Reportage

Wie französische Zigeuner eine Kleinstadt verunsichern

Plötzlich ist es da, das „fahrende Volk“! So nennt man in Frankreich politisch korrekt die Zigeuner, die sich selbst jedoch als „Gitans“ oder „Manouches“ (zu Deutsch: Zigeuner) bezeichnen. Auf den in Deutschland üblichen politisch korrekten Begriff „Sinti und Roma“ reagieren sie dagegen sehr empfindlich, da sie vollwertige französische Staatsbürger und keine Zigeuner vom Balkan sind, die in Bretterslums an den Autobahnen vor den Toren der großen Städte hausen.

In aller Frühe Sonntag morgens öffnet eine Vorhut mit Gewalt den Schlagbaum zu einem privaten Feld, das in der rund 26.000 Einwohner zählenden Stadt Rambouillet, rund 50 Kilometer südwestlich von Paris zwischen einem Neubaugebiet und einem Einkaufszentrum liegt. Mehr als 100 Campingwagen rollen nacheinander auf das Grundstück. Während die Erwachsenen sich häuslich einrichten, die Elektrogeräte in den Wohnwagen illegal ans städtische Stromnetz anschließen, und ein großes Gemeinschaftszelt in der Mitte des Feldes errichten, spielen die Kinder in Gummistiefeln in der schwarzen Matsche der Erde. Kinder machen rund 45 Prozent des Zigeunervolkes aus, dessen Gesamtzahl in Frankreich nach Schätzungen bei 600.000 bis 800.000 Personen liegt.

Die Stadtverwaltung und die Polizei von Rambouillet werden über die Präsenz der Zigeuner informiert, doch sie können nichts machen, denn das Feld, auf dem die Wohnwagen stehen, ist Privateigentum und an die Landwirtin Corinne Epstein vermietet. Nach der Gesetzeslage müßte der Eigentümer oder der Pächter des Feldes einen Gerichtsvollstrecker engagieren, um feststellen zu lassen, daß das Feld tatsächlich illegal besetzt ist. Weil die Zigeuner oft mit Gewalt den Zutritt zu ihren Lagern verweigern, lassen sich die Gerichtsvollzieher inzwischen immer von bewaffneten Polizisten begleiten.

Im günstigsten Fall vergingen 14 Tage bis zur Räumung

Danach müßte der Grundstücksbesitzer den Präsidenten des Tribunal de Grande Instance (entspricht in Deutschland dem Oberlandesgericht) anrufen, damit dieser innerhalb von acht Tagen einen Räumungsbefehl erläßt. Der Präfekt, also der Vertreter des Innenministers im Département, müßte den Räumungseinsatz der Sicherheitskräfte koordinieren. Dies würde wiederum mindestens eine Woche dauern, so daß im günstigsten Fall mindestens 14 Tage von der Feststellung der illegalen Besetzung bis zur tatsächlichen Räumung vergehen. Die Kosten für das Verfahren wären vom Grundstückseigentümer oder dem Pächter zu tragen.

Einkaufszentrum in Rambouillet: Filialleiter wollen nichts sagen Foto: Eva-Maria Michels

Landwirtin Corinne Epstein hat nicht den offiziellen Weg zur Räumung eingeschlagen. Stattdessen hofft sie auf die informellen Verhandlungen, die der Chef des städtischen Sicherheitsressorts, Alain Cintrat, mit den Zigeunern führt. Diese sichern schließlich zu, am folgenden Sonntag das Feld zu räumen. Cintrat bleibt allerdings skeptisch : „Man weiß nie, ob sie sich wirklich daran halten. Die Verhandlungen mit ihnen sind sehr schwierig. Erst am Sonntag werden wir wirklich wissen, woran wir sind.“ Er erklärt zudem, daß die Situation im Süden des Département Yvelines besonders schwierig sei.

Wir haben, wie alle Kommunen mit über 5000 Einwohnern, die gesetzliche Verpflichtung einen Stellplatz für das fahrende Volk bereitzustellen, doch keine Kommune im Süden der Yvelines will diesen Stellplatz auf ihrem Territorium haben. Bislang stellte häufig die Armee ein verlassenes Gelände zwischen Rambouillet und Poigny-La-Fôret bereit, doch inzwischen tut sie das nicht mehr. Wir sind also in der doppelt schwierigen Lage, daß wir nicht nur eine illegale Besetzung haben, sondern dass wir auch über kein Grundstück verfügen, daß wir dem fahrenden Volk anbieten könnten. – Alain Cintrat

Doch lassen sich die Zigeuner in der Realität wirklich darauf ein, daß ihnen Stellplätze zugewiesen werden? Auch dies ist laut Cintrat sehr unterschiedlich. „Manchmal weigern sie sich, dort ihr Lager aufzuschlagen, weil ihnen die Lage oder die Ausstattung nicht gefällt. Dann besetzen sie einfach irgendein öffentliches oder privates Grundstück. Andere akzeptieren die Stellplätze. Es ist eine Gemeinschaft, die ihre eigenen Regeln hat und mit der wir sehr schwer eine Vertrauensbasis aufbauen können.“

Cintrat weist auch darauf hin, daß die meisten Leute aus der Gemeinschaft des fahrenden Volkes, die in Rambouillet Halt machen, aus der Ile de France, also aus der Region stammen. Von November bis März seien sie seßhaft, aber von April bis Oktober zögen sie nach ihrer Tradition in der Gegend umher und träfen sich mit anderen Gruppen ihres Clans. Ein solches Sommerlager bestehe durchschnittlich aus 80 bis 200 Campingwagen. Demnach handelt es sich beim Lager von Rambouillet um eines mittlerer Größe.

„In meiner Jugend gab es das nicht“

„In meiner Jugend gab es das nicht“, erklärt dazu Corinne Epstein. „Zigeuner standen mit drei oder fünf Wohnwagen an einem Ort, aber niemals mit 200! Dieses Phänomen ist erst seit Mitte der 1980er Jahre zu beobachten. Die Zigeuner leben auf unsere Kosten. Es scheint, daß sie nicht nur Sozialhilfe vom Staat bekommen, sondern angeblich bezahlt der Staat ihnen auch die Autos und Wohnwagen. Da liegt das Problem. Da müßte man ansetzen anstelle ihnen immer neue Plätze zur Verfügung zu stellen.“

Doch mehr will sie nicht zu der Problematik sagen. Sie hofft nun darauf, mit Hilfe des Rathauses vom Staat eine finanzielle Entschädigung zu bekommen. Entschädigungen von den Zigeunern zu verlangen, sei vergebliche Liebesmüh. „Außerdem, alles, was man ihnen heute nimmt, holen sie sich morgen wieder. Sie kundschaften alles aus“, fügt Epsteins Ehemann hinzu.

Bénédicte wohnt mit ihrer Familie direkt gegenüber des Lagers. Ihren vollen Namen will sie nicht in der Zeitung lesen. Sie erklärt leicht beschämt: „Ich habe meinen Kindern gesagt, daß sie gut auf sich aufpassen sollen, wenn sie mit dem Fahrrad am Lager vorbeifahren. Es ist den Zigeunern gegenüber vielleicht zwar ungerecht, aber ich habe kein gutes Gefühl, wenn sie da sind.“ Und sie fährt fort: „Letzte Nacht wurde in mehrere Häuser im Viertel eingebrochen. Ich habe zwar keinen Beweis, daß es die Zigeuner waren, aber …“ Corinne Epsteins Ehemann weiß, daß in seiner Nachbarschaft Zigeuner beim Einbruch auf frischer Tat ertappt wurden. Außerdem gäben sich ihre Kinder als Schüler der Privatschule Ste Thérèse aus und sammelten in deren Namen Geld. Anne-Laure L., ebenfalls aus dem Viertel, bestätigt diese Erfahrung.

Unterschiedliche Reaktionen im angrenzenden Einkaufszentrum

Im angrenzenden Einkaufszentrum sind die Reaktionen auf das Zigeunerlager sehr unterschiedlich. Im Supermarkt Auchan erklärt die Verantwortliche nur, daß es keine Probleme gäbe. Im Bekleidungsmarkt La Halle und im Lebensmittelgeschäft Grand Frais verweigern die Filialleiter die Auskunft: „Es tut mir leid, wir sind in der Vorbereitungsphase des Sommerschlußverkaufs, ich habe keine Zeit, Fragen zu beantworten“, heißt es bei La Halle, während die Filialleitung von Grand Frais über Angestellte mitteilen läßt, daß es nichts zu berichten gäbe.

Die Angestellten in beiden Geschäften wagen nicht zu antworten. Ganz andere Töne schlägt die Filialleiterin vom Aldi an, der direkt neben Auchan liegt: „Wir haben viel mehr Diebstahl als gewöhnlich. Wir haben sogar einen Sicherheitsmann angestellt, um aufzupassen. Sie verbreiten überall Chaos mit ihren Kindern, die alles anfassen. Es ist eine schreckliche Woche!“ Während zwei Nächten hätten die Zigeuner sogar den Kundenparkplatz mit ihren Lieferwagen besetzt. Auf den Einwand, daß im benachbarten Auchan laut Filialleitung keine besonderen Probleme angefallen seien, versucht die Aldi-Leiterin ihre Erfahrungen zu relativieren.

Zigeunerlager in Rambouillet: Spuren hinterlassen Foto: Eva-Maria Michels

Im Krimskramsladen Gifi deutet eine Verkäuferin mit Gesten an, daß viel gestohlen werde. Und auch sie stöhnt über die Unordnung, die die Zigeunerkinder im Geschäft verbreiteten. Davon kann auch die Filialleiterin des Schuhmarktes La Halle de Chaussure ein Lied singen: „Manche Kunden haben sich über den Lärm und die Unordnung beschwert.“ Doch sonst wisse sie von keinen Problemen zu berichten. Im Brillengeschäft Optical Center differenziert der Filialleiter: „Es sind nicht so sehr die Erwachsenen, die Probleme verursachen. Sie kommen hier nicht herein, denn sie wissen, daß sie unerwünscht sind. Einige haben uns sogar gesagt, daß wir ihre Kinder sehr streng anfassen sollten, falls sie hereinkommen.“

Die Zigeuner wüßten, daß die Polizei strenger gegen sie vorgehen könne, wenn ihre Kinder zu viel Ärger machten. Deshalb versuchten sie, das zu vermeiden. „Insgesamt haben wir keinen großen Schaden. Aber wir sind kein Supermarkt. Bei uns steht sofort für jeden Kunden ein Verkäufer bereit. Und wenn drei oder vier zwölfjährige Zigeuner hereinkommen, werden sie von drei oder vier Verkäufern begleitet. Am gefährlichsten ist meistens die Nacht vor ihrem Aufbruch. Da gehen sie häufig auf ‘Tour’.“

Es ist der darauffolgende Sonntag, eine Woche nach dem Einzug des Wohnwagentrosses. Tatsächlich räumt das fahrende Volk wie versprochen das Feld, ohne daß es noch zu größeren Zwischenfällen kommt. Bis Oktober wird es noch einige Städte und Dörfer besuchen.

Zigeunerlager in Rambouillet: Mehr als 100 Campingwagen rollen auf das Feld Foto: Eva-Maria Michels

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