Anschlag auf Weihnachtsmarkt

Sollte Abschiebung von Amri-Vertrautem Ermittlungen verhindern?

BERLIN. Ein mutmaßlicher Mitwisser des Weihnachtsmarkt-Attentäters Anis Amri ist möglicherweise abgeschoben worden, um ihn vor einer Strafverfolgung zu schützen. Der Tunesier Bilal Ben Ammar soll laut Focus für den tunesischen Geheimdienst gearbeitet haben.

Wie berichtet, war Ben Ammar am 1. Februar 2017 in sein Heimatland abgeschoben worden. Und das, obwohl er sich nachweislich am Abend vor dem Anschlag in einem arabischen Restaurant in Berlin-Wedding mit Amri getroffen hatte. Einen Tag später, nur wenige Stunden vor der Tat, telefonierten Amri und Ben Ammar, den die Behörden ebenfalls als islamistischen Gefährder einstuften und sogar für gefährlicher als Amri hielten, noch ein letztes Mal.

Abschiebung trotz belastender Informationen

Nach seiner Verhaftung entdeckten Ermittler auf Ammars Handy Fotos, auf denen genau die Stelle des Breitscheidplatzes zu sehen war, an der Amri mit dem Lkw zugeschlagen hatte. Allerdings waren die Bilder ein dreiviertel Jahr vor dem Anschlag aufgenommen worden. Dies könnte darauf hindeuten, daß Ammar in die Planung der Tat eingeweiht war. Dennoch wurde der Tunesier mit Billigung des Generalbundesanwalts am 1. Februar 2017 aus seiner Zelle in Berlin Moabit geholt, nach Frankfurt am Main gebracht und von dort aus nach Tunesien abgeschoben.

Wie der Focus nun berichtet, soll die Entscheidung über seine Abschiebung bereits neun Tage nach dem Anschlag gefallen sein. Als Beleg hierfür zitiert das Magazin aus einer E-Mail an die Bundespolizei vom 28. Dezember 2016. In dieser heißt es: „Seitens der Sicherheitsbehörden und des Bundesinnenministeriums besteht ein erhebliches Interesse daran, daß die Abschiebung erfolgreich verlaufen soll.“

Und das, obwohl es mehrere belastende Informationen über Ben Ammar gibt. So soll dem Bericht nach eine Kamera beim Breitscheidplatz gefilmt haben, wie Amri nach dem Attentat aus dem Lkw stieg und wegrannte. „In diesem Moment zeigt der bislang unter Verschluß gehaltene Film auch, wie eine Person mit dem Aussehen von Ben Ammar einem Mann mit einem Kantholz seitlich an den Kopf schlägt, um dem flüchtenden Amri den Weg freizumachen“, schreibt das Magazin. Das Opfer liege bis heute im Koma. Zudem habe Ben Ammar zwei Stunden nach der Tat den Anschlagsort mit einem Handy fotografiert und die Bilder an eine bislang nicht identifizierte Rufnummer geschickt.

Verfassungsschutz hatte Ben Ammar im Visier

Auch hätte Ben Ammar den Ermittlern möglicherweise weitere wichtige Informationen über Amri und dessen Kontaktmänner in Deutschland geben können. Denn laut einem Schreiben des Bundesamtes für Verfassungsschutz an das LKA Berlin vom 26. Januar 2016, das der JUNGEN FREIHEIT vorliegt, war Amri 2015 gemeinsam mit Ben Ammar über Italien nach Deutschland eingereist und hatte sich überwiegend in Berlin sowie in Hildesheim, Oberhausen, Duisburg, Emmerich und Freiburg aufgehalten.

Bereits über ein Jahr vor dem Anschlag, am 6. Dezember 2015, trafen sich die beiden in einer Berliner Asylunterkunft. Die Generalstaatsanwaltschaft Berlin ermittelte schon damals gegen ihn, wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat. (krk)

Der Lkw, den Amri am 19. Dezember 2016 in den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz lenkte Foto: picture alliance/ dpa

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