Ohne Staat geht es nicht

Manchmal verschleiern schöne Begriffe den harten Blick auf unser trauriges Leben. Manchmal ist es die Anonymität des Vorgangs, die uns daran hindert, gerade hier oder gerade dort eine schulmäßige Barrikade zu errichten. Manchmal fehlt schlicht die Idee, für die es sich lohnt, eine Sense aus dem Werkzeugschuppen zu holen und daran die Schwarze Fahne zu befestigen. Einer, der die Schwarze Fahne gehißt hat, ungeschminkt über den Staatsbankrott spricht und das Widerstandsrecht der Fleißigen gegen staatlich betriebene Ausbeutung und Umverteilung formuliert, ist der libertäre Erfolgsautor Hans-Hermann Hoppe – derzeit in Sachen Anarchokapitalismus unterwegs in ganz Deutschland. Hoppe stellt die Demokratie als „Herrschaft der Ausbeutung und Umverteilung“ in Frage, hält den Staat an sich für einen Irrläufer der Geschichte und fordert die völlige Befreiung des Menschen von jeglicher institutioneller Gängelung: Über ein frei gewähltes System von Verträgen und wirtschaftlichen Anreizen werde sich binnen kurzer Frist eine „natürliche Ordnung“ einstellen, ein Netzwerk aus in sich hierarchisch sortierten Kommunen, in denen alles, wirklich alles über den freien Markt effizient geregelt werde. Verwaltung, Bildung, innere Sicherheit, Gesundheitswesen, Trinkwasseraufbe-reitung, selbst die Abwehr kriegerischer Handlungen: Alles und noch viel mehr lasse sich durch ein Anreizsystem lenken, das bei „gutem“ Verhalten ökonomischen Erfolg fördert, für „schlechtes“ Verhalten empfindliche Einbußen glaubhaft androht. Mit seinem System spricht Hoppe vor allem junge, erfolgreiche Akademiker an, sie sind seine Zielgruppe, und er macht sich unter ihnen um die Verbreitung von vier grundlegenden Einsichten verdient: Zum einen verlagert er das Augenmerk in der Frage, wie das Leben erfolgreich verlaufen, also glücken könne, zurück in die Leistungsbereitschaft und -fähigkeit jedes einzelnen. Die Persönlichkeit – und nicht das Milieu! – als ausschlaggebenden Träger geschichtlicher Bewegung zu verstehen: Das verbindet einen Libertären und einen Rechten. Auch: der Welt mit eigener Gestaltungskraft begegnen zu können, danach zu fragen, was zu tun sei und nicht: was einem wohl als nächstes zustoße oder woher Subventionierung kommen könnte. Hoppes zweites Verdienst ist, daß er die Kommune, Gemeinde, die Polis, die konkret erlebbare politische Größe also, zum Kristallisationspunkt förderlicher Entwicklung macht. Jeder habe sich selbst und vor Ort um das gedeihliche Miteinander zu kümmern: Hoppes libertäres System ist subsidiär, es ist die Theorie einer Revolution von unten. Zum dritten – und das ist vor dem Hintergrund seiner libertären Denktradition überraschend – rechnet Hoppe mit grundsätzlichen, fundamentalen Unterschieden von Mensch zu Mensch. Diese Unterschiede seien der Grund dafür, daß sich auch in der libertären Gesellschaft eine Hierarchie, eine „natürliche Ordnung“ einstelle. Zuletzt resultiert aus dem geschlossenen Entwurf Hoppes als viertes Verdienst ein gerüttelt Maß an öffentlicher Wahrnehmung: Das Unvermittelte und Simple des Anarchokapitalismus hat einer radikalen Systemkritik die notwendige Aufmerksamkeit verschafft. Zuspitzung, Provokation, Reduzierung sind die Mittel, die Hoppe für den Erfolg seiner Arbeit gezielt einsetzt. Seine Vorträge sind brachial und seine Methode, heilige Kühe zu schlachten, ist – mit Blick auf den Zustand Deutschlands und anderer liberaler Systeme – ein unterstützenswertes Unterfangen. Nicht unterstützenswert jedoch ist der Zielpunkt Hoppes: sein grundsätzlich in sich stimmiges, geschlossenes System „Anarchokapitalismus“, erdacht und detailliert bis in seine Umsetzung hinein beschrieben von einer libertären Denkschule aus den Vereinigten Staaten. Einer der Protagonisten dieser Schüler Hayeks und Rothbards ist eben Hoppe. Aber seine Entwürfe beeindrucken allenfalls als Denksport und Fleißarbeit; etwas Naives und ein ärgerlicher Unernst haftet ihnen an, denn die Geschichte und der Mensch sind nicht so simpel, wie es der Konstrukteur einer libertären Vertragswelt gerne hätte. Hoppes Entwurf aber macht aus dem Menschen einen „Simpel“, er reduziert ihn auf wenige Grunddaseinsfunktionen oder Steuerungselemente und blendet alle anderen aus. Hoppes Utopie ist ein vertraglich geregeltes Zusammenleben in Freiheit, er nennt diesen Zustand „Anarchie“, und die notwendige Vorraussetzung dafür ist die Norm der Gewaltlosigkeit, der Respekt also vor der oben beschriebenen Freiheit und der Respekt vor den Grenzen, die der hundertfältig variierte und geschlossene Vertrag in der jeweiligen Situation setzt. Auf diese Weise vermeint ein Libertärer wie Hoppe die Welt verstehen zu können. Libertäre gehen davon aus, daß ihr System, ihr widerspruchsfreier Entwurf universale Gültigkeit besitze und durch rationalen und existentiellen Nachvollzug tatsächlich ein Ende der Geschichte herbeiführen werde, einen Zustand nämlich des endlosen Handelns und Tauschens, Erwerbens und Konsumierens, Bewertens, Bezifferns, Regelns, Diskutierens, kurz: einen einzigen großen Basar, an dem teilzunehmen jeder Mensch guten Willens und obsiegender Vernunft eingeladen ist. Hier findet sich Hoppes Fehlan-nahme einer dennoch fundamentalen Gleichheit der Menschen – obwohl er ihre Unterschiede und ihre Hierarchie untereinander stets betont: Gleich seien sie sich alle darin, daß sie den Eigennutz voranstellten und auf bezifferbaren Anreiz reagierten. Diese Reduzierung des Menschen auf ein „Verdienen-Wollen“ hat etwas Abstoßendes an sich. Und nicht nur das: Die libertäre Überzeugung, eine Gesellschaft lasse sich über komplexe Vertragssysteme organisieren, ist verantwortungslos und gefährlich. Denn sie setzt mündige Gutwilligkeit voraus. Das ganze libertäre System muß für den Menschen einleuchtender sein als jedes andere Szenario. Dieses ganze System von Verträgen, von Vertragsänderungen, von immer neuer Formulierung neuer Verträge für neue, bisher noch nicht geregelte Situationen bedarf eines Menschen, der das geistige Vermögen, die Disziplin, letztlich: die Mündigkeit besitzt, an einem solchen, hochkomplexen Vertragswerk teilzuhaben. Laut Hoppe gleichen sich alle Menschen darin, daß sie den Eigennutz voranstellten und auf bezifferbaren Anreiz reagierten. Diese Reduzierung des Menschen auf ein „Verdienen-Wollen“ hat etwas Abstoßendes an sich. Wer Hoppes System studiert, gerät zwangsläufig an einen blinden Fleck: Die Frage nach der Macht und nach der Bändigung der Machtausübung wird nicht beantwortet. In einer Gesellschaft ohne Machtmonopol, in der unterschiedliche Sicherheitsdienste den Schutz im Innern und nach außen vertraglich vereinbart garantieren sollen, gibt es keine letzte Instanz, die über die Rechtmäßigkeit eines Vorwurfs, eines Gewalteinsatzes, eines Machtgebrauchs entscheiden könnte. Woher also kommt in einem System absoluter Freiheit so etwas wie ethische Bindung? Welche Instanz verhindert im Zweifelsfall, daß sich Machtzentren entwickeln, die sich an Vertragssysteme nicht mehr gebunden fühlen müssen? Für Hoppes System – und das gilt für alle libertären Entwürfe – ist die vernünftige Zustimmung aller zu den Vertragswerken Grundvoraussetzung. Hoppe benötigt den an sich vernünftigen Menschen, den gutwilligen Menschen, den Menschen ohne Hinterhältigkeit, den Menschen, der den Tausch von Ware, Sicherheit, Information so redlich und vertragsgetreu wie nur irgend möglich vonstatten gehen läßt, kurz: den Menschen, der um des eigenen Vorteils willen aus dem Dauertausch des libertären Alltags keine Dauertäuschung macht. Ein „Vernünftiges“ ist in Hoppes Welt also vorausgesetzt. Dieses „Vernünftige“ würde dann, wenn die Machtfrage sich stellt, jene Gutwilligkeit erzeugen, die den Konsens aufrechterhält. Dieses „Vernünftige“ würde von der Gewalt als Werkzeug der Auseinandersetzung absehen und die Gewaltlosigkeit aus Einsicht als Grundsatz respektieren. Diese Norm der Gewaltlosigkeit, die Hoppe als vernunftmäßig zwingend zu erkennende Norm einführt und die so etwas wie die sittliche Reife zum freien Markt ist, sprengt das Wesen des Menschen und macht Hoppes Entwurf endgültig zur Utopie. Woher soll die Sittlichkeit kommen? Noch nirgends sind Sittlichkeit oder Reife zu einem vernunftgelenkten Umgang der Menschen untereinander aus dem Nichts entstanden. Sittlichkeit ist immer ein Zeichen für gute Erziehung, für Normsetzung. Sittlichkeit setzt auch voraus, daß sie als solche begriffen oder wenigstens nachgeahmt werden kann. Das mag innerhalb einer homogenen Gruppe von Menschen noch angehen, ist aber schon dort ein äußerst schwieriges Unterfangen. Die Erziehungsleistung, die der Staat zur Durchsetzung allgemeiner Sittlichkeit erbringen muß, ist gewaltig; vor allem aber ist diese Erziehungsleistung eine Setzung, eine Normsetzung, die Formulierung eines Sollzustands, der unter Einsatz aller notwendigen erzieherischen Mittel erreicht werden muß. Mancher aber wird nie mündig. Die freie Entfaltung des Menschen zum Guten ist ein Hirngespinst; Ordnung, ethische Verbindlichkeit, institutionelle Sicherheit sind das Ergebnis eines aufwendigen Prozesses kulturellen Erziehung. Nun ist also der Staat als unverzichtbare Größe eingeführt. Es geht dabei natürlich um den Staat, der den Menschen von der Anthropologie her als problematisch versteht, Erziehung zur Mündigkeit als über weite Strecken stets wieder scheiternden Versuch begreift und die Welt in ihrer Komplexität für nicht konstruierbar hält. Daraus leitet sich alles andere ab: Die freie Entfaltung des Menschen zum Guten ist ein Hirngespinst, der edle Kapitalist ein Mythos; Ordnung, ethische Verbindlichkeit, institutionelle Sicherheit sind das Ergebnis eines aufwendigen Prozesses kultureller Erziehung; Mündigkeit, das heißt: verantwortungsbewußte Selbständigkeit, erreicht längst nicht jeder Mensch; Elitenbildung ist eine Notwendigkeit, Hierarchie eine Tatsache, Gleichheit und Freiheit sind je konkret zu bestimmen, und für jede Entwicklung sind Rahmen eine Notwendigkeit: Staat, Familie, Schule. Utopien haben in einem solchen Staat keinen Raum, daher kommt der Hang zur Nüchternheit, zum Realismus, zum Erreichbaren: Den „neuen Menschen“ gibt es nicht, der Mensch ist nie neu, seine Substanz ist stets dieselbe, es kommt nichts hinzu, alles bleibt geschichtlich bedingte Ausformung; jede Gegenwart ist ein Ergebnis und zugleich eine Bedingung für den nächsten Wurf oder Schritt; die Zusammenballung der geschichtlichen Idee: das ist der Mythos, das große Bild, wie überhaupt Bild und Gestalt Auffassungen sind, die der libertären Labormethode und dem Reißbrett gegenüberstehen: Denn der Mensch kann nicht zu einem Ende geführt werden, selbst der blinzelnde, unerzogene Verbraucher, die Gestalt unserer Zeit, ist nicht das Ende, sondern nur die Talsohle: Die Geschichte steht nur scheinbar für eine Spanne still. Hoppes System des Anarchokapitalismus ist geprägt von dem Wunsch, das Riskierte im Menschen endgültig zu bändigen. Daß er dies ohne einen Staatsentwurf versucht, ist kaum zu begreifen. Was für eine Schönwetterphilosophie! Sie kann nur dort zum praktischen Experiment werden, wo genügend Geld die gesellschaftlichen Brüche zukleistert, wo es für jeden irgend etwas mitzuverdienen oder: mitzukassieren gibt und wo die Identität reduziert ist auf das Bezifferbare im Leben. Der verhausschweinte Mensch, diese widerwärtige Schwundstufe, benötigt den aufgeblähten Sozialstaat. Hoppe bekämpft ihn. Wer aber bändigt dann den freigelassenen Konsumenten, der im Wettbewerb den Kürzeren zieht? Um eine Umwälzung der Umwälzung muß es gehen, Hoppe hat recht. Nur muß klar sein: Der radikal-libertäre Ansatz einer völligen Entfesselung dynamischen Wirtschaftens wirkt sich ebenso verheerend auf die menschliche Substanz aus wie zuviel Staat und Sozialismus. Hoppes Konzeption ist eine für starke, mündige Menschen, die die Prinzipien des Egoismus, der Gesetzeslücke, der Schläue, des Übervorteilens, des Ausnutzens verstanden haben und aus allem ihr Kapital zu schlagen wissen. Das Volk besteht aber nicht nur aus solchen parkettfähigen Self-made-Menschen, sondern aus einem riesigen Rest, der – und das ist noch längst kein Sozialismus – nicht allein gelassen werden darf. Hierin liegt die große preußische Konstante: daß der Mensch problematisch sei und sich in Veranlagung, Befähigung, Charakter stets und von vornherein unterscheide vom anderen Menschen. Und gerade aus dieser Einsicht entsteht dieser seltsame preußisch-pessimistische Optimismus, der erkennt, wozu der Mensch in der Lage ist, wenn er Rahmen, Ordnung, Erziehung, Verbindlichkeit vorfindet. Hoppes Argument, der freie Markt werde immer auch reiche Menschen hervorbringen, die sich sozial engagierten, ist zu theoretisch: Wenn es im Deutschland von 1880 soziales Engagement verantwortungsbewußter Unternehmer gab, dann kam die Ethik dafür nicht aus dem liberalen Markt selbst, sondern aus den alten, starken Bindungen an christliche Ethik und Wir-Denken im Volksrahmen. Zuwenig oder zuviel Geld: Beides versaut über kurz oder lang dem Durchschnitt (nie dem besonderen, untypischen Einzelnen) den Charakter, weil menschliches Maß fehlt. Laissez-faire-Kapitalismus ist ebenso eine Mißachtung anthropologischer Grundbedingungen wie das linke Experimentieren mit dem „neuen Menschen“. Konkret krabbeln immer nur ganz wenige zu solchen Höhen. Hoppe sollte die Frage beantworten, woher die Ethik kommt, die im System egoistischer Gewinnmaximierung dann für das Ganze etwas abfallen lassen wird. Summa summarum läßt sich sagen: Jeder Gewährung von Freiheit muß immer etwas vorausgehen, das sich weder von selbst versteht noch mit Hilfe der Freiheit erworben werden kann. Oder, mit Armin Mohler, einem der schärfsten Kritiker des liberalen und libertären Gedankens und ihrer Umsetzungsversuche überhaupt, gesprochen: Zwei Generationen Liberalstaat brauchen die mühsam erarbeitete Substanz von zweihundert Jahren konservativer, staatstragender Erziehungsarbeit auf. Unbegreiflich bleibt, daß der Libertäre diese Leistung nicht zu würdigen weiß. Preußen war der gelungene Versuch, den Menschen in einen ihm gemäßen Rahmen zu stellen. Konservativ ist zudem die Einsicht, daß selbst dieser Rahmen nicht von Dauer ist und daß grundlegende Erneuerungen das Morsche oder Erstarrte ersetzen müssen. Wenn der Libertäre davon ausgeht, daß sich in ihm doch die Aufklärung vollende und daß der Gang der Menschheit voraussehbar und vor allem endgültig planbar sei, dann läßt sich ein Konservativer davon nicht beeindrucken. Er lächelt vielmehr dazu und bedauert den Libertären, dem die Viel-schichtigkeit des Lebens und die Unvernunft der menschlichen Natur sich nicht erschließen. Aber eher noch als zu lächeln, wird der Konservative vor den Vereinfachungen der Libertären warnen. Denn von der Annahme einer erklärbaren, einer restlos ausgedeuteten Welt bis zur Ungeduld mit den Fakten und der gewaltsamen Herstellung der prognostizierten Zukunft ist es nur ein kleiner Schritt. Götz Kubitschek , Jahrgang 1970, Verleger und Publizist, hat zusammen mit dem Historiker Karlheinz Weißmann das Institut für Staatspolitik (IfS) gegründet und ist Herausgeber der Vierteljahreszeitschrift „Sezession“ (Rittergut Schnellroda, 06268 Albersroda). Foto: Gitter vor dem Ehrenhof des Schlosses Charlottenburg mit achtzackigem Stern und dem schwarzen Preußenadler: Preußen war der gelungene Versuch, den Menschen in einen ihm gemäßen Rahmen zu stellen. Konservativ ist die Einsicht, daß selbst dieser Rahmen nicht von Dauer ist und daß grundlegende Erneuerungen das Morsche oder Erstarrte ersetzen müssen.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles