Terroranschlag in Berlin
Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz am 19. Dezember 2016 in Berlin Foto: dpa
Terror auf dem Breitscheidplatz

„Ein Geräusch, das ich nie vergessen werde“

Die Uhrzeit kommt wie aus der Pistole geschossen: „20.02 Uhr“, sagt Andreas Schwartz. Das ist die von der Polizei ermittelte Tatzeit des Terroranschlags auf dem Breitscheidplatz in Berlin vor drei Jahren. Schwartz war an jenem 19. Dezember dort. Er wartete vor der Gedächtniskirche. „Ich war an dem Tag mit einem Verwandten auf dem Weihnachtsmarkt, direkt an der Kirche verabredet“, erinnert sich Andreas Schwartz. 

Doch Schwartz, er ist Lkw-Fahrer, kommt überpünktlich. „Ich war eine halbe Stunde zu früh da. Ein älteres Ehepaar gab mir einen Becher Glühwein aus, wir waren vergnügt.“ Irgendwann geht Schwartz dann zum verabredeten Treffpunkt. „Ich stand mit dem Gesicht zur Kirche, beobachtete eine Frau und zwei Männer, sie scherzten.“ 

Plötzlich hört Schwartz ein Brummen. „Ein Geräusch, das ich nie vergessen werde, wie ein tiefes Donnern, so etwas hatte ich noch nie gehört, und ich habe es nie wieder gehört.“ Er schaut nach rechts, in die Richtung, aus der dieses lauter werdende Grollen kommt – dann sieht er den heranrasenden Laster. „In dem Moment sah ich, da war die Windschutzscheibe noch heil, wie der Beifahrer in der Kabine dem Fahrer ins Lenkrad griff.“ Schwartz hat dies auch später vor der Polizei ausgesagt. „Damit ist für mich heute klar, daß der polnische Fahrer da noch gelebt hat, daß er nicht schon zuvor in der Koje der Fahrerkabine erschossen wurde, sondern erst auf dem Breitscheidplatz.“

Doch im Moment des Angriff weiß Schwartz von den späteren Ermittlungen und dem Terrormotiv noch nichts. Er versucht nur sein Leben zu retten und springt nach hinten und stürzt rücklings auf ein Kantholz. Dabei verletzt er sich die Wirbelsäule. Später wird sich herausstellen, daß der Lkw ihm zuvor über die Füße gefahren ist, die Zehen sind gebrochen.

Die Behörden gehen von 14 Aliasnamen Amris aus

„Nachdem der Laster stehenblieb, war es plötzlich ganz still auf dem Platz“, erinnert sich Schwartz. „Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Ich bin dann auf allen vieren auf die zwei Männer und die Frau zugekrochen. Daran erinnere ich mich aber nicht mehr genau. Schausteller erzählten es mir am ersten Jahrestag des Anschlags, als wir Überlebenden uns dort trafen. Die hatten mich wiedererkannt und angesprochen.“ Die Schausteller erzählten ihm auch, daß sie ihm eine Erste-Hilfe-Tasche zuwarfen. „Ich bin ausgebildeter Ersthelfer.“ Schwartz bleibt bei der Frau. „Ich hielt sie in den Armen, daran erinnere ich mich noch und daß sie mich mit großen Augen ansah und sagte: Warum?“

Zwölf Tote, 55 Verletzte und drei Jahre später ist es zugig an dem Fuß der Treppe zur neuen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Zwischen Schmuckbude und Germknödelverkauf ist auf etwa 15 Meter Breite keine Hütte zu sehen. Auf den Stufen stehen Ewige Lichter, teils ausgeblichene Portraitfotos in silbernen Rahmen, in einem ist das Glas zersprungen. Einzelne blaßrosa Rosen und ein Plastikblumenstrauß dienen dem Gedenken an die Opfer. Passanten bleiben stehen, werden stumm. Sie lesen die Namen leise vor. Eine Frau sagt: „Mein Gott, Stefan schau, hier sind ja sogar Fotos der Toten.“

Ihr Mörder hieß Anis Ben Othman Amri. Er überlebte seine Opfer um vier Tage. Am 23. Dezember 2016 wurde er bei einer Personenkontrolle durch zwei Polizisten in Sesto San Giovanni, in der Nähe von Mailand erschossen. Zwei Kilometer von dem Ort entfernt, von dem der schwarze Scania-Laster am 18. Dezember Richtung Berlin abgefahren war. Wer war dieser Massenmörder?

Amri war ein Krimineller, schon in seiner Heimat. Ein Drogenhändler und in Abwesenheit wegen Raubes zu fünf Jahren verurteilt worden. Da hatte der 20jährige sich aber schon nach Italien abgesetzt, dort Asyl beantragt und wurde wieder wegen Brandstiftung, Körperverletzung und Diebstahl zu vier Jahren Haft verurteilt. Amri radikalisiert sich in Mailand, einer IS-Hochburg. Er wird als gefährlich eingestuft, die italienischen Behörden speisen seine Daten ins Schengen-System ein, sagt der Ex-Polizist, Ex-Hooligan und Spiegel-Bestseller-Buchautor Stefan Schubert in einer Podiumsdiskussion im September 2019.

Doch Amri wird nach Verbüßen der Strafe nicht abgeschoben, sondern reist über die Schweiz im Juli 2016 nach Deutschland ein. Hier beantragt er unter falschem Namen Asyl. Von mindestens 14 Aliasnamen gehen die Behörden später aus. Angeblich wurden die Behörden aufgrund eines Schreibfehlers nicht auf ihn aufmerksam – Amir statt Amri.

Schuberts These: Amri diente wegen seiner guten Kontrakte zum IS den Behörden als eine Art Lockvogel. Über ihn wollten sie an Daten anderer IS-Terroristen und Zellen in Libyen gelangen. Das sei der Hauptgrund gewesen, warum sie ihn trotz aller Straftaten, die er in Deutschland beging, nicht festnahmen. Interessant ist, daß der marokkanische Geheimdienst zweimal die deutschen Behörden vor Amri warnte.

Erst 15 Monate nach dem Anschlag, am 1. März 2018, setzt der Deustche Bundestag einen Untersuchungsausschuß zum Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz ein. „Der Ausschuß soll den Anschlag und seine Hintergründe aufklären und sich ein Gesamtbild vom Handeln der zuständigen Behörden verschaffen“, steht auf der Internetseite des Bundestages. „Aufbauend auf den Untersuchungsergebnissen soll er Empfehlungen für die Arbeit der im Untersuchungsauftrag benannten Behörden sowie für die Betreuung und Unterstützung von Hinterbliebenen und Opfern solcher Anschläge entwickeln.“

Amris engster Vertrauter ist untergetaucht

Beatrix von Storch (AfD) war bis Mitte Dezember Mitglied des parlamentarischen Untersuchungsausschusses Breitscheidplatz, sie gab diese Aufgabe jetzt an Lars Herrmann weiter. Sie sagt: „Der Ausschuß hat offengelegt, daß Amri zwar als Gefährder eingestuft worden war, aber bei unseren Sicherheitsbehörden nur als Kleinkrimineller gehandelt wurde. Das heißt wiederum im Umkehrschluß, wir müssen fragen, wie viele kleinkriminelle Flüchtlinge sind in Wahrheit islamistische Terroristen?“

Antworten auf viele Fragen der Parlamentarier könnte Amris engster Vertrauter, der islamische Gefährder Bilal Ben Ammar geben. Er war am Abend vor dem Attentat mit Amri essen. „Er hatte Fotos des Breitscheidplatzes und zwar aus dem Winkel, aus dem der Laster Monate später in den Weihnachtsmarkt reinfuhr, auf seinem Handy“, sagt von Storch. Doch Ammar wurde im Eiltempo abgeschoben. Jetzt ist er in Tunesien untergetaucht. 

In den Unterlagen gibt es E-Mails aus dem Jahr 2017, aus denen hervorgeht, daß die damalige Staatssekretärin des Bundesinnenministeriums, Emily Haber, sich persönlich über den Stand der Abschiebung Ammars informieren ließ. Sie zeigen auch, daß die Behörden die Abschiebung vorantreiben wollten. Die Süddeutsche Zeitung zitiert im September 2019 das Ausschußmitglied Benjamin Strasser (FDP: „Nach dem Anschlag waren offenbar alle Ebenen bis hin zur Bundeskanzlerin damit befaßt, jeden aus dem Land zu kriegen, der etwas mit Anis Amri zu tun hatte.“ Die Bundeskanzlerin muß mit Habers Arbeit übrigens zufrieden gewesen sein. Haber wurde Deutsche Botschafterin in Washington.

Ist die These vom kleinkriminellen Einzeltäter noch aufrechtzuhalten? Ein 34 Sekunden kurzer Videofilm, den der Ausschuß erst im August zu sehen bekam, zeigt wie Amri aus dem Lkw flüchtet. Mehrere Personen laufen auf ihn zu. Decken sie seine Flucht? 

Für Beatrix von Storch steht fest: „Amri gehörte einem Netzwerk an. Aber noch viel entsetzlicher ist es, daß die deutschen Sicherheitsbehörden viel näher dran waren, als sie zugeben wollen, und daß sie Amri gar nicht aus dem Verkehr ziehen wollten.“

Schwartz ist seit dem Anschlag in Therapie, kann seinen Job nicht mehr ausüben. Mehrere Operationen mußte er über sich ergehen lassen. Die Füße schmerzen enorm, er ist auf Krücken angewiesen. Heute lebt der alleinerziehende Vater einer 15jährigen Tochter von Harz IV. Unterstützung vom Staat gibt es keine.

JF 51/19

Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz am 19. Dezember 2016 in Berlin Foto: dpa

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