Wenn es in Deutschland noch ein Thema gibt, bei dem sich alle Parteien zumindest auf den ersten Blick halbwegs einig sind, dann ist das die Bildungspolitik. Kaum jemand wird widersprechen, wenn es um die Forderung nach „mehr“ und nach „besserer“ Bildung geht. Doch der Weg dorthin und wie das Ziel konkret aussehen soll, ist seit Jahrzehnten Schauplatz ideologischer Grabenkämpfe.
Exemplarisch dafür ist die Debatte über die Ankündigung von Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne), das schriftliche Dividieren in den Grundschulen des Landes nicht mehr verbindlich zu unterrichten. Stattdessen soll es erst ab Klasse 5 systematisch eingeführt werden, ließ Hamburg Ende vergangenen Jahres verlauten. Zur Begründung verweist das Ministerium auf die bundesweiten Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz, in denen das schriftliche Dividieren bereits seit 2004 nicht mehr vorgesehen ist. Zudem gehe es darum, das Verständnis mathematischer Zusammenhänge zu stärken.
Neben Niedersachen haben bereits Berlin, Brandenburg, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern die Weichen für eine Umstellung gestellt. Kritik kommt unter anderem vom Lehrerverband. „Dieser Schritt kann sich auf der weiterführenden Schule rächen“, fürchtet Verbandspräsident Stefan Düll. So gingen traditionelle Fähigkeiten verloren, sagte er der Bild-Zeitung.
Das Phänomen betrifft längst auch Gymnasiasten
Die Pläne für das Umsteuern im Matheunterricht passen zur Debatte über den Trend an Berliner Gymnasien, im Deutschunterricht Klassiker wie Goethes Faust nicht mehr im Original, sondern in gekürzten Ausgaben, die zudem in vereinfachter Sprache gehalten sind, zu lesen, um die Schüler mit der ungewohnten Sprache der Literaturklassiker nicht zu überfordern. Kritik an derlei Standardabsenkung kommt unter anderem aus Sachsen. „Ich halte es für gefährlich, Anforderungen immer weiter abzusenken“, sagte Kultusminister Conrad Clemens (CDU) dem Magazin Cicero. Wer die Ansprüche immer weiter senke, müsse sich nicht wundern, wenn Leistungen schlechter werden. „Sachsen wird diese Standardabsenkung anderer Bundesländer nicht mitgehen“, kündigte Clemens an.
Die Diskussion über das Unterrichtsniveau an den Schulen findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern vor dem Hintergrund des nachhallenden Pisa-Schocks und weiterer Anzeichen, die für einen Abwärtstrend im deutschen Bildungswesen sprechen. Auch in dem im Oktober vergangenen Jahres veröffentlichten Bildungstrend 2024 des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen finden sich deutliche Alarmzeichen. Die Leistungen in den Fächern Mathe, Biologie, Chemie und Physik sind demnach in der Sekundarstufe I erneut stark gesunken. So verfehlte jeder dritte Schüler in den Testaufgaben die Mindeststandards für den mittleren Schulabschluß (MSA) in Mathematik. Im Vergleich zur vorangegangenen Erhebung 2018 ist dies ein Anstieg von zehn Prozent.
Von den Schülern, die einen MSA anstreben, scheitern laut der Untersuchung 25 Prozent an den Mindestanforderungen im Fach Chemie, 16 in Physik und 10 Prozent in Biologie. Insgesamt haben sich die Leistungen demnach verschlechtert, und das unabhängig von dem sozialen und familiären Hintergrund der Schüler. Besonders alarmierend: Nicht nur leistungsschwächere Schüler sind von diesem Leistungsabfall betroffen, sondern auch Gymnasiasten.
Was sind die Ursachen?
Als Ursache für diese Entwicklung vermuten die Experten unter anderem die Nachwirkungen des eingeschränkten Schulunterrichts während der Corona-Pandemie sowie die Veränderung der Zusammensetzung der Schülerschaft. So habe sich die sozioökonomische Heterogenität vergrößert und der Anteil zugewanderter Schüler sei weiter gestiegen. Laut Zahlen des Statistischen Bundesamts hatten 2024 rund 29 Prozent der Schüler an allgemeinbildenden Schulen einen Migrationshintergrund.
Die Ideen, wie mit dieser wachsenden Herausforderung für die Schulen umgegangen werden soll, reichen von der Forderung nach verbindlichen Sprachtests vor der Einschulung bis hin zur vermehrten Einstellung von Lehrern mit Migrationshintergrund. Diese seien nach Ansicht des rheinland-pfälzischen Bildungsministers Sven Teuber (SPD) näher an den Lebenserfahrungen der stärker migrantisch geprägten Schüler dran und könnten so Bezugspersonen für Kinder mit ähnlichen Biographien sein. Einen Schritt weiter geht die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Berlin, die einen deutlich stärkeren Ausbau des erstsprachlichen Unterrichts an den Schulen fordert. „Sprachenvielfalt ist eine Stärke. Allen Kindern und Jugendlichen muß der schrift- und bildungssprachliche Zugang zu ihrer Erstsprache im Rahmen des schulischen Kontextes ermöglicht werden“, sagt GEW-Landesvorsitzender Gökhan Akgün.
Zahl der Schüler ohne Abschluß steigt
Sorge bereitet den Bildungspolitikern unterdessen nicht nur der Leistungsabfall, sondern die wachsende Zahl von Schülern, die keinen Abschluß machen. Im Schuljahr 2023/24 verließen laut Statistischem Bundesamt 62.000 junge Menschen (7,8 Prozent aller Abgänger) die Schule ohne Abschluß – der höchste Wert seit zehn Jahren. Bei der Ursachenforschung rückt auch hier die wachsende Vielfalt der Schülerschaft in den Fokus. So lasse sich der aktuelle Peak wahrscheinlich in erster Linie auf Zuwanderung zurückführen, sagte der Direktor des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie, Dieter Dohmen, dem Portal „Table Media“. Mit dem Angriffskrieg auf die Ukraine seien viele ukrainische Schüler ohne Deutschkenntnisse in deutsche Schulen gekommen. Auch sonst habe die Heterogenität der Schülerschaft zugenommen.
Nicht nur der Bildungsminister von Sachsen-Anhalt, Jan Riedel (CDU), in dessen Land die Quote der abschlußlosen Schüler sogar bei 9,3 Prozent liegt, ist besorgt. „Wir müssen runter von der hohen Quote, nicht nur bei ausländischen Kindern“, sagte er der Volksstimme. Einen Lösungsweg sieht Riedel in der „Anpassung der Standards“: So ist in dem Bundesland seit 2024 ein Hauptschulabschluß beispielsweise auch mit zwei Fünfen in Mathematik und Deutsch möglich, sofern in einem anderen Fach mindestens eine Drei erreicht wird. Ob dadurch die Diskussion über die Bildungspolitik in Deutschland entschärft werden kann, darf indes bezweifelt werden.






