefredakteur Hans Schuster und Franz Schönhuber, stellvertretender Chefredakteur beim Bayerischen Rundfunk. Diese einstige Garde mit der Doppel-Sigrune am Kragenspiegel, die einige Jahrzehnte später mehrheitlich zu einer roten Garde mutiert sein wird, schleppt eine lange übersehene Konterbande in ihrem geistigen Sturmgepäck, deren Entdeckung zwar medienwirksam, aber politisch nicht wünschenswert ist. Hitlers jugendliche Anhängerschaft erlebt das Dritte Reich nämlich nicht als eine Diktatur, sondern als deren Gegenteil: als Aufbruch zur nationalen und sozialen Freiheit und als Ausbruch aus der erstickenden Enge der späten Weimarer Republik, die mittlerweile am eigenen Unvermögen und den Folgen der Weltwirtschaftskrise dahinsiecht. Die Führung des Dritten Reiches macht sich hingegen in einem atemberaubenden Tempo daran, der deutschen Gesellschaft die gewaltigste Modernisierungskur des zwanzigsten Jahrhunderts zu verpassen. Und sie bringt ein dem geistigen Arsenal der Französischen Revolution entlehntes und auf rassische Grundlage gestelltes Gleichheitsversprechen in Umlauf, in dem sich (über den Rassenkampf) ein Ende des Klassenkampfes ankündigt. Was sie als Niederreißen der sozialen Schranken ankündigt, empfindet die jugendliche Anhängerschar als Versprechen des Ausbruchs aus den beengten, vielfach kleinbürgerlichen Verhältnissen in Schule, Arbeit und Familie, als Überwindung unerträglich gewordener Klassenunterschiede, als Aussicht auf Freiheit und Abenteuer. Es ist ein Programm der Antibürgerlichkeit, das in der Zusammenbruchgesellschaft nach 1945 seine nahezu ungebrochene Kontinuität findet. Dieser Teil der Modernisierung bleibt am besten haften und wird nach dem Krieg vielfach erneut aktiviert. Grass‘ Attacken gegen die stickige Enge der Adenauer-Ära, die er verbissen in „Hundejahre“ (1963) reitet, sind vielfach als Beginn seiner schriftstellerischen SPD-Nähe, ja als Austritt aus dem literarischen Elfenbeinturm gelesen worden. Dies ist aber falsch: Auch für ihn stand die soziale Aufwärtsmobilisierung der Massen im Dritten Reich Pate. An diesem Maßstab gemessen erwies sich die frühe Bundesrepublik als das spießigere, stärker beschränkte, vielfach kleinkarierte Kleinbürgermodell, das erneut Bildungsprivilegien und Klassenschranken einführte, die die Jahrgänge 1920 bis 1930 bereits überwunden glaubten. „Antibürgerlich“ steht in den fünfziger Jahren als Synonym für „modern“. Antibürgerlich gibt sich die junge Poesie (an der die ehemaligen Hitlerjungen Peter Rühmkorf und Hans Magnus Enzensberger regen Anteil haben), antibürgerlich gebärdet sich die Prosa der Martin Walser und Günter Grass, ganz und gar antibürgerlich ist aber die Philosophie der aus dem US-Exil zurückgekehrten Theodor Adorno und Max Horkheimer, die das Bürgerliche für eine konsequente Vorstufe zum Faschismus hielten. In ihrem gemeinsamen Impetus finden hierin – nicht die erste Paradoxie der jungen Nachkriegsrepublik – die einst von den Nationalsozialisten verjagten jüdischen Emigranten und die ehemals strammen Gläubigen der sozialen Rassenlehre zueinander. Antidemokratisches Ethos politisch korrekt verschleiert In der Literaturwissenschaft konnte man dies freilich viel filigraner haben. Thomas Mann zum Beispiel wurde für zweierlei politisch attackiert: für seine prodemokratische und probürgerliche Haltung. Hans Ernst Schneider, ein führender Mann der SS-Firma „Ahnenerbe“, schleuderte bis 1945 Aufsätze gegen den Vernunftrepublikaner Mann, die deutlich von einem militant antidemokratischen Ethos geprägt sind. Als Schneider sich 1958, mittlerweile Hans Schwerte geworden, mit einer vielbeachteten Arbeit über „Faust und das Faustische – Ein Kapitel deutscher Ideologie“ habilitiert, ist der Anti-Thomas-Mann-Affekt erneut unverkennbar da, diesmal allerdings politisch korrekt als Antibürgerlichkeit verschleiert und somit wieder salonfähig. Als die wahre Vorgeschichte von Hans Schwerte als prononciertem Sprecher der Bewältigungsgermanistik aufflog, war das Entsetzen auf der Linken immens. Unbeachtet blieb, warum der promovierte SS-Mann seine geistige Heimat nach 1945 gerade links suchte – und fand. Ergiebiger als grenzenlose Fassungslosigkeit ist da der Blick auf Forschungsstand und -ausrichtung der Literaturwissenschaft im Dritten Reich. Weiß man nämlich, in welchem Maße diese mit den bürgerlich-geschichtslosen Methoden der Hermeneutik brechen, die Massen- und Unterhaltungsliteratur aufwerten, Leseprozesse demokratisieren und den lange vernachlässigten Leser ins Zentrum der Interpretation rücken wollte, begreift man schneller, wieso ausgerechnet diese Akzente sowohl bei Schwerte als auch bei Jauß in den sechziger Jahren durchsetzten. Aus dieser antibürgerlichen Haltung resultiert ein Arbeitsethos. Der alte Fuchs Adenauer, der in den Fünfzigern einen noch ziemlich klammen Staat verwaltete, wußte sehr wohl, daß er sich darauf verlassen konnte, als es an den Wiederaufbau ging. Für die Generation der etwa Dreißigjährigen war Arbeit gleichbedeutend mit Verkürzung sozialer Distanzen. So kleinkariert die frühe Bundesrepublik ausfallen mochte, sie lebte als Idee von dem (modifizierten) Versprechen einer sozialen Gleichheit, das sich eben in der beeindruckenden Wiederaufbauleistung widerspiegelt. Diese mochte zweiten Bildungsweg, Volkshochschulen oder demokratische Presse einschließen, sie forderte auf jeden Fall ein Denken, das das vorgefundene soziale Gefüge für veränderbar hielt. Es gehört zwar zu den Paradoxien der deutschen Nachkriegsgeschichte, daß der einflußreiche linksliberale SZ-Chefredakteur Hans Schuster ausgerechnet über „Die Judenfrage in Rumänien“ promovieren konnte. Daß er sich nach 1945 indes an der Spitze der Veränderung in der Presse fand, ist so inkonsequent nicht. Foto: Adenauer bei seinem geliebten Boggia-Spiel: Die „stickige Enge der Adenauer-Ära“ wurde als antimodernes Feindbild bekämpft

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles