MINNEAPOLIS. Nach tödlichen Schüssen am Rande eines Einsatzes der US-amerikanischen Abschiebebehörde ICE in Minneapolis haben sich landesweit zehntausende Menschen an Protesten gegen die Regierung in Washington beteiligt. Allein in der Hauptstadt des Bundesstaats Minnesota sollen sich nach dem Zwischenfall um die 50.000 Menschen zu einem von Streiks begleiteten Demonstrationsmarsch versammelt haben, wie die Nachrichtenagentur Reuters am Samstag meldete.
Here’s a time-lapse from yesterday as thousands of people marched through downtown Minneapolis to protest ICE.
📷️: Sydney Lewis/The Minnesota Star Tribune pic.twitter.com/fZiGCk7oIV
— The Minnesota Star Tribune (@StarTribune) January 24, 2026
An die tausend weiteren Kundgebungen seien laut Sendernetzwerk NPR für das Wochenende im Rest des Landes unter dem Motto „ICE Out For Good Weekend of Action“ geplant, so etwa in New York, Boston, San Francisco und Los Angeles.
Heimatschutzministerium spricht von Selbstschutz
Ersten Erkenntnissen zufolge wurde der 37jährige Krankenpfleger Alex Jeffrey Pretti bei einem ICE-Einsatz im Süden von Minneapolis bei einem Handgemenge erschossen. Im Internet kursierende Aufnahmen zeigen mehrere Beamte, die einen Mann am Boden halten, bevor an die zehn Schüsse fallen.
Agents with U.S. Immigration and Customs Enforcement (ICE) shot and killed an unarmed 37-year-old man today in Minneapolis, Minnesota, following a struggle as several agents attempted to confront and arrest the at-the-time armed-unidentified man who had been filming them. During… pic.twitter.com/fuvpH58AkW
— OSINTdefender (@sentdefender) January 24, 2026
Das Heimatschutzministerium, dem die Abschiebebehörde unterstellt ist, veröffentlichte noch am Samstag eine Stellungnahme, in welcher es darauf hinwies, der Getötete sei „auf die Grenzschutzbeamten mit einer halbautomatischen 9 Millimeter Pistole bewaffnet“ zugegangen. Die Kollegen hätten versucht, dem Mann die Waffe zu entwenden, dieser habe sich jedoch gewehrt, woraufhin die Beamten „um ihr Leben und die Sicherheit der Beamten fürchtend“ die Schüsse abgegeben hätten.
At 9:05 AM CT, as DHS law enforcement officers were conducting a targeted operation in Minneapolis against an illegal alien wanted for violent assault, an individual approached US Border Patrol officers with a 9 mm semi-automatic handgun, seen here.
The officers attempted to… pic.twitter.com/5Y50mYONGH
— Homeland Security (@DHSgov) January 24, 2026
Gouverneur Walz sieht seinen Bundesstaat „besetzt“
Der Gouverneur von Minnesota Tim Walz (Demokraten) beklagte auf einer Pressekonferenz nach dem Todesfall die „Besetzung“ seines Staates durch Bundesbeamte, die „schon lange nichts mehr mit Migrationspolitik“ zu tun, sondern sich in eine „brutale Kampagne gegen die Einwohner von Minnesota“ verwandelt habe. In einer ersten Reaktion ließ der Politiker die Nationalgarde des Bundesstaates in Bereitschaft versetzen – die Truppe hilft normalerweise bei der Bekämpfung von Naturkatastrophen oder ist bei der Eindämmung gewaltsamer Proteste im Einsatz.
Minnesota’s justice system will have the last word. pic.twitter.com/JCtKIWnjRP
— Governor Tim Walz (@GovTimWalz) January 24, 2026
Schon seit Wochen ist Minneapolis Schauplatz von Auseinandersetzungen zwischen US-Bürgern auf der einen Seite und ICE-Beamten auf der anderen, deren Vorgehen bei Abschiebungen auf immer mehr Widerstand stößt. Anfang Januar erst wurde die Schriftstellerin Renee Good bei einem Einsatz der Behörde in der Nähe des Stadtzentrums erschossen, was eine Protestwelle auslöste. Immer öfter werden ICE-Beamte bei ihrem Vorgehen von US-Bürgern behindert, die ihnen den Weg versperren, sie zur Rede stellen oder sie filmen.
US-Vizepräsident J.D. Vance machte „linksradikale Agitatoren“ für die Zustände in der Stadt verantwortlich. „Dieser Grad an selbstgemachtem Chaos ist charakteristisch für Minneapolis“, schrieb Vance am Sonntag auf X.
This level of engineered chaos is unique to Minneapolis. It is the direct consequence of far left agitators, working with local authorities.
— JD Vance (@JDVance) January 25, 2026
Diskussion um Ausbildung von ICE-Beamten flammt auf
Die Schüsse lassen unterdessen erneut eine Diskussion über die Ausbildung der ICE-Beamten hochkochen. David Bier vom libertären Cato Institute aus Washington D.C. etwa warnte unlängst im US-Fernsehsender NBC: „Die aggressive Anwerbepolitik der Behörde bedeutet, daß bald eine Menge Leute im Einsatz sein werden, die eigentlich eine beträchtliche Ausbildung bräuchten, auch weil sie womöglich in der Vergangenheit niemals bei einer Behörde wie dieser gearbeitet haben.“ Ihre Unerfahrenheit führe dazu, daß sich Anwärter leichter in Situationen verstrickten, in die erfahrenere Kollegen niemals geraten würden.
Tatsächlich hat sich die Anzahl der ICE-Beamten seit dem Amtsantritt von Präsident Trump mehr als verdoppelt – von rund 10.000 Beamten Anfang 2025 auf 22.000 Anfang 2026. „Das ist eine Steigerung von 120 Prozent für unsere Tatkraft“, lobte eine Sprecherin des Heimatschutzministeriums die „unvergleichliche Rekrutierungskampagne“ von ICE in den vergangenen Monaten in einer Stellungnahme vom Januar.
Um die Zahl der Rekruten in die Höhe zu treiben hat das Heimatschutzministerium NBC zufolge die Altersgrenzen für eine Bewerbung abgeschafft und Bonuszahlungen von bis zu 50.000 Dollar ausgeschrieben sowie die Tilgung von Studienschulden in Aussicht gestellt – auch wenn ein Abschluß laut ICE keine Bedingung für die Bewerbung darstellt. Mehr als 220.000 Bewerber sollen so angelockt worden sein. Die Ausbildung normaler Vollzugsbeamter dauert im Schnitt zwischen vier und acht Monaten und umfaßt neben Kursen zum Einwanderungsrecht auch Spanischunterricht und Schießtrainings. (fw)





