Kampf gegen die Vergangenheit

Mitte November vergangenen Jahres fand im Marine Ehrenmal in Laboe am Ufer der Kieler Förde ein Festakt statt. Erschienen war der Inspekteur der Deutschen Marine, Vizeadmiral Lutz Feldt, um den Fregattenkapitän a. D. Dieter Hartwig zu ehren. Aus Texten, die der studierte Historiker Hartwig verfaßt hatte, war eine Festschrift zusammengestellt worden. Hartwig, eingeschriebenes SPD-Mitglied, hatte die Aufgabe übernommen, das in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts überwiegend aus privaten Spenden errichtete Marine-Ehrenmal umzuwidmen. Man wollte damals die Gefallenen der Kaiserlichen Marine ehren, doch hatte es auch den Sinn, das nach dem Versailler Vertrag wehrlos gemachte Deutschland zu ermuntern, sich wieder zu einem gleichberechtigten Staat zu erheben. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es erweitert um das Gedenken an die Gefallenen der Deutschen Kriegsmarine im Zweiten Weltkrieg. Das aber entsprach nicht mehr dem Zeitgeist. Es war die Aufgabe des dem Deutschen Marinebund, dem Eigentümer des Laboer Ehrenmals, zugeordneten „beratenden Historikers“, das Ehrenmal dem momentanen Zeitgeist anzupassen, indem er, wie der örtlichen Presse zu entnehmen war, die Gedenkstätte „befreite“ von dem Verdacht, „Kultstätte für Ewiggestrige zu sein“. Bei der Überreichung der Festschrift begründete der derzeitige Präsident des Deutschen Marinebundes, Michael Kämpf, die Manipulation damit, daß das Ehrenmal drohe, „in der Ecke des Zweiten Weltkrieges stehenzubleiben“. Gedenkstätten in ihrem Sinn verändern oder beseitigen Nun hat es diese Ecke umschifft und dient vor allem als „internationale Gedenk- und Begegnungsstätte für die Marine sowie als Mahnmal für eine friedliche Seefahrt“ der heutigen Geschichtspolitik. Das Ehrenmal ist damit nicht mehr in erster Linie den gefallenen deutschen Marinesoldaten gewidmet (die bisherige Inschrift „Wir starben für Dich“ wurde entfernt), sondern „den auf See Gebliebenen aller Nationen“. Damit ist der leichtsinnige Surfer, der in besoffenem Zustand in der Ostsee ertrank, den Gefallenen des Schlachtschiffes „Bismarck“ oder unserer U-Boote gleichgestellt. Nachdem er dieses besorgt hatte und dafür gebührend geehrt wurde, geht Fregattenkapitän a. D. Hartwig nun daran, die Historische Halle des Ehrenmals zu säubern und umzudeuten. Was von der Öffentlichkeit nur in geringem Maße zur Kenntnis genommen wurde, ist von erheblicher Bedeutung für die Sinngebung dieses Staates und die Identität unseres Volkes. Die deutsche Identität soll sich auflösen innerhalb einer internationalen Menschheit. Dafür müssen Gedenkstätten der Vergangenheit in ihrem Sinn verändert, gegebenenfalls beseitigt werden. Und das geschieht seit Jahren, ohne daß die deutschen Bürger die Bedeutung in vollem Umfang erkennen. Da verschwinden Straßennamen, die an große Soldaten der deutschen Geschichte erinnern wie etwa Moltke, Roon und Hindenburg, da werden Wanderausstellungen, die die deutsche militärische Vergangenheit diskriminieren, von Bundesländern und Gemeinden mit erheblichen Mitteln subventioniert, da wechselt man Namen von Bundeswehrkasernen aus (der Versuch des damaligen Verteidigungsministers Scharping, eine Kaserne nach Winston Churchill zu benennen, ging im Protest einer breiten Öffentlichkeit unter); da ergießt sich eine Flut von antifaschistischen Gedenkstätten über Deutschland. Zwei Dokumentationsbände der Bundeszentrale für politische Bildung weisen insgesamt etwa 8.000 dieser Antifa-Gedenkstätten aus, wobei manche Dimensionen aufweisen, wie es sie bisher in Deutschland nicht gegeben hat. Sowjetische triumphale Gedenkstätten auf deutschem Boden werden von der Bundesregierung und von Landesregierungen und Kommunen mit immensen Mitteln restauriert und erhalten, um so auch der Sinndeutung der Bundesrepublik Deutschland zu dienen. Gleichzeitig bemüht man sich, ältere Gedenkstätten zu beseitigen oder, wenn das nicht möglich ist, ihren Sinn umzudeuten. In dieses Konzept dürfte es nicht gepaßt haben, daß im Herbst 2001 eine Reihe von Bundestagsabgeordneten der SPD, CDU und FDP den Antrag einbrachten, ein Einheits- und Freiheitsdenkmal auf der Berliner Schloßfreiheit zur Erinnerung an die Revolution der Mitteldeutschen im Herbst 1989 und für die Einheit Deutschlands zu schaffen. Die Mehrheit des Parlamentes wies die Initiative zurück. Wenn man sich bemüht, eine Erklärung für solche Bestrebungen zu finden – einerseits eine mit viel Energie und erheblichen finanziellen Mitteln betriebene Ausweitung von Gedächtnisstätten zur Erinnerung an Verbrechen des Nationalsozialismus, andererseits die Beseitigung bzw. Verhinderung von Gedächtnisstätten nachträglicher Opferehrung -, dann wird das Ziel sichtbar, auch auf diese Weise das Bild der Deutschen als eines Tätervolkes zu festigen, das zu Recht in zwei Weltkriegen bekämpft und besiegt worden ist, um es von seinem Irrweg abzubringen. Die an den Deutschen begangenen Verbrechen werden erklärbar durch das schuldhafte Verhalten der Deutschen selbst, auf das die Sieger lediglich zwanghaft reagierten. Jeder Versuch, andere Deutungen ins Bild zu bringen, wird bekämpft. Geschichtspolitik rechtfertigt die Herrschaft heutiger Eliten Unter solchen Voraussetzungen ist es verständlich, daß die Bundesregierung das von einer Reihe prominenter Persönlichkeiten unterstützte Projekt des Bundes der Vertriebenen, in Berlin ein Zentrum gegen Vertreibungen zu errichten, nicht nur nicht unterstützt, sondern daß sie es sogar durch einige Politiker der zweiten Reihe aktiv bekämpft und dabei Repräsentanten der Vertreiberstaaten zur Hilfe ruft. Ein auf deutschem Boden errichtetes Zentrum gegen Vertreibungen paßt keineswegs in das Konzept der herrschenden Geschichtspolitik. Folgt man dem Buch von Edgar Wolfrum „Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland 1954 bis 1989“, dann soll die Geschichtspolitik die Herrschaft der heutigen Eliten rechtfertigen. Die wiederum instrumentalisieren Geschichte, damit in ihrem Sinne Vergangenheit gedeutet, Gegenwart verstanden und Zukunft gestaltet werden kann. Die Deutungseliten gestalten die Geschichtspolitik zum politisch-instrumentellen Umgang mit Geschichte und Geschichtswissenschaft. In den Rahmen der Geschichtspolitik paßt die Erinnerungskultur, zu der Gedenkstätten, Denkmäler, Gedenktage, gestiftete und verliehene Preise an Gesinnungsfreunde usw. gehören. Sie hat erklärtermaßen den politischen Zweck, die Geschichte „angesichts von Auschwitz in eine Erinnerungsreligion“ zu verwandeln, so Peter Reichel in seinem Buch „Politik mit der Erinnerung“. Mit der Geschichtspolitik hat, das geht daraus hervor, die Geschichtswissenschaft nur so viel zu tun, wie sie sich für solche Zwecke verwenden läßt, um so mehr hingegen mit der Vergangenheitsbewältigung, einem weiteren Instrument der politischen Führung. Die Ereignisse müssen im Rahmen der Durchsetzung einer neuen Sinngebung der Bundesrepublik gesehen werden. Sie sind auch kein Zufall. Dafür sprechen die zahlreichen anderen Denkmalstürme. In der holsteinischen Stadt Neumünster wurde das Ehrenmal für die Gefallenen des Infanterieregiments 163 aus dem Ersten Weltkrieg an der Färberstraße abgebaut. Es war häufig Ziel von Farbschmierereien. Immer wieder gab es Beschädigungen. Die Bundeswehr übernahm es und errichtete es erneut in der Kaserne in Boostedt. An der Stelle des Denkmals wurde ein Döner-Verkaufsstand errichtet. Im Mai 2001 beseitigte die Stadt Goslar die an der Wand des ehemaligen Casinos in der Worthstraße befestigten Gedenktafeln für Generalfeldmarschall Rommel und Generaloberst Guderian. Der rot-grüne Stadtrat hatte es so beschlossen. Bürger boten sich an, die Tafeln an ihrem Privathaus nicht weit entfernt wieder anzubringen, was dann Anfang 2002 geschah. In Heikendorf an der Kieler Förde, nicht weit vom jetzt internationalisierten Laboer Marine-Ehrenmal entfernt, erinnert auf der ehemaligen Möltenorter Schanze ein eindrucksvolles gruftähnliches Ehrenmal an die im Ersten und Zweiten Weltkrieg gefallenen über 30.000 deutschen U-Boot- und Klein-U-Boot-Fahrer. Zweimal in den letzten Jahren wurden Anschläge verübt – einmal wurden die Bronzetafeln mit den Namen aller Gefallenen mit dem Spruch beschmiert „Deutsche Täter sind keine Opfer“. 2001 begann in Lüneburg eine Kampagne gegen das Ehrenmal in der Lindenstraße, das zur Erinnerung an die Toten des in der Stadt stationiert gewesenen Kampfgeschwaders 26 errichtet worden war. Zunächst wurde es beschmiert, dann stahl man von seiner Spitze den großen bronzenen Adler. Gleichzeitig erschienen in der Regionalzeitung die Soldaten schmähende Leserbriefe einiger stadtbekannter Linker, bis die Stadt beschloß, das Ehrenmal abzubauen. Es wurde im März 2002 in der Theodor-Körner-Kaserne fernab von der Öffentlichkeit wieder aufgebaut. In Flensburg beseitigte die Stadt das Ehrenmal für die Gefallenen des Flensburger Infanterie-Regiments 86 auf Duburg. Auf Veranlassung einiger evangelischer Pastoren wurde das Ehrenmal für die gefallenen Gemeindemitglieder aus der St. Marienkirche entfernt und der Bundeswehr übergeben. (Der den Transport überwachende Offizier der Bundesmarine trat daraufhin aus der Kirche aus.) In Schleswig prangerte eine kleine Zeitung 1992 an, daß auf dem Grabstein eines Ende 1939 gefallenen Soldaten ein Eisernes Kreuz in der damaligen Form, nämlich mit einem kleinen Hakenkreuz in der Mitte, nicht beseitigt worden sei. Bevor die Stadtväter entsprechend reagieren konnten, hatte nachts ein Unbekannter gewaltsam den Grabstein so beschädigt, daß das Eiserne Kreuz unkenntlich wurde. Gräber sind bei linken Gruppen beliebte Ziele von Vandalismus. In Oldenburg/Holstein polemisierte eine linke Gruppierung gegen einen Soldatenfriedhof, weil auf 14 während des Krieges errichteten Grabsteinen etwa vier Zentimeter große Hakenkreuze zu erkennen seien. Der Kirchengemeinderat beschloß mit zwanzig gegen zehn Stimmen, die Grabsteine in der historischen Form zu erhalten; sie seien Dokumente ihrer Zeit. Daraufhin wurde ein Vermummter beobachtet, der am Himmelfahrtstag 1995 13 Grabsteine zerschlug und ihre Reste mit roter Farbe beschmierte. Bald darauf bekannte sich eine Antifaschistengruppe, sie habe die Gräber zu einem „antifaschistischen Mahnmal“ umgestaltet. Organisierter Protest kann durchaus Erfolg haben Im Berliner Bezirk Schöneberg wurde 1994 das vorher bei zahlreichen Anschlägen beschädigte Ehrenmal für die in zwei Weltkriegen gefallenen Eisenbahner abgebaut und in die Bundeswehrkaserne Starkow in Sicherheit gebracht. Während der 68er-Krawalle galt in Hamburg das besondere Augenmerk den auf dem Universitätsgelände nach dem Ersten Weltkrieg aufgestellten Denkmälern für die beiden bedeutenden Afrika-Pioniere Hermann von Wissmann – es hatte vorher in Deutsch-Ostafrika gestanden – und Hans Dominik. Die Revoluzzer stürzten schließlich beide Standbilder von den Sockeln, die Hansestadt Hamburg stellte sie sicher. Das Kolonialehrenmal für die Gefallenen der Schutztruppe in Bremen hingegen war nicht so leicht zu beseitigen. Es handelte sich um einen überdimensionalen stilisierten Elefanten nach dem Entwurf des seinerzeit bekannten Bildhauers Fritz Behn. 1990 wurde es zum „Anti-Kolonial-Denk-Mal“ umgewidmet. Sechs Jahre später brachte man davor eine Tafel an, die an die „Opfer der deutschen Kolonialherrschaft in Namibia 1884 bis 1914“ erinnert. Öffentlich wurde dazu erklärt, nunmehr sei das ehemalige Gefallenen-Ehrenmal „keine Weihestätte mehr, sondern ein Mahnmal mit Schuldanerkenntnis“. Bundesweit bekannt wurde der sich über Jahre hinziehende Streit um das am Bahnhof Hamburg-Dammtor gelegene Ehrenmal für die gefallenen Soldaten des 2. Hanseatischen Infanterie-Regiments 76, das besonders den Zorn der Linken erregte, weil um den Sockel herum das Zitat aus dem Gedicht „Soldatenabschied“ des Arbeiterdichters Heinrich Lersch zu lesen ist: „Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen“. Es war immer wieder Ziel von Anschlägen und Propagandaaktionen, so als Radio Bremen unter tätiger Mithilfe von Margarete Schreinemakers im April 1985 in einer abendlichen Show der ARD dazu aufrief, man solle in Massen zum Denkmal kommen, um es vor den Kameras des Fernsehens zu „verhüllen“. Hunderte von Linken eilten auf die Straße, um vor dem Denkmal zu randalieren und es vor den Augen der tatenlosen Polizei zu beschmieren. Immer wieder versuchte man, das Ehrenmal zu demolieren, ohne daß die Polizei eingriff. Nachts wurden mit schweren Hämmern die Skulpturen beschädigt; ein Sprengstoffanschlag riß eine Ecke vom Denkmal weg. Als aber einige Jugendliche daran gingen, am Tage die Schäden zu beseitigen, unterband die Polizei unter Hinweis auf den Denkmalschutz diese Aktion. Die Geschichte hatte auch eine skurrile Seite: Die links dominierte Hamburger Landesregierung ließ von dem in Österreich tätigen Bildhauer Alfred Hrdlicka für 900.000 Mark ein „Gegendenkmal“ herstellen, das in vier Teilen um das 76er Ehrenmal herum aufgestellt werden sollte. Als der Künstler zwei dieser Teile fertiggestellt hatte, erklärte er, er mache nur weiter, wenn er eine weitere Million Mark bekäme. Die damalige Kultursenatorin namens Helga Schuchard ließ es dabei bewenden. Jetzt stehen die beiden Tafeln auf dem Stephansplatz herum, Dokumente künstlerischen Unvermögens, und niemand nimmt von ihnen Notiz. In der Öffentlichkeit hatte der Vandalismus kein positives Echo. Es bildete sich eine Bürgerinitiative, die rasch über tausend Bürger motivierte, erhebliche Geldmittel zu spenden, und der es gelang, den Widerstand der Behörden zu brechen, um dann daran zu gehen, die Schäden zu beheben. Zur Zeit ist die Existenz des Ehrenmals gesichert. Das aber ist gleichzeitig ein Beleg dafür, daß öffentlicher Protest, der wohlorganisiert und mit intelligenten Argumenten geführt wird, durchaus Erfolg hat, wenn es darum geht, Bilderstürmerei zu verhindern. Zurück zum geographischen Ausgangspunkt: In Kiel ist die bescheidene Gedenkstätte für Tausende von Bombenopfern auf dem Eichhoffriedhof so verfallen, daß Einsturzgefahr besteht und die Stätte für die Öffentlichkeit gesperrt werden mußte. Es steht zu befürchten, daß unter dem Vorwand, finanzielle Mittel für eine Sanierung seien nicht vorhanden, eine, wie die Verwaltung sagt, „offene Lösung“ angestrebt wird, worunter man versteht, daß die Gedenkstätte abgerissen und statt dessen um eine Gedenkplatte ein Rasen angelegt wird. Foto:s Geschändetes Denkmal der Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkriegs in Ludwigsburg, Oktober 2000: „Antifaschistische“ Denkmalschänder als Erfüllungsgehilfen örtlicher Kommunalpolitiker / Schändungen auf Garnisonenfriedhof Neukölln, Berlin 2003: „Antifaschistisches“ Mahnmal

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