NS-Vergangenheit: Österreicher fordern Schlußstrich

Heldenplatz
Heldenplatz in Wien: Die Österreicher sehnen sich nach einem Schlußstrich. Foto: Wikipedia

WIEN. Anläßlich des 70. Jahrestages des Anschlusses von Österreich an das Deutsche Reich hat sich die große Mehrheit der Österreicher dafür ausgesprochen, einen „Schlußstrich“ unter die immer noch anhaltende „Aufarbeitung“ der NS-Vergangenheit zu ziehen.

In einer telefonischen Umfrage der Sozialwissenschaftlichen Studiengesellschaft (SWS) sprachen sich 60 Prozent der Befragten für einen „Schlußstrich“ aus. Nur 36 Prozent wollen die sogenannte Aufarbeitung der Geschichte fortsetzen. Die SWS fand dabei heraus, daß vor allem linksorientierte und höhergebildete Personen einen „Schlußstrich“ ablehnen.

Am deutlichsten sprachen sich mit je 75 Prozent Wähler der ÖVP- und der FPÖ-Abspaltung Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ) von Jörg Haider für ein Ende der Vergangenheitsbewältigung aus. Bei den FPÖ-Anhängern waren es 71 Prozent, bei den Sympathisanten der SPÖ von Bundeskanzler Alfred Gusenbauer 60 Prozent.

Regional große Unterschiede

Nur bei den Grünen-Wählern waren es lediglich 20 Prozent. Auch regional gab es große Unterschiede: Im Burgenland und Oberösterreich waren 79 Prozent beziehungsweise 71 Prozent für einen Schlußstrich. Im großstädtisch-multikulturellen Wien und im an die Schweiz grenzenden Vorarlberg hingegen nur 49 Prozent beziehungsweise 48 Prozent.

53 Prozent der befragten Österreicher glauben inzwischen, daß sich bei einer erneuten Volksabstimmung „fast alle“ Österreicher gegen einen Anschluß an die Bundesrepublik Deutschland aussprechen würden. Unter den jüngeren Personen beträgt dieser Anteil sogar 65 Prozent.

Zu Zeiten der ersten Republik waren bis 1933 alle österreichischen Parteien – mit Ausnahme der KPÖ – für eine Vereinigung mit dem Deutschen Reich. Dieser stand aber das „Anschlußverbot“ der Friedensverträge von Versailles (Artikel 80) und Saint-Germain (Artikel 88) entgegen.

Unterschiedliche Meinungen über den genauen Zeitpunkt des Anschluß

Auf Bundesländerebene stimmten 1919 die Vorarlberger für den Anschluß an die Schweiz. Die Tiroler und die Salzburger stimmten 1921 für den Anschluß ihrer Länder an das Deutsche Reich. Weitere Abstimmungen wurden nach massiven Drohungen der Entente-Siegermächte unterbunden. Über das genaue Datum des „Anschlusses“ von 1938 gibt es unterschiedliche Auffassungen.

Am 12. März marschierten insgesamt etwa 65.000 Wehrmachtssoldaten und Polizisten nach Österreich ein. Sie wurden von zahlreichen Österreichern oft mit viel Jubel empfangen. Am 13. März wurde von der neuen Regierung unter dem bisherigen Innenminister Arthur Seyß-Inquart (NSDAP) in Wien das „Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich“ beschlossen.

Erst am 15. März verkündete der damalige deutsche Reichskanzler Adolf Hitler dann auf dem Wiener Heldenplatz „den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich“. Die Volksabstimmung über die Frage „Bist Du mit der am 13. März vollzogenen Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich einverstanden?“ fand erst am 10. April statt. Dabei sprachen sich auch prominente Kirchenführer und Sozialdemokraten öffentlich für den Anschluß aus.

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