Antifaschistischer Stil

Als Kultusminister von Thüringen hätte der ehemalige Redakteur dieser Zeitung, Peter Krause, dem Land bestimmt gutgetan, doch erschien sein Amtsantritt von Anfang an völlig unwahrscheinlich.

Ersparen wir uns die Klage über die Linkslastigkeit von Politik und Medien, über die fehlende Kampagnefähigkeit und Solidarität in den Unionsparteien und über die Perfidie der Verhältnisse, die es gestatten, daß SED-Nachfolger zusammen mit Journalisten, die nur im Denunziantentum brillieren, als Gesinnungswächter agieren.

Ersparen wir uns auch die Erörterung, wer und was konservativ, rechts, rechtsextremistisch oder nur rechtsradikal ist, welche Position sich im Verfassungsbogen befindet und welche nicht – solche Diskussionen haben lediglich als Spiegel realer Machtverhältnisse einen Erkenntniswert.

Die Verunsicherten fühlen sich durch Krause verworfen

Versuchen wir uns lieber in einen Durchschnittsjournalisten von Spiegel online, taz oder Welt (die Differenzen sind längst minimal geworden) und in die Durchschnittspolitiker zu versetzen, welche erklärtermaßen die Angriffsfront der Demokraten bilden: Was sollen sie halten von einem Mann, der eine Dissertation über die Rhetorik von Friedrich Schlegel verfaßt hat, der ein politisches Konzeptpapier mit Arnold Gehlen einleitet und „die politische Kultur der Bundesrepublik als Dekadenz: als Unwilligkeit eines Volkes, die sachlich akuten Aufgaben zu sehen“ beschreibt? Der den rhetorischen Charakter des Politikbetriebs reflektiert und die moralisierende Affekterregung „ein zentrales Element politischer Hermeneutik“ nennt: „Erregung, intellektueller Krampf, Scheindebatten beherrschen die verunsicherte Szene. Die symbolische Geste der öffentlichen ‘Buße’ ist ubiquitär.“

Die Verunsicherten, die diese Krämpfe betreiben, fühlen sich durch solche Sätze verworfen. Ihr Verfasser wird zur Zielscheibe ihrer natürlichen Abwehrreaktionen. Da ihr verworfenes Vokabular zu einer Auseinandersetzung auf intellektueller Ebene nicht ausreicht, werden die Angriffe hinterrücks geführt. In der Diskussion schlug unverhohlener Haß auf höhere Bildung durch.

Krause beziehe sich in seinen Publikationen „unter anderem positiv auf den Nazi-Essayisten Gottfried Benn und ist, typisch für rechte Intellektuelle, ein Fan von Friedrich Schlegel“, hieß es in einem langen Blogeintrag, geschrieben offenbar von einem Subakademiker. Gesteigert wurde die Abneigung dadurch, daß Krauses intellektuelles Niveau mit äußerer Kultiviertheit und Grandezza korrespondiert.

Haß gegen echte, starke Individualität

Die taz erwies sich als zuverlässiges Organ des – jetzt ist das Wort fällig – linksalternativen Spießertums, indem sie „eine Kennerin“ zitierte, die ihn einen „völkischen rechten Boheme“ (gemeint ist natürlich: Bohemien – D. N.) nannte, „der Wert auf seine Unkonventionalität lege, sich gern schwarz kleide, einen, der sich als Gegenbild der Spießigkeit begreife, jemand, der seine Helden etwa beim Freikorpskämpfer Ernst von Salomon finde und seine möglicherweise rechte Gesinnung hinter verschwiemelten Worthülsen verberge“.

Der stromlinienförmige Individualismus empfindet einen natürlichen Haß gegen echte, starke Individualität. Dazu paßte der Meutencharakter der Kritiker, ihr offener Sadismus, der wiederum ihre Minderwertigkeitskomplexe bestätigt.

Unter dem Eindruck der Kräfteverhältnisse war Krause seinen Kritikern schließlich weit entgegengekommen – einige meinten: viel zu weit –, hatte zum Teil ihr Vokabular übernommen, um schließlich einzusehen, daß die Selbstdemütigung durch öffentliche Buße sich nur durch den Rückzug vermeiden ließ.

Gedanken an Alternativen präventiv abgetötet

Um eine politische Karriere zu machen, muß man anscheinend gebrochen oder von Natur aus rückgratlos sein und am besten noch ausgesprochen dumm. So wie der thüringische SPD-Vorsitzende Christoph Matschie, der den von Krause benutzten, sachlich unstrittigen Begriff der deutschen „Schuldmetaphysik“ mit „Spekulation“ gleichsetzte, um ihn dann reflexartig mit der Holocaust-Leugnung zu assoziieren. Die von den Nationalsozialisten fabrizierten Leichenberge sind nun mal das zuverlässigste Mittel, um die eigene parteipolitische Waagschale zu beschweren.

Diese intellektuellen, moralischen und politischen Stillosigkeiten bilden die Ingredienzen eines offiziösen Antifaschismus, der vor unseren Augen zur Gesinnungsdiktatur gerinnt, die vielleicht noch perfider sein wird als alle früheren, weil sie sich als Überwindung vergangener Perfidien legitimiert und den Gedanken an Alternativen damit präventiv abtötet.

Denn, so Arnold Gehlen, „teuflisch ist, wer das Reich der Lüge aufrichtet und andere Menschen dazu zwingt, in ihm zu leben. Das geht über die Demütigung der geistigen Abtrennung noch hinaus, dann wird das Reich der verkehrten Welt aufgerichtet, und der Antichrist trägt die Maske des Erlösers (…) Der Teufel ist nicht der Töter, er ist Diabolos, der Verleumder, ist der Gott, in dem die Lüge nicht Feigheit ist, wie im Menschen, sondern Herrschaft. Er verschüttet den letzten Ausweg der Verzweiflung, die Erkenntnis, er stiftet das Reich der Verrücktheit, denn es ist Wahnsinn, sich in der Lüge einzurichten.“

So weit ist es zum Glück noch nicht gekommen. Die Freiheit, den Wahnsinn zu benennen, werden wir uns weiter nehmen.

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