Zivilisten fliehen aus Aleppo
Zivilisten fliehen aus Aleppo Foto: picture alliance / AA

Syrien-Krieg
 

Wären die Opfer Christen …

Würden im Syrien-Krieg hauptsächlich Christen sterben, hätte der Westen schon längst eingegriffen. Da die meisten Opfer Moslems seien, würden Amerika und Europa aber untätig verharren und Assad und Putin nicht in die Schranken verweisen. Das jedenfalls behauptet Christoph Sydow in einem steilen Kommentar auf Spiegel Online. Schuld ist, wie so oft in den Medien – der weiße, heterosexuelle (christliche) Mann, der den Rassismus gegen Moslems (ist der Islam eigentlich eine Rasse?) unwidersprochen hinnimmt.

Das klingt nach der üblichen Leier der Islamversteher und tatsächlich: Sydow hat (wie sein Chefredakteur Florian Harms) Islamwissenschaften studiert. Er sei daran erinnert, daß auch Merkel Teil des Westens ist und rund eine Million Syrer – die meisten davon Moslems – aufgenommen hat. Dies hätte sie laut Sydow aber eigentlich nicht tun dürfen, schließlich will der Westen vom islamischen Leid ja nichts wissen. Letztlich setzte sich Merkel mit ihrem Kurs in der EU durch.

Aufnahme-Forderungen kamen, aber nicht aus dem Westen

Stimmen, die eine bevorzugte Aufnahme von christlichen Flüchtlingen forderten, gab es, aber sie kamen nicht aus dem Westen, sondern aus dem Osten, nämlich aus Polen, der Slowakei und Ungarn. Daß viele Bürger den Islam fürchten, berührt Merkel nicht. Ihr Rezept: Zur Blockflöte greifen und christliche Weihnachtslieder singen. Überhaupt: Wie christlich ist denn der Westen, der angeblich dem Leid der Nicht-Christen teilnahmslos gegenüber steht, eigentlich noch?

Vor einigen Jahren sorgte der Kölner Erzbischof Joachim Meisner für Aufsehen, als er die CDU dazu aufforderte, das C im Namen zu streichen, weil die Partei angeblich christliche Werte verraten hätte. Westeuropa ist weitgehend säkular und auch in den Vereinigten Staaten von Amerika wird der Einfluß des Christentums mit jedem Jahr schwächer. Ist die westliche Nahostpolitik allein nach christlichen Maßstäben ausgerichtet?

Christen im Irak und in Syrien ging es gut

Wenn ja, warum ist dann Saudi-Arabien der wichtigste wirtschaftliche und militärische Partner des Westens? Immerhin ist der Golfstaat eine Theokratie, der Islam Staatsreligion. Die christliche Minderheit in Saudi-Arabien genießt keine Religionsfreiheit. Vor wenigen Jahren erst rief der saudische Großmufti zur Zerstörung aller Kirchen auf der arabischen Halbinsel auf. Saudi-Arabien finanziert bekanntermaßen islamische Terrorgruppen, die tausende Menschen töten. Einige dieser Milizen ermorden auch in Syrien Christen.

Im Irak und in Syrien regierte die Baath-Partei, die nationalistisch und säkular ausgerichtet ist. In beiden Ländern ging es Christen im Vergleich zur übrigen arabischen Welt sehr gut, selbst Ministerämter durften sie bekleiden. Dennoch galten Syrien und der Irak als Feinde des Westens, weil sie sich an die Sowjetunion beziehungsweise Rußland anlehnten. Daß im syrischen Bürgerkrieg sehr wohl Christen sterben, erwähnt Sydow nur verklausuliert, nicht explizit.

Westen intervenierte auch bei moslemischen Opfern

Sein Satz, daß die Mehrzahl der Opfer keine Christen sind, ist korrekt – die Schlußfolgerung, daß Christen sehr wohl, wenn auch nur als Minderheit, unter den Opfern vertreten sind, muß der kritische Leser schon selbst anstellen. Christen sterben entweder, weil sie von Dschihadisten gezielt verfolgt werden, oder weil sie wie die übrigen Bürger Aleppos auch vom Flächenbombardement betroffen sind. Schätzungsweise zehn Prozent der Syrer sind christlich.

2011 griff der Westen allerdings ein, als der libysche Diktator Muammar al-Gaddafi seine eigene (fast ausschließlich) moselmische Bevölkerung tötete. Und schon in den 90er Jahren intervenierte der Westen, als serbische Truppen Bosniaken und Albaner töteten. Daß Serbien selbst ein christliches Land ist, war nicht ausschlaggebend – daß es ein Verbündeter Rußlands war, hingegen schon.

Was ist mit Afrika?

Was ist eigentlich mit Afrika? In Ruanda starben 1994 knapp eine Million Christen durch die Hand anderer Christen. Im Kongo ebenso. Seit kurzem bekriegen sich Christen untereinander im Südsudan, genauso wie sich wenige Jahre zuvor noch Moslems untereinander im Westsudan bekriegt hatten. In keinem dieser Fälle – Religion hin oder her – wollte der Westen intervenieren.
Die USA hatten in den 70er und 80er Jahren auch kein Problem damit, Militärdiktatoren und Guerilleros in Lateinamerika zu unterstützen – obwohl deren Opfer meist Christen waren.

Die Wahrheit ist wie immer recht simpel und kein Ergebnis einer finsteren christlichen Verschwörung. Der Westen weiß, daß seine Interventionen in Afghanistan, Irak und Libyen krachend gescheitert sind. Noch eine Niederlage will er nicht kassieren.

Zivilisten fliehen aus Aleppo Foto: picture alliance / AA
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