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Blattplanung mit Therapie

Kommt Ihr?!“ Mit dieser fast zärtlichen Aufforderung lädt der Chef vom Dienst Thorsten Thaler zur Eingangsredaktionssitzung am Mittwoch, pünktlich um 14 Uhr ein. Bevor sich der Troß der Redakteure in das Konferenzzimmer bewegt, wird noch hektisch der Kaffeebecher aufgefüllt. Alle wissen, bis mindestens 15.30 Uhr muß sein Inhalt vorhalten, so lang dauert meist die heute anstehende grobe Planung der nächsten Ausgabe. Obwohl es offiziell keine feste Sitzordnung gibt, wird der neue Praktikant unwirsch von den seit Jahren eingenommenen Stammplätzen verwiesen – schließlich bis zum Platz von Schlußredakteurin Silke Lührmann, denn der ist mittwochs verwaist. Die Kopfenden gehören dem Chefredakteur und seiner rechten Hand, dem CvD. „Sammeln wir doch erst einmal Themen“, regt Dieter Stein die Runde an. Meist – wie auch heute – nicht ohne zuvor ermunternde oder kritische Leserreaktionen aus den letzten Tagen zum besten zu geben. Doch schon prasseln die Aufreger der Woche, zu berücksichtigende Termine und bereits vorliegende Artikel in die Runde. Erste Schwerpunkte der Ausgabe beginnen sich herauszukristallisieren. Gewöhnlich kommt es bei bestimmten Themen immer wieder zu lebhaften Diskussionen. Manchmal, allerdings viel zu selten, entwickeln sich daraus sogar intellektuell anspruchsvolle Debatten. Doch auch heute wird es dazu wieder nicht kommen: Diesmal ist der Streitpunkt die auf der regierungspolitischen Agenda stehende Reform der Krankenversicherung. Bälle werden ausgetauscht, Koalitionen bilden sich, der Wirtschaftsredakteur braust auf, andere Kollegen lächeln herausfordernd. Thorsten Thaler zieht die Notbremse: „Gehen wir doch endlich durch.“ Gemeint ist der jungfräuliche Plan der nächsten Ausgabe, der nun Ressort für Ressort mit Themen und Autoren besetzt wird. Wer geht zur Pressekonferenz nach XY? Wer kann am besten zum Antidiskriminierungsgesetz schreiben? Namen werden genannt, schnell verworfen: „Der bringt selten Fakten, telefoniert zu wenig.“ Man bleibt stecken, vertagt sich letztlich. Der weiße Fleck auf dem Ausgabenspiegel wird vorerst unausgefüllt bleiben. Man könne das ja „auf Zuruf“ erledigen. Doch wie so oft wird daraus nichts werden. Und morgen, dann um 11 Uhr, wird sich genau an dieser Stelle die Diskussion neu entzünden – wenn es wieder heißt: „Kommt Ihr?!“ Weitere Informationen, mit Fotos, Grafiken u.ä. finden Sie in der PDF-Datei „20 Jahre JUNGE FREIHEIT“. oder im Portal JUNGE FREIHEIT

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