BERLIN. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) ist massiv unter Beschuß geraten, nachdem er eingestanden hat, die Öffentlichkeit über sein Verhalten am Sonnabend belogen zu haben. Statt sich am ersten Tag des Blackouts im Berliner Südwesten den „ganzen Tag zuhause in sein Büro eingeschlossen“ zu haben, wie er behauptete, war er von 13 bis 14 Uhr mit seiner Freundin, der Schulsenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU), Tennis spielen.
Die CDU-Fraktion reagierte hektisch auf die peinliche Wende. Noch am Mittwochabend lud sie zu einer Sondersitzung für den heutigen Donnerstag um 8 Uhr ein. Einziges Thema: Wegners Lüge und sein Verhalten am ersten Tag des verheerenden Terroranschlags von Linksextremisten auf die Berliner Stromversorgung. Klar ist: Für die CDU könnte dieser Skandal ein Dreivierteljahr vor der Abgeordnetenhauswahl am 20. September den politischen Genickbruch bedeuten.
JU-Chef wirft Wegner „Realitätsverweigerung“ vor
Bereits am Mittwochabend übte der Berliner JU-Landeschef, Harald Burkart, heftige Kritik am CDU-Chef. Gegenüber Nius sagte er: „Herr Wegner hat offenbar die Bevölkerung angelogen, den Ernst der Lage völlig verkannt und den Bezirk Zehlendorf hängengelassen. Das ist kein Führungsstil, das ist Realitätsverweigerung.“
Auch vom Koalitionspartner kommt heftige Kritik: SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach sagte dem Tagesspiegel: „Ich weiß nicht, was schlimmer ist: daß er die Berlinerinnen und Berliner belogen hat oder daß ihm eine Tennis-Partie wichtiger war, als nach einem terroristischen Anschlag in der schlimmsten Stromkrise seit Jahrzehnten bei den betroffenen Menschen vor Ort zu sein.“ Beides sei „inakzeptabel und eines Regierenden Bürgermeisters unwürdig“.
Der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Werner Graf, forderte Wegners Rücktritt: „Ehrlich gesagt bin ich fassungslos.“ Der Regierende Bürgermeister sei auf dem Tennisplatz gewesen, obwohl 45.000 Berliner Haushalte „ohne Wärme und Licht in einer Notlage“ gewesen seien „und während Menschen in Gefahr gerieten“. Das entspreche nicht den Erwartungen, die Berliner „zu Recht an dieses Amt haben“.
AfD-Chefin Brinker: „Wegner ist erledigt“
Die AfD-Landes- und Fraktionsvorsitzende Kristin Brinker kritisierte, daß Wegner „einen Terrorangriff auf die Infrastruktur der Stadt nicht ernst genug nimmt, um auf sein Tennismatch zu verzichten“. Daß er dann allerdings „den Berlinern auch noch ins Gesicht gelogen und ihnen Märchen aufgetischt hat, wie sehr er sich ununterbrochen gekümmert habe, schlägt dem Faß den Boden aus“. Brinker: Nach diesem politischen Doppelfehler ist Wegners Karriere erledigt. Wer soll diesem Mann je wieder vertrauen? Berlin kann sich einen derart unzuverlässigen Lügenbold an der Spitze nicht leisten. Wegner muss umgehend zurücktreten.“
Auf einen Satz brachte es der Landesvorsitzende der Linkspartei, Maximilian Schirmer: „Während die einen frieren, spielen die anderen Tennis. Mehr muß man nicht wissen.“ Die Stadt verdiene einen Regierenden Bürgermeister, der „zuerst an die Menschen dieser Stadt denkt, zuhört, anpackt und Krisen löst“. Wer lieber Tennis spiele, als „in der größten Not bei den Menschen zu sein, sollte sich vielleicht überlegen, ob dieser Job noch der richtige für ihn ist“.
Berliner CDU steht vor Dilemma
Der Landesvorsitzende der außerparlamentarischen FDP, Christoph Meyer sprach von einer „bewußten Täuschung“ der Berliner. „Wer in der Krise nicht führt und anschließend die Öffentlichkeit belügt, kann dieses Amt nicht weiter ausüben. Kai Wegner muß zurücktreten.“ Selbst in Österreich sorgt Wegner mit seinem Skandal für Aufsehen. Der ORF berichtete über seine Unwahrheit.

Sollte Wegner sein Amt tatsächlich niederlegen müssen, steht die CDU vor einem Problem: Wer soll ihm nachfolgen? Die Personaldecke ist dünn, mit Ausnahme von Wegner verfügt die Hauptstadt-Union über keinen in der Bevölkerung bekannten Kopf. Es gibt gegen den Regierenden Bürgermeister auch keine ernstzunehmende innerparteiliche Opposition. Im Wahljahr steht die Partei vor einem Dilemma. (fh)






