Der Tugendhafte

Mit den Tugenden, zumal den preußisch-deutschen, ist das so eine Sache. Aufrichtigkeit, Geradlinigkeit, Fleiß, Bescheidenheit, Zuverlässigkeit, Pflichtbewußtsein, Disziplin, Unbestechlichkeit – alle diese Charaktereigenschaften gelten heute und hierzulande keineswegs mehr selbstverständlich als erstrebenswertes Ideal. Im Gegenteil: Bei vielen Meinungsmachern stehen Tugenden in Mißkredit. Jahrzehnte der Verhöhnung, Verspottung und Verächtlichmachung als "Sekundärtugenden" haben dazu geführt, daß kaum noch jemand wagt, sie öffentlich aufs Tapet zu bringen. Nur wenige gewichtige Stimmen haben sich der fortwährenden Denunziation tugendhaften Verhaltens standhaft widersetzt. Zu ihnen gehört der Philosoph und Publizist Günter Zehm.

Seit gut dreißig Jahren veröffentlicht der mittlerweile 72jährige Woche für Woche seine "Pankraz"-Kolumne, zuerst in der Tageszeitung Die Welt (seit 1975), wo er Feuilleton-Chef und stellvertretender Chefredakteur war, dann im Rheinischen Merkur (1990 bis 1994) und seit Januar 1995 in der JUNGEN FREIHEIT. Mehr als 1.500 "Pankraz"-Kolumnen sind in diesen drei Jahrzehnten gedruckt worden, kein anderer Journalist in Deutschland kann auch nur annähernd auf ein derart beständiges Schaffen verweisen. "Pankraz" ist wahrhaft und ohne Übertreibung einzigartig in der deutschsprachigen Publizistik.

Der erste unmittelbare Kontakt zur JUNGEN FREIHEIT kam im Februar 1994 zustande, als Günter Zehm der Zeitung ein Interview zum Stand der deutschen Einheit und zur Lage der konservativen Publizistik gab. Dabei wäre es womöglich geblieben, wenn der Rheinische Merkur nur vier Monate später nicht in einem skandalösen Willkürakt eine Kolumne Zehms zu den fragwürdigen Gedenkfeiern anläßlich des 50. Jahrestages der Landung der Alliierten in der Normandie aus politischen Gründen aus dem Blatt genommen hätte, und zwar ­ – um das Maß voll zu machen – ohne ihn vorher zu informieren. Statt dessen druckte die Redaktion des Rheinischen Merkur den wahrheitswidrigen Hinweis "Pankraz ist in dieser Woche verreist". Zehm war außer sich. Einen solchen Eingriff in seine Kolumnistenfreiheit konnte er unmöglich hinnehmen. Empört wandte er sich an die JF, die den inkriminierten Text eine Woche später anstandslos veröffentlichte.

Verstärkt wurde das Band zwischen Günter Zehm und der JUNGEN FREIHEIT dann im Dezember 1994. Nach dem verheerenden Brandanschlag auf die damalige Druckerei der Zeitung in Weimar traf Zehm die alles andere als naheliegende Entscheidung, seine heimatlos gewordene "Pankraz"-Kolumne fortan in der JF erscheinen zu lassen. Es sollte der Beginn einer bis heute andauernden Freundschaft werden.

Längst ist Günter Zehm aus dem Dasein der JUNGEN FREIHEIT nicht mehr wegzudenken. Er bildet gewissermaßen "die spirituelle Mitte der Zeitung", so JF-Autor Thorsten Hinz, und ist mit seinem reichen Erfahrungsschatz Lehrmeister für die meisten Mitarbeiter. Wann immer die Redaktion den Rat dieses Vollblutjournalisten benötigt, stets hat er ein offenes Ohr. Ganz zu schweigen von seinen gleichermaßen urteilssicheren wie sprachmächtigen und geistreichen Leitartikeln, Kommentaren und Glossen, die er neben seiner wöchentlichen "Pankraz"-Kolumne für die Zeitung schreibt.

Und doch liegt das Außergewöhnliche an "Pankraz" nicht allein in seinem journalistischen Werk begründet. Vor allem beeindruckt an Günter Zehm seine Haltung, seine Tugendhaftigkeit, die sich ­ – nebenbei bemerkt – nicht zuletzt auch darin ausdrückt, daß er Lobreden auf sich bescheiden abwehrt. Mag er auch zu Recht der Meinung sein, weit mehr als viele publizistische Leichtgewichte und Eintagsfliegen, die quasi rund um die Uhr mit Preisen bedacht werden, Anerkennung und Auszeichnung verdient zu haben, nie würde er deswegen in Larmoyanz verfallen. Wie einst Sokrates ist Zehm überzeugt davon, daß Tugend ihren Lohn in sich selber trägt, wahre Glückseligkeit ist.

Überhaupt nichts hält er davon, wenn Politiker, Meinungsmacher und Intellektuelle Tugenden ständig beschwören, predigen, einfordern. Günter Zehm weiß, daß Tugenden gelebt, vorgelebt werden müssen. "Schöne Rede schmückt das Zimmer", zitierte er in einer "Pankraz"-Kolumne von 1998 zustimmend eine alte chinesische Weisheit, "Tugend schmückt den Leib." Sich selbst daran zu halten, macht ihn zu einem Vorbild.

Günter Zehm wurde 1933 in Sachsen geboren. Philosophie-Studium bei Ernst Bloch. Wegen "regimekritischer Äußerungen" saß er von 1957 bis 1961 in SED-Zuchthäusern. Nach seiner Entlassung flüchtete er in den Westen. Promotion bei Theodor W. Adorno und Carlo Schmid. Nach über 30 Jahren "Pankraz"-Kolumne erscheint in diesen Tagen in der Edition JF ein Sammelband mit Zehms Lieblingskolumnen.

Weitere Informationen, mit Fotos, Grafiken u.ä. finden Sie in der PDF-Datei "20 Jahre JUNGE FREIHEIT". oder im Portal JUNGE FREIHEIT

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