Netz-David gegen Print-Goliath

Wenn am 30. Juni 2005 die Preisträger des Grimme Online Award 2005 bekanntgegeben werden, könnte als einer der drei zu kürenden Preisträger das aufklärerische Weblog BILDblog.de ausgezeichnet werden, das sich kritisch mit der Berichterstattung der Bild-Zeitung auseinandersetzt. Anders als in den Online-Kategorien „Wissen und Bildung“, „Kultur und Unterhaltung“ ist die Zahl der Nominierten für den Grimme Online Award Information relativ gering: Nur drei Online-Auftritte finden sich in dieser Rubrik (neben BILDblog noch die WDR-Seite zur Landtagswahl in NRW und der ZDF Tsunami Blog). BILDblog.de ist ein Weblog, das seit Juni 2004 nahezu täglich oft knappe, häufig glossierende Texte zu falschen, fehlerhaften, sinnentstellenden oder unsinnigen Berichten aus Bild, Bild am Sonntag und Bild.de veröffentlicht. Verfaßt werden diese Beiträge von vier Medienjournalisten, die unter Pseudonym schreiben und oftmals durch „sachdienliche Hinweise“ der Leserschaft zur Gegenrecherche ermuntert werden. Daneben werden auch Bild-kritische Berichte anderer Medien ausgewertet und auf der Netzseite als Link zugänglich gemacht. Artikel der „Bild“-Zeitung seien häufig sehr suggestiv In Amerika hat die Blog-Szene bereits einen Begriff für dieses aufklärerische Prinzip recherchierender und kommentierender Internetseiten, es nennt sich „Watchblog“ in Anlehnung an die Überwachungsfunktion einer staatlichen Aufsichtsbehörde (englisch watchdog). Daß sie mit ihrer Berichterstattung zur Gemeinde der sogenannten „Watchblogger“ gezählt werden, war den Machern von BILDblog.de anfangs nicht bewußt. Christoph Schultheis, der als einziger der BILDblogger auch offen auftritt, glaubt zwar nicht, daß – wie in Amerika üblich – die politische Parteilichkeit der Journalisten das Hauptproblem ist, sieht aber die Tendenz, daß die Bild-Zeitung hierzulande selbst von den Kollegen für lustig befunden wird. Genau dies sei sie aber nicht, vielmehr seien die Artikel häufig sehr suggestiv, obwohl dies zunächst gar nicht auffalle. So wird beispielsweise belegt, wie mittels Manipulationen immer wieder die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ARD und ZDF beschimpft werden, nicht selten zum Vorteil von RTL. Bild nimmt es dabei mit der Wahrheit nicht so genau. Etwa am 27. Juli 2004, als die RTL-Moderatorin Katja Burkard zum Gewinner des Tages gemacht wird: „Fast jeder dritte Deutsche schaltet um 12 Uhr ein, wenn Katja Burkard (39) die RTL-Nachrichtensendung Punkt 12 moderiert“. BILDblog recherchierte kurz und fand heraus, daß mittags nur zehn Prozent der Deutschen fernsehen, richtig gewesen wäre also: „Fast jeder 35. Deutsche“. Wesentlich mehr Menschen lesen allerdings Bild. Die aktuell verkaufte Auflage beträgt über 3,6 Millionen Exemplare, mehr als zwölf Millionen Menschen lesen das Blatt täglich. Es ist in Deutschland die Tageszeitung mit der größten Auflage, die von anderen Medien am häufigsten zitiert wird und die die Gespräche vieler Menschen bestimmt. Eine Zeitung mit solcher Aufmerksamkeit, so finden die BILDblogger, habe eine besondere Verantwortung, insbesondere ihren Lesern gegenüber. Dieser Verantwortung komme sie aber häufig nicht nach. BILDblog.de erscheint da als Korrektiv relativ klein – wie der Kampf David gegen Goliath. Das Projekt BILDblog.de, das als Hobby begonnen hatte, ist inzwischen darüber hinausgewachsen. Das Bemühen um eine stets seriöse und professionelle Arbeit erfordert soviel Engagement, daß die Macher neben den sachdienlichen (also inhaltlichen) Hinweisen mittlerweile auch gern finanzielle Unterstützung annehmen. Das Geld soll die Kosten für die laufende Arbeit decken. Darüber hinaus sollen dadurch perspektivisch auch aufwendigere Recherchen ermöglicht werden, um zweifelhaften Bild-Berichten nachgehen zu können, wofür bislang die Zeit fehlt. Eine für Weblogs typische Funktion, die Kommentarfunktion für Leser, gibt es derzeit noch nicht; allerdings kann man über eine entsprechende E-Post-Adresse seine Mitteilungen loswerden. Die jeweils kompetent und auf den Punkt kommentierten Bild-Veröffentlichungen sind unter verschiedenen Ressorts wiederzufinden: Grob Fahrlässiges, Kommerzielles, Merkwürdiges, Moralisches, Politisches, Privates und Vermischtes. Vergnüglich wird es beispielsweise im Bereich Politik beim Stichwort Hitler. Etwa wenn in einer Schlagzeile gleich drei Worte auftauchen („Hitler“, „geheim“ und „Ufo“), die jedes für sich schon eine typische Bild-Schlagzeile hergeben würden. Das Resultat war so albern wie seltsam: „Historiker enthüllen: Hitlers geheime UFO-Pläne“. Mittlerweile bis zu 300.000 Zugriffe im Monat Neben all den aufklärenden und oft humorvollen Beiträgen ist vor allem die Rubrik „Das große Bild-Wörterbuch“ erheiternd. Bei dem Stichwort „enthüllen“ mag man unwillkürlich an die obligatorischen Nacktaufnahmen denken. Dabei geht es an dieser Stelle um einen viel entblößenderen Sachverhalt, denn bei Bild heißt Enthüllung eigentlich nichts anderes als „etwas behaupten“. Noch unterhaltsamer ist der Verweis auf die Verwendung des Wortes „geheim“, weshalb hier – beispielhaft – einmal die gesamte Bandbreite zitiert werden soll: „geheim: (1.) der Bild-Zeitung erst seit kurzem bekannt; (2.) der Bild-Zeitung und ihren Lesern schon länger bekannt; (3.) weltweit lange bekannt; (4.) irgendwas mit Hitler; (5.) öffentlich; (6.) falsch; (7.) öffentlich und von Bild gefälscht; (8.) von Bild bis heute nicht verstanden; (9.) von Bild aus anderen Zeitungen abgeschrieben (vergleiche auch _ heimlich: ohne Bild einzuladen)“. Interessant ist auch der Link zum Pressekodex des Springerhauses, gerade in bezug auf die Werbung. Zwar ist die Rede von klarer Trennung zwischen redaktionellen Texten einerseits und Anzeigen-Veröffentlichungen andererseits, doch spricht die Realität mit Blick auf McDonald’s augenscheinlich eine andere Sprache. Die Häufung von Berichten über McDonald’s, so zum Beispiel über das für die Fast-Food-Kette werbende Model Heidi Klum, korrespondiert offensichtlich mit der seit einiger Zeit praktizierten Vertriebsstrategie, der zufolge das Boulevard-Blatt bei McDonald’s (exklusiv) am Tresen verkauft wird. Die fetten Schlagzeilen passen scheinbar zu der entsprechenden Kost. Vor genau einem Jahr, am 6. Juni 2004, erschien der erste BILDblog-Eintrag. Anfänglich gab es vierhundert Zugriffe täglich, mittlerweile sind es über 10.000 Leser, also etwa 300.000 pro Monat. Die Verantwortlichen bei Bild geben sich auf Nachfrage gelassen, was aber – mit Blick auf die wachsende Zahl der BILDblog-Leser – zunehmend unglaubwürdig erscheint. Noch wird das Ganze offiziell unter der Rubrik „studentische Späße“ abgehakt. Der frühere Bild-Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje etwa versteigt sich zu der Behauptung, man müsse schon Psychologen beauftragen, um herauszufinden, was die jungen Menschen dazu treibe, Bild auf Fehler zu überprüfen. Das Wort vom Pathologen und Psychiater fehlt hier zwar, aber man geht wohl kaum fehl, wenn man es unwillkürlich mitliest. Schon wegen dieser Arroganz und Hochnäsigkeit wünscht man den Machern der Seite, daß sie den Grimme Online Award Information zugesprochen bekommen. Interessant wird auch sein, wie die jüngere Generation abstimmt: Das Internet-Fernsehprogramm von GIGA.de vergibt unter sämtlichen der in den drei verschiedenen Kategorien nominierten Internet-Seiten einen Publikumspreis. Unter www.giga.de/grimmeonlineaward/ kann sich jeder Internetnutzer an der Abstimmung beteiligen. Aus Anlaß des einjährigen Bestehens fordern die Macher von BILDblog.de ihre Leser dazu auf, bis zum 19. Juni Geburtstagsgeschenke in Form von Postkarten-Motiven einzusenden (E-Post: geschenke@bildblog.de ). Die besten Entwürfe sollen auf der Online-Seite von BILDblog.de gezeigt werden, das Lieblingsmotiv soll als Postkarte vertrieben werden. Foto: „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann eröffnet gläserne Redaktion (Bild-Box) in der Axel-Springer-Passage in Berlin, Mai 2004: Noch wird das Ganze offiziell unter der Rubrik „studentische Späße“ abgehakt

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