Pegida-Demonstration vor der Semper Oper: „Die Wahrheit ist: Vielen der Leute hört man nicht mehr zu.“ Foto: picture alliance / dpa
Pegida

Rätselraten in Dresden

Das 1945 ausgebrannte Kanzleihaus am Dresdner Stallhof wurde 1998 als „Haus der Kathedrale“ wiedererrichtet. Es gibt dort regelmäßig öffentliche Veranstaltungen. So zum Beispiel seit fünf Jahren die monatlichen Dante-Lektüren. Gegenwärtig wird, Gesang für Gesang, der Läuterungsberg erstiegen. Letzten Mittwoch fand nun ein Gespräch zu dem brandaktuellen Thema „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) statt. Zwei Tage, nachdem 200 Gegendemonstranten 7.500 Abendspaziergänger der Pegida blockiert hatten, stellte die Sächsische Landeszentrale für Politische Bildung die rhetorische Frage „Wie verteidigen wir das Abendland?“.

Direktor der Zentrale ist Frank Richter. Am 8. Oktober 1989 hatte der damals 29jährige Kaplan in Dresden die „Gruppe der Zwanzig“ formiert und dadurch das Gespräch der Demonstranten mit der Parteiführung eingeleitet. Diese Erfahrung wird ihn bewogen haben, auch diesmal alle Seiten an einen Tisch zu bringen. Mit zweihundert Besuchern ist der Raum überfüllt. Zehn Prozent der Anwesenden sind von der Presse. Die sind freilich ausgehungert, weil die nachdenklicheren Spaziergänger ihnen gegenüber nicht auskunftsbereit sind.

„Kommunikation kann schief gehen. Nichtkommunikation geht schief.“

In kluger Bescheidenheit gibt Richter zu bedenken: „Kommunikation kann schief gehen. Nichtkommunikation geht schief.“ Neben ihm haben der Politikwissenschaftler Werner Patzelt, die Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Eva-Maria Stange und der Vorsitzender der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen Peter Porsch, Platz genommen. Auch ein Pegida-Vertreter war angefragt. Doch drei Stunden vor Veranstaltungsbeginn kam eine Absage wegen Erkrankung und anderweitiger Beanspruchung.

Zunächst wird versucht, den Begriff des Abendlandes zu fassen. Während Porsch und Stange einen negativen Abgrenzungsbegriff darin sehen, mit dem sie nichts anfangen können, referiert Patzelt über „kulturell-historische Tatsachen“. Er hält fest: „Die abendländische Identität fiel nicht vom Himmel.“ Sie sei durch Eroberung und Abgrenzung geschaffen worden. Später habe sich Europa durch technische Überlegenheit seine Vormacht gesichert. Heute allerdings, wo wir inne werden, „daß unsere Flugzeuge nicht fliegen, die Hubschrauber vom Himmel fallen und die Gewehre nicht schießen“, sähe es auf einmal anders aus. Es gäbe kein Konzept für die veränderte Lage.

„Unsere freie und offene Lebensweise wollen wir uns erhalten“

Als die Forderung der Demonstranten zitiert wird: „Unsere freie und offene Lebensweise wollen wir uns erhalten“, klatscht ein einzelner in der hinteren Reihe des Raums. Porsch legt los: „Ich hab was dagegen. Man muß was dagegen haben, nämlich gegen diese Sprache.“ In die gleiche Kerbe schlägt Stange. Patzelt dagegen wirft beiden vor, sich „auf die Sprache zu kaprizieren“ weil sie über die Gegenstände nichts sagen wollen. „Wollen wir uns vor dem Dilemma der Inhalte drücken, weil uns die Textsorte unsympathisch ist?“

Als Porsch vom „schiedlichen und friedlichen Zusammenleben“ von Menschen verschiedenster Herkunft am Beispiel eines Grazer Mietshauses schwärmt, bekommt er von Patzelt entgegengehalten, daß es um mehr ginge „als friedlich-schiedliches Miteinanderauskommen in metaphysischer Schlamperei“. Und nachdem Stange den Demonstranten Angstmacherei und Alternativlosigkeit vorworfen hat, wird sie erinnert: „Das etwas alternativlos ist, behauptet die Kanzlerin.“

„Wir rufen nichts zurück. Wir gehen still“

Frank Richter war am Montag inkognito mit im Demonstrationszug unterwegs und faßt seinen Eindruck von der Tatsache zusammen, „daß 7.000 Leute durch die Stadt gehen und sich vornehmen zu schweigen. ‘Wir rufen nichts zurück. Wir gehen still.‘ Die Schärfe, die in diesem Protest lag, die empfand ich als schärfer als den Aufruf.“ Er meint: „Das es ein Bedrohungsgefühl gibt, sollten wir zur Kenntnis nehmen.“

Patzelt stellt fest, dass von Religion nicht viel mehr übrig sei als die christliche Caritas. Religion sei an keine bestimmte Kultur gebunden. Die nihilistische Leere im europäischen Bewußtsein würde empfindlich spürbar, wenn Menschen mit ungebrochener Religiösität zu uns kämen. Eine Frage danach, ob der Islam nach Europa passe, sei „so unsinnig, wie die Frage, ob das Christentum in den Nahen Osten gehöre, von wo es herkommt. Menschen, die fünfmal am Tag beten, sich sozial betätigen, indem sie Almosen geben und fasten, sind generell keine Bedrohung.“

„Die Wahrheit ist: Vielen der Leute hört man nicht mehr zu“

Nach einer Blütenlese von Äußerungen der Demonstranten gab sich Ministerin Stange „als Politikerin ein Stück ratlos“. Patzelt fragte rhetorisch: „Erschreckt mich das, was wir gehört haben? Ja und nein! Es erschreckt mich nicht, weil es normal ist. Aber die Normalität ist schlecht. Was mich wirklich erschreckt: warum reden sie nicht mehr mit Journalisten? Die Wahrheit ist: Vielen der Leute hört man nicht mehr zu.“ Die Demonstrationen würde sich auf physische Präsenz reduzieren. Und schließlich solle noch diese physische Präsenz selbst unterbunden werden.

Patzelt stellt fest, daß „die Übergriffigkeit nicht von Pegida ausgegangen ist.“ Er legt der Oberbürgermeisterin nahe, zu vermitteln zwischen den Demonstranten beider Seiten. Unmutskundgebungen der Gegenseite in Hörweite seien sinnvoll für die Auseinandersetzung, doch ein Verlegen der Demonstrationswege sei nicht hinzunehmen. Nur so ließen sich „die verlorenen Schafe wieder einfangen“. Auf Stanges Einwand: „Ich hör es wohl, allein mir fehlt der Glaube.“ kontert Patzelt ungerührt: „Daß gehört sich auch so für eine Atheistin.“ Ihr gehe es um Schadensbegrenzung, Imagepflege und Stadtmarketing.

Die Feststellung, es gäbe unter den Protesten „zuviele Elemente, die Dresden mit dem 13. Februar verbindet.“ sei allgemeingenommen sicher richtig. Denn die Instinktlosigkeit der politischen Eliten gegenüber diesem heiklen Thema würde auf einer unbewußten Ebene auch die Pegida-Proteste nähren. Die Ministerin sagt: „Meine Sorge ist, daß sich das weiter radikalisiert.“ Die Demonstranten jedenfalls haben am Montag alles dafür getan, daß es nicht zu einer Radikalisierung kam.

Pegida-Demonstration vor der Semper Oper: „Die Wahrheit ist: Vielen der Leute hört man nicht mehr zu.“ Foto: picture alliance / dpa

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