Eltern auf der Flucht

Es ist eigentlich nicht lange her, da schrieb ich an dieser Stelle, wie mein Sohn als „kleiner Revolutionär“ das Licht der Welt erblickte, der das Leben der Eltern auf den Kopf stellt. Am Montag feierte er nun schon seinen dritten Geburtstag. Wie schnell die Zeit vergeht! Der erste richtige Kindergeburtstag: Noch werden die kleinen Gäste von den Eltern begleitet. Der „Kindertisch“ verwandelt sich innerhalb kürzester Zeit in ein Schlachtfeld, am Tisch der „Großen“ tauscht man sich indessen über die Zukunft des Nachwuchses aus. Im August kommt mein Sohn in den Kindergarten. Der erste kleine Schritt in die „große weite Welt“. Mit Stullentasche bewaffnet wird er in den Kindergarten unserer Kirchengemeinde gehen und seine ersten fremden Prägungen erhalten. Und später die Schule: Gerade gingen die neuen Ergebnisse einer PISA-Untersuchung durch die Medien. Die Diskrepanz in den Bildungsstandards der Bundesländer ist erschütternd. Hartnäckig liegen seit Jahren – oh Wunder! – Bayern und Baden-Württemberg vorne. Die durch jahrzehntelange bildungspolitische Experimente der SPD beglückten Länder bilden verläßlich die Schlußlichter. Die Konsequenzen daraus sind gleich Null. Berlin zählt zu den Notstandsgebieten der Schulpolitik. Nirgendwo sonst ist jedoch die „Abstimmung mit den Füßen“ so leicht wie in einer Großstadt. Eltern, die diese staatlichen PISA-Ruinen vor Augen haben, können ihre Kinder mittels öffentlicher Verkehrsmittel noch leicht auf andere Schulen umdirigieren. In Berlin melden besorgte Eltern ihre Kinder massenhaft um, um den unter Lehrmittelknappheit, Unterrichtsausfall und den Folgen eines ständig wachsenden Ausländeranteils stöhnenden Schulen der Brennpunkte auszuweichen. Die Privatschulen erleben infolge dieses Trends nicht nur in Berlin, sondern deutschlandweit einen regelrechten Boom: Die Zahl der Schüler an Schulen in freier Trägerschaft hat in den vergangenen zehn Jahren trotz insgesamt rückläufiger Schülerzahlen um 120.000 auf rund 600.000 zugenommen, erklärte kürzlich der Präsident des Verbandes Deutscher Privatschulen (VDP), Peter Susat. Einer unserer Redakteure, dessen Sohn im nächsten Jahr eingeschult wird, will sein Kind bereits auf eine private Grundschule schicken. Von der örtlichen staatlichen Grundschule hat er erfahren, daß viele Schüler selbst in der dritten Klasse noch nicht lesen gelernt haben. Es wird gespielt, es wird die Zeit vertrödelt, unklare Erziehungsziele verunsichern Eltern und Schüler. Immer noch ruht sich Deutschland auf den Lorbeeren vorangegangener Generationen aus und glaubt, mit seinem wichtigsten Kapital, seinen Köpfen, nachlässig umgehen zu können. Die Eltern, die die Mißstände hautnah vor Augen haben, reagieren schnell und weichen den Problemschulen aus, soweit sie es sich leisten können! Familien, die eine Ummeldung auf eine Privatschule oder den Umzug in die Nähe einer intakten staatlichen Schule (z. B. altsprachliche Gymnasien) finanziell nicht verkraften, baden die Misere aus. Man hört übrigens immer wieder, daß die für den Bankrott staatlicher Schulen verantwortlichen Politiker instinktsicher ihre eigenen Kinder ebenfalls lieber auf Privatschulen schicken. Bezeichnend.

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