„Fall Krause“: Jüdische Theologin warnt vor Totschlagargumenten

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Edna Brocke Foto: LPA NRW

BERLIN. In der Debatte um den ursprünglich als Kulturminister Thüringens vorgesehenen CDU-Landtagsabgeordneten Peter Krause hat sich die jüdische Theologin Edna Brocke zu Wort gemeldet. In einem Interview mit der Südthüringischen Zeitung kritisierte sie den „pawlowschen Reflex“ in der deutschen Debattenkultur und wandte sich gegen die gängige Gleichsetzung der Zuschreibungen „konservativ“ und „rechts“.

Brocke sagte, es gebe in Deutschland eine Deutungsfalle, die vielen im Wege stehe und in der Causa Krause wieder „zugeschnappt“ sei: Es herrsche die Überzeugung, links sei das Gegenteil von rechts, und man glaube, „wenn man links ist, sei man automatisch gut“.

Um „sich selbst auf der richtigen Seite zu wissen“, stelle man alles Konservative und Bürgerliche in die rechte Ecke. Diese Deutungsfalle wolle sie korrigieren. Links nehme sie vielmehr als das Gegenteil von konservativ oder bürgerlich wahr, und solche Positionen seien sorgfältig zu scheiden von eindeutig rechten oder rechtsradikalen. Konservativ und rechts gleichzusetzen, sei „einfach ein Fehler“.

„Nicht hinreichend, um den Mann zu disqualifizieren“

Eine Scheidelinie zwischen maßvollen und extremen Positionen zu ziehen, sei eine „schwierige Frage“, doch die „gleiche Problematik hat man bei links und linksradikal“. Die Grenze sei dann überschritten, „wenn Themen, die eindeutig hetzerisch sind, aufgegriffen und hetzerisch formuliert werden. In dem Moment, wo analytisch und nicht ideologisch argumentiert wird, kann man es durchaus in dem Bereich von konservativ ansiedeln“.

Auf die JUNGE FREIHEIT angesprochen sagte Brocke: „Ich lese sie nicht regelmäßig, schaue aber öfters rein und muß sagen, sie hat eine Fülle von interessanten Beiträgen mit durchaus konservativen Positionen, die ich aber ausgesprochen nicht in die rechte Ecke stellen würde.“

Brocke, die 1943 in Jerusalem geboren wurde und eine Nichte Hannah Arendts ist, verglich die Reaktionen auf die Nominierung Peter Krauses mit einem „pawlowschen Reflex“. Das hänge mit dem einzigen „identitätsstiftenden Mythos“ Deutschlands zusammen, der „Absetzung vom Nationalsozialismus“.

Kritik an „kontraproduktiven Maßnahmen“

„Und in dem Moment, wo man sich irgendwo identifizieren will, muß man jemanden in die Ecke der Nazis oder der Erben der Nazis stellen und sich von ihm distanzieren. Das ist ein Totschlagargument.“ Wenn von jüdischer Seite oft Alarm geschlagen werde – neben anderen hatte auch der Zentralrat der Juden scharfe Kritik an Krause geübt –, „sind das kontraproduktive Maßnahmen, denn am Ende versteht niemand mehr, warum“.

Brocke ist Lehrbeauftragte für Judentumskunde an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum. Seit zwanzig Jahren leitet sie die Gedenkstätte Alte Synagoge Essen und erhielt 2006 den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen. 1998 wurde Edna Brocke von der Ruhr-Universität Bochum für ihre „deutsch-jüdische Erinnerungsarbeit“ die Ehrendoktorwürde verliehen.
 

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