„Nazi Leaks“
 

Deutscher Journalisten-Verband kritisiert Anonymous

DJV
Logo des Deutschen Journalisten-Verbands Foto: DJV

BERLIN. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat die Hackergruppe Anonymous kritisiert. Deren Vorgehensweise habe „mit gründlicher Recherche oder investigativer Aufklärung“ nichts zu tun, hieß es in einer Stellungnahme des Verbands. Hintergrund ist die Veröffentlichung mehrerer illegal beschaffter Daten auf der Internetplattform „Nazi Leaks“. Zu diesen gehört auch eine Liste mit den Privatadressen von rund 380 Personen, darunter zahlreiche Autoren und Interviewpartner der JUNGEN FREIHEIT. Diese Liste war bereits im vergangenen Juli auf dem linksextremen Internetportal Indymedia mit der Drohung: „Wir kriegen euch alle“ veröffentlicht worden.

Da die Datei von „Nazi-Leaks“ als „Autorenliste“ der JF bezeichnet werde, würden die darin genannten „Journalisten und für Interviews angefragte Personen als rechtsextrem gebrandmarkt“, monierte der Sprecher des Journalistenverbands, Hendrik Zörner. Dies widerspräche der journalistischen Sorgfaltspflicht“. Die eigentliche Veröffentlichung der Privatadressen kritisierte der Verband dagegen nicht – und dies, obwohl bereits mehrere Autoren und Redakteure der JF in den vergangenen Tagen eindeutige Drohanrufe erhielten. Zudem verlinkte der DJV in der Mitteilung auf seiner Internetseite auf „Nazi Leaks“, wodurch auch er zur Verbreitung der Privatadressen von Journalisten beiträgt.

Stein: Reaktion des DJV ist enttäuschend

Der Chefredakteur der JUNGEN FREIHEIT, Dieter Stein, nannte die Reaktion des DJV „enttäuschend“. In einem Schreiben an den Bundesvorsitzenden des Verbands, Michael Konken, warf Stein diesem vor, die Interessen unabhängiger Journalisten und die Pressefreiheit nicht entschieden genug zu verteidigen. Gleichzeitig forderte er ihn auf, sich eindeutig vor Journalisten zu stellen, die für die JF schreiben.

Kritik an „Nazi Leaks“ war zuvor bereits vom Chaos Computer Club geäußert worden. Deren Arbeit verstoße gegen die Hacker-Ethik: „Private Daten schützen, öffentliche Daten nützen“, zitierte das Onlineportal der Süddeutschen Zeitung ein Mitglied des CCC. Zwar gebe es auch beim Chaos Computer Club einige, die fänden, Rechtsextremisten müßten ausgespäht werden, jedoch hätten entsprechende Veröffentlichungen in der Vergangenheit gezeigt, daß die Datenpakete auch Unbeteiligte enthielten, „deren Namen die Nazis als Pseudonyme verwendet hatten“.

Die Badische Zeitung warnte in einem Beitrag, mit dem „Internetpranger für Neonazis“ würden „nicht nur Rechte“ bloßgestellt. Die Veröffentlichung der privaten Daten von Autoren der JF sei „nicht nur aus datenschutz- und strafrechtlicher Sicht fragwürdig“. Der Datenschutzexperte Thilo Weichert warnte gegenüber der Zeitung: „Unter Umständen werden hier Menschen fälschlicherweise an den Pranger gestellt, ohne daß es hierfür eine Grundlage gibt.“

„Nicht jede Information sollte in Umlauf kommen“

Auch die Frankfurter Rundschau äußerte kritische Töne: Enthüllen sei kein Selbstzweck, hieß es in einem Kommentar. „Nicht jede Information sollte in Umlauf kommen, und nicht jede Information ist es wert, daß sie jemand veröffentlicht.“ Schwieriger werde es, wenn das Sammeln von Trophäen in den Vordergrund rücke. Dafür gebe es bei „Nazi Leaks“ Anzeichen. Dort fände sich eine Datei, in der auch Autoren der JF aufgelistet sind. „Doch ist jeder, der für eine Zeitung mit Beiträgen von Rechtsextremen schreibt, gleich selbst ein Nazi?“, gab das Blatt zu Bedenken. (krk)

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