Ein konservatives Zugpferd im Ruhestand

Lummer

Im September wurde von der Stasi-Unterlagen-Behörde das Buch „Bundesbürger im Dienst der DDR-Spionage“ vorgestellt. Westliche Politiker spielen darin eine besondere Rolle. Abgeordnete mit Agententätigkeit – das ist immer eine Schlagzeile.

Der Autor Georg Herbstritt erwähnte beiläufig, die Stasi habe es in einigen wenigen Fällen auch mit Erpressung versucht, wenn die Landesverräter nicht aus ideologischen Gründen oder gegen Bares aktiv wurden. „Heinrich Lummer war so ein Fall.“

Ein Raunen. Sofort fragt ein Journalist nach: „Heinrich Lummer? Der hat für die Stasi gearbeitet?“ „Nein, nein“, wiegelt Herbstritt ab, der 500 Einzelfälle untersucht hat. Er hat sich mißverständlich ausgedrückt. Die Stasi habe nur versucht, Heinrich Lummer anzuwerben. Um ihn gefügig zu machen, wurde mit der Veröffentlichung von Details einer Intimbeziehung zu einer Ostberlinerin gedroht.

Lummer aber reagierte gelassen. Er stand sowieso stets in dem Ruf, ein „Frauenheld“ zu sein – da hätte ihm diese „Enthüllung“ wohl kaum geschadet. Zurück in West-Berlin, offenbarte sich Lummer sofort den Geheimdiensten. Die Stasi erhielt keine einzige brauchbare Information von dem CDU-Abgeordneten.

Was diese Anekdote von der Pressekonferenz bei der Birthler-Behörde zeigt, ist, daß der Name Lummer noch immer „zieht“. Selbst zehn Jahre nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik ist Heinrich Lummer eine der beliebtesten Figuren, die je der Berliner CDU angehört haben.

<---newpage---> Ergebnisse nahe der Fünfzig-Prozent-Marke

Als die Deutschen Konservativen e.V. vor anderthalb Jahren eine Anzeige in einer Berliner Tageszeitung mit ihrem Ehrenpräsidenten Lummer schalteten, hagelte es sofort viele Briefe. „Schön, daß es Sie noch gibt“, schrieb eine Anhängerin. Sofort griff auch die Zeitung die Anzeige begierig auf und schrieb: „Heinrich Lummer meldet sich zurück.“ Wie gesagt: Der Name Lummer zieht noch immer.

Jahrelang war er ein Zugpferd bei Wahlen. Von 1967 bis 1986 Landesparlamentarier, davon viele Jahre als Fraktionsvorsitzender, gehörte er zuletzt als direkt gewählter Abgeordneter für den Wahlkreis Berlin-Spandau dem Bundestag an. Unvergessen ist seine Rolle bei der Räumung der von linksradikalen Anarchisten besetzten Häuser in West-Berlin in den frühen achtziger Jahren.

Lummer war damals Innensenator und Bürgermeister. Seinetwegen gingen Konservative immer wieder zur Wahlurne und bescherten der Berliner Union in den achtziger Jahren Ergebnisse nahe an der Fünfzig-Prozent-Marke. Das heutige Führungspersonal der Hauptstadt-CDU ist gerade noch für halb soviel gut.

Lummer, seit vielen Jahren auch ständiger Mitarbeiter und Kolumnist der jungen freiheit, hat stets polarisiert. Während er über eine glühende Anhängerschaft verfügt, wird er von Linken ziemlich gehaßt.

Er ist kein Mann der Mitte oder der unklaren Formulierungen. Die weniger deutlichen Äußerungen seiner Parteifreundin Angela Merkel und anderer Spitzenpolitiker der Union quittiert er gern mit einem Augenrollen. Nebulöse Äußerungen sind seine Sache nicht. Schon 1987 veröffentlichte er sein Bekenntnisbuch „Standpunkte eines Konservativen“.

<---newpage---> Stets sehr schlagfertig

Zwei Jahre später saß er mal bei RTL auf dem „Heißen Stuhl“, einer wirklich kontroversen Talkshow. Die politische Korrektheit war ja damals noch nicht so ausgereift wie heute. Über Eva-Herman-Thesen beispielsweise durfte noch öffentlich diskutiert werden.

Lummer sprach und verwendete das Wort „jeder“. Eine Feministin krakeelte sofort „und jede“, um sprachlich das einzufordern, was heute als Geschlechtergerechtigkeit bezeichnet wird. Lummer schaute die Dame nur gelangweilt an und sagte dann „jeder Mensch“. Die Feministin schwieg. Ihr war klar geworden, wie dämlich ihr Geschrei war.

Lummer war stets sehr schlagfertig. Für so jemanden ist es besonders schlimm, wenn er nicht mehr schnell antworten kann. Denn seit 2003 ist es still um Heinrich Lummer geworden. Leider im wortwörtlichen Sinne. Ein Schlaganfall hat ihn hart getroffen: Seitdem kann er nicht mehr sprechen, kommuniziert überwiegend mit Zettelchen oder per Fax.

Zu den wenigen, mit denen er – neben der JF-Redaktion – noch Kontakt pflegt, gehören Ivan Denes und Joachim Siegerist. Mit Denes, dem Chefredakteur der Konservativen Deutschen Zeitung, besuchte er vergangenes Jahr die Vertriebenenausstellung, bei der die „Gustloff“-Glocke ausgestellt wurde. 

Siegerist ließ einen Abdruck von dieser Glocke machen, als er erfuhr, daß die Polen sie zurückfordern, nachdem sie sie jahrelang in einem Fischrestaurant wie eine Trophäe ausgestellt hatten. Er ließ große Glocken gießen und mehrere Miniglocken an die Förderer seines Vereins verteilen. Lummers Besuch war sozusagen der Auftakt zu dieser politisch unkorrekten Aktion.

Wer Heinrich Lummer ein Fax schickt und ihn bittet, bei einer solchen Aktion mitzumachen, kriegt eine echte Lummer-Antwort zurück: „Ich bin für jede Schandtat zu haben.“ So ist er. Am nächsten Mittwoch kann Heinrich Lummer seinen 75. Geburtstag feiern.

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