Die Rückkehr der Tugenden

Im Grunde – oder: oberflächlich betrachtet – haben es junge Menschen heute leichter denn je: Sie besitzen verbriefte und einklagbare Rechte, ein nie gekanntes Ausmaß an Freizeit, zudem bereits in frühem Alter erkleckliche und oft frei verfügbare Geldsummen; und sie dürfen mit mäßigem Widerstand – eher mit Ermunterung – rechnen, wenn ihr selbstbestimmter Lebensstil von dem hergebrachten ihrer Eltern abweicht. Selbst wer diese historisch nie dagewesene Freiheit begrüßt, kann vor ihrer dunklen Kehrseite nicht die Augen verschließen. Stichworte wie Wohlstandsverwahrlosung und Schulversagen, daneben marodierende Jugendbanden oder individuell Asoziale auch hierzulande, ein seit Jahren zu verzeichnender Anstieg an nicht nur verhaltensauffälligen, sondern gar psychotischen Kindern mit Krankheitsbildern von Eßstörungen, dem sogenanntem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom bis hin zur derzeit gerade unter städtischen Jugendlichen fast populär zu nennenden schizoiden Borderline-Erkrankung: All dies sind Erscheinungen, die das Generationenbild der heute Zehn- bis Fünfundzwanzigjährigen stärker und nachhaltiger prägen als Errungenschaften wie die Wahlmöglichkeit eines ultragünstigen Handytarifs oder die Selbstverständlichkeit, mit der jeder junge Ahnungslose in jede Debatte mit einsteigen und sein „Ich finde“ gleichberechtigt mit Erwachsenen verkünden darf. Pisa, Dauerkonsum, Konzentrationsunfähigkeit, der Mangel an Manieren: All diese Phänomene haben etwas mit Entgrenzung zu tun, mit fehlenden Schranken, mit einem verfrühten Freigelassen-Werden in einen Alltag ohne Richtungsweisung. Jedoch hat der Verweis auf die Notwendigkeit von Normen keine Konjunktur. Selbst verhaltene Rufe nach noch so vagen „Wertedebatten“ werden regelmäßig abgeschmettert oder totdiskutiert. Der Vielzahl der Störungen, in denen sich heute eine handfeste Krise der Jugend manifestiert, wird vielmehr mit einem bunten Allerlei an Erklärungen und Lösungsvorschlägen begegnet. Das reicht von der Forderung nach finanziellen Mitteln allenthalben – ob Schuldebatte, Jugendarbeit oder Familienförderung – bis zu vielfältigsten pädagogischen Maßnahmen: Konsum-, Werte- und Ernährungserziehung, kommunikative Strategien via interkultureller Dialog, Rollenspiel und Selbstentäußerung, zuletzt Strafvollzug – jüngster bundesdeutscher und vielgelobter Schlager: Jugendliche „Mediatoren“ als Laienrichter „auf Augenhöhe“ – in Form eines „resozialisierenden“ Abenteuer-Events. Ein Schlagwort schwebt götzengleich über jenem fetten Maßnahmenkatalog des Anzustrebenden: die Chancengleichheit. Das Fehlen derselben, so die beliebte Diagnose, erkläre im Prinzip jedwedes Versagen junger Menschen, ob in der Schule, der Gesellschaft oder im eigenen Leben. Was aber, wenn der Mangel ganz woanders läge, im Fehlen von Autorität nämlich? Gültige Leitbilder, undiskutierbare Regeln gegen konsumier- und austauschbare Idole sowie eine Multioptionalität an Verhaltensmöglichkeiten einzufordern, ist lange schon inopportun. Grenzen öffnen statt solche zu setzen, heißt die Devise. Maßgebende Orientierung zu verlangen, Normen zu setzen, gilt als moralisch-geistige Rückständigkeit, als Rückfall hinter die pädagogischen Errungenschaften von 1968 ff. Jene Altersgruppe nämlich, die sich so deutlich und rebellisch von ihren Vätern, der kriegsgeprägten „Erlebnisgeneration“, abzusetzen wußte, hat als „antiautoritäre Generation“ Geschichte geschrieben. Der Mangel an beidem, an existentieller Erfahrung und an Autorität, ergibt in der dritten, der Enkelgeneration, eine gähnende Leerstelle. Autoritäten, an denen man wachsen, sich – was zur Adoleszenz gehört – auch produktiv reiben kann, sind heute Mangelware. Selbst ein mythischer „Vatermord“ des juvenilen Aufbegehrens ist längst obsolet geworden, wo sich der Vater als normsetzende Größe und Vorbild selbst abgebaut hat. Ähnliches gilt für die Schule, die den ihr Anvertrauten nicht nur die als angebracht empfundenen „kritischen“ Fragen, sondern gleich die „richtigen“ Antworten in den Mund legt. Der Pädagoge Hartmut von Hentig, der noch heute an Universitäten als ein „Papst“ der Erziehungswissenschaften gelehrt wird, forderte, die „Lehre der Schule“ solle „eine politische“ sein: „Die Kinder sollen lernen, wie sie sich gegen Systemzwänge behaupten können (…) und daß sie auch Sachzwängen sich nicht einfach ausliefern müssen.“ Vor solchem ideellem Hintergrund trägt das Schwinden schulischer Autorität seinen Kern bereits in sich. Die Abwertung von Elternschaft und Familie als erzieherischer Institution ersten Ranges gehen als Phänomene Hand in Hand. Wo bereits vor 30 Jahren bundesministeriell Familie als „Sozialisationsagentur“ aufgefaßt wurde, kennzeichnet die jüngere, ebenfalls ministerielle Definition von Familie als „diejenigen, die aus einem Kühlschrank essen“ nur eine marginale Schwundstufe jener älteren Deklaration. Wenn Rechte hoch und Pflichten tief gehalten werden, kann von einem Erziehungsgebot kaum eine Rede sein. Wo „sturen“ Eltern, als gängelnd empfundenen Institutionen nicht bequem ausgewichen werden kann, steht heute leicht – und häufig frequentiert – der Rechtsweg offen. Es gibt bereits Grundschüler, die kein Gedicht, wohl aber entsprechende Paragraphen über die Grenzen schulischer Gewalt aufsagen können. Dieser autoritäre Mangel ergibt ein Vakuum, das seinerseits existentiell ist und weder durch Pädagogik-auf-Augenhöhe noch durch Bildungsangebote via Kulturarbeit (entsprechende Theater-AGs und empfohlene Jugendlektüre gibt es zuhauf) gefüllt werden kann. Was die zugleich verwöhnten wie vernachlässigten Kinder unserer Zeit kennzeichnet, ist eine schreiende Erziehungs- und Autoritätsbedürftigkeit. Erziehung, die diesen Namen verdient – und allein dieser Terminus ist längst angreifbar geworden -, ist kein liberales Feilhalten von Angeboten, kein wohlwollenes Gewährenlassen, sie ist Führung und Menschwerdung am Vorbild: einer Autorität. Autorität adjektivisch mit dem negativ konnotierten „autoritär“ anstatt mit „autoritativ“ gleichzusetzen, ist dabei ein gern begangener Fehler. Wer möchte schon den autoritären Staat, eine autoritäre Schule? Doch darum geht es nicht. Es geht darum, daß eine Persönlichkeit nicht in maßstabsloser Freiheit, sondern nur an Widerständen wachsen kann. Die heute gültigen Normen allein – Toleranz, Zivilcourage, schrankenlose Entfaltungsfreiheit – können den anthropologisch feststehenden Entwicklungsbedürfnissen Heranwachsender nicht gerecht werden. Was wir brauchen, ist Mut zur erzieherischen, autoritativen Selbstermächtigung – das gilt für Elternhaus und Schule gleichermaßen.

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