Joachim Kuhs

 

Deutschland im Dornröschenschlaf

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung veröffentlichte in ihrer Neujahrsausgabe eine Umfrage unter den Mitgliedern des heutigen Bundeskabinetts und den Mitgliedern des letzten Kabinetts von Helmut Kohl. Unter anderem waren die Politiker gefragt worden, wann sie das letzte Mal die deutsche Nationalhymne gesungen haben, ob sie bei der Vereidigung die Formel „So wahr mir Gott helfe“ gesprochen und ob sie in der Bundeswehr gedient haben. Wie nicht anders zu erwarten, weisen die Ergebnisse auf eine Diskrepanz zwischen der SPD-geführten und der CDU-geführten Bundesregierung. Während die meisten Kohl-Minister noch bemüht sind, auf ihr Engagement beim Singen der Nationalhymne zu verweisen, glänzen viele Schröder-Minister mit Abstinenz. Den Vogel schießt natürlich Jürgen Trittin ab, der 1998 gegenüber der Presse erklärt hatte: „Noch nie habe ich die Nationalhymne mitgesungen, und ich werde es auch als Minister nicht tun.“ In keinem anderen Land der Welt sind nationale Gefühle so gering geachtet wie in Deutschland. Das Bewußtsein, einer Schicksalsgemeinschaft anzugehören, ist – wenigstens in der Öffentlichkeit – weitgehend verlorengegangen, ja es ist fast zu einem Tabu geworden. Aber was ist in der Stunde der Not? Was ist das einigende Band, das diesen „Laden“ Deutschland zusammenhält, wenn es ernst wird? Eine der ersten Maßnahmen, über die in der Bundesregierung nach dem Bekanntwerden des Ausmaßes der Flutkatastrophe in Asien und der steigenden Zahl von toten und vermißten deutschen Urlaubern diskutiert wurde, war die Trauerbeflaggung und die Frage einer nationalen Trauerfeier! Eine immense Rolle für alle betroffenen europäischen Nationen spielt ferner die Frage, ob und wie die aufgefunden Leichen von Landsleuten noch in die Heimat überführt werden und das Verscharren in anonymen Massengräbern verhindert werden kann. Der Kult um die Toten des eigenen Volkes ist immer auch der Moment des im Zeremoniellen manifestierten Zusammengehörigkeitsgefühls einer Nation. Instinktiv spüren jetzt selbst die nationsvergessenen Angehörigen der politischen Klasse, daß es ohne diesen letzten Bezugspunkt nicht geht. Thomas Schühly, Produzent des gerade in den Kinos laufenden „Alexander“-Films, rechnet im Gespräch mit dieser Zeitung (siehe Seite 3) rigoros mit der Nationsvergessenheit der deutschen Eliten und des deutschen Films ab. „Die Filmemacher in Deutschland interessieren sich einfach nicht mehr für ihr Land, sie drücken nichts aus als ihren Hedonismus und ihre privaten Probleme. (…) Die deutsche Nation hat das gleiche Problem wie das deutsche Kino. Ohne Mythos funktionieren beide nicht. Patriotismus-Debatte? So ein Schwachsinn! Die haben uns Lichtjahre weit weg davon manövriert, eine Nation zu sein, und jetzt wollen sie alles mit einer ‚Patriotismus-Debatte‘ wiedergutmachen.“ Noch sind wir Deutschen aus unserem Dornröschenschlaf nicht erwacht.

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