Xi Jinping
CHinas Präsident Xi Jinping wird in Ufa in Rußland mit Brot und Salz empfangen Foto: picture alliance/dpa

Rußland und China
 

Furcht vor der gelben Gefahr

Das gab Aufregung: Mitte Juni wurde bekannt, daß die im Südosten Sibiriens an der chinesischen Grenze gelegene Region Transbaikalien plant, Investoren aus China 115.000 Hektar landwirtschaftlichen Bodens zu überlassen. 320 Millionen US-Dollar soll das Gemeinschaftsprojekt den Chinesen wert sein – und tausend Menschen Arbeit bieten.

In Moskau witterten die populistischen Liberaldemokraten sofort die gelbe Gefahr. Ihr Vize Igor Lebedew behauptete, die Verträge sähen ausschließlich chinesische Arbeitskräfte vor. Zudem würde Rußland verpflichtet, Visabestimmungen und Grenzkontrollen zu lockern. Parteigenossen erinnerten sich an die giftigen Düngermittel, mit denen China seine eigenen Böden verdorben habe. Jetzt drohe dasselbe Schicksal auch der heiligen russischen Erde.

Dem staatlichen Migrationsdienst fehlt der Überblick

Zwei Tage später berichtete der Gouverneur des noch weiter östlich gelegenen Jüdischen Autonomen Gebiets (176.000 Einwohner, Juden weniger als ein Prozent), in seinem Gebiet seien bereits 80 Prozent der Ackerfläche unter chinesischen Pflügen, 85 Prozent davon mit Soja bepflanzt.

Der Chef des staatlichen Migrationsdienstes hingegen meint, von einer „chinesischen Expansion“ könne keine Rede sein. Migranten aus dem Reich der Mitte gebe es in Rußland allenfalls 10.000 bis 20.000 mehr als Deutsche. Der nicht sonderlich klare Vergleich läßt offen, ob er die aus der Bundesrepublik stammenden Deutschen oder die Summe aller Nachkommen der Rußlanddeutschen meint. Offensichtlich fehlt auch dem Migrationsdienst der Überblick.

Ein Asien von Shanghai bis St. Petersburg

Der russische Schwenk nach Asien rückt Sibirien jedenfalls dem Zentrum näher. Dmitri Trenin, Chef des Moskauer Carnegie-Zentrums, sagt zu Recht, daß an die Stelle des vielzitierten „Europas von Lissabon bis Wladiwostok“ der Begriff eines „Asiens von Shanghai bis St. Petersburg“ trete. Da bleibt auch die stille Landnahme der Chinesen, bislang kaum mehr als ein flüchtiges Gerücht, nicht länger unbemerkt.

Die Angst vor einer Flut chinesischer Einwanderer ist alles andere als neu. Sibirien erstreckt sich über 13,1 Millionen Quadratkilometer; dort leben 40 Millionen Menschen. China ist um ein Viertel kleiner und beherbergt 33mal so viele: fast 1,4 Milliarden. Nun ist in Sibirien nur der kleinere Teil südlich des 65. Breitengrads wirklich bewohnbar, vor allem auch landwirtschaftlich nutzbar.

Reihe behaupteter Mythen

Zudem grenzen China und Rußland (von einem ganz kurzen Grenzstück im Altai abgesehen) nur im Fernen Osten aneinander. Dort, im Norden der 1860 gegründeten Stadt Wladiwostok („Beherrsche den Osten“), lebt auf russischer Seite eine Bevölkerung von 4,5 Millionen. In den direkt angrenzenden chinesischen Provinzen sind es über 110 Millionen.

Trotz alledem kann von einem „Überrennen“ oder einer „Invasion“ der sibirischen Weiten durch landlose Chinesen keine Rede sein. Geht es um russische Demographie, so blüht ohnehin eine Reihe zäh sich behauptender Mythen. Die wenigsten halten einer Überptüfung der Realität stand. Dazu gehört die Entvölkerung des Landes, die stetig sinkende Lebenserwartung, der wachsende Alkoholkonsum und einiges mehr.

Bevölkerungsstatistik spricht gegen Befürchtungen 

In der Tat kippten Lebenserwartung und Geburtenrate bereits 1986, als der Sozialismus schon in den letzten Zügen lag und das Rettungsprogramm Perestroika anlief. War zuvor ein Bevölkerungswachstum von rund fünf Prozent normal gewesen, so sank die Reproduktionsrate bis Ende der Sowjetunion auf null und dann weiter auf minus sieben Prozent um die Jahrtausendwende herum.

Seitdem geht es allerdings aufwärts. 2012 lag das russische Bevölkerungswachstum (ohne Migrationseinfluß) erstmals wieder im positiven Bereich. 2014 hatte die Geburtenrate bereits die Länder Süd-, Ost- und Mitteleuropas überholt. Nur Skandinavien weist immer noch eine höhere Fortpflanzungsaktivität auf.

Russische Männer sterben noch immer jung

Auch der Konsum von Alkohol und Zigaretten verringert sich langsam, doch beständig. Der Pro-Kopf-Verbrauch an reinem Alkohol liegt in Rußland nur noch unwesentlich über dem in Deutschland und im europäischen Vergleich an vierter Stelle. Der sinkende Wodkakonsum (im Verhältnis zu Bier und Wein) wirkt sich auch segensreich auf die Lebenserwartung aus. Eine Studie an über 150.000 Männern in Sibirien ergab, daß das Risiko, vor dem Alter von 55 Jahren zu sterben, beim Konsum von drei oder mehr Halbliterflaschen Wodka in der Woche auf 35 Prozent steigt.

Immer noch fällt jedoch die Lebenserwartung russischer Männer mit derzeit 66 Jahren (1995 noch 58 Jahre) aus dem europäischen Rahmen. Frauen leben im Schnitt zehn Jahre länger. Die Statistik ist um so erstaunlicher, als sich der Alkoholkonsum insgesamt vom europäischen nicht signifikant unterscheidet. Auch für Finnen oder Polen gehört der Konsum von viel Wodka zum traditionellen Lebensstil. Wissenschaftler vermuten als Grund der hohen Sterblichkeit, daß es in Rußland, vor allem in der Provinz, eine große Zahl wirklich harter Trinker gibt.

Rußland ist Einwanderungsland geworden

Außerdem addieren sich andere Risiken hinzu. Die Wahrscheinlichkeit, im russischen Straßenverkehr zu sterben, ist neunmal höher als in Westeuropa. Auch davon sind vor allem jüngere Männer betroffen. Die hohe Zahl von Todesfällen in der Armee, wohlgemerkt zu Friedenszeiten, drückt ebenfalls auf die Statistik. Die Selbstmordrate lag um 1999 mit jährlich rund 40 Suiziden pro 100.000 Einwohner an der Weltspitze; inzwischen hat sie sich auf zwanzig halbiert, was immer noch gut doppelt so viele Suizide wie in Deutschland bedeutet.

Dennoch wächst die russische Bevölkerung in den vergangenen Jahren nachhaltig. Ausschlaggebend ist dabei die hohe Attraktivität für Migranten aus dem benachbarten Ausland, also den ehemaligen Sowjetrepubliken. Seit Jahren lockt Rußland nach den Vereinigten Staaten die höchste Zahl an Einwanderern weltweit an.

Allerdings steigt seit der Wiederwahl Wladimir Putins zum Präsidenten im Frühjahr 2012 auch wieder die Emigration ins Ausland, die seit Anfang der neunziger Jahre kontinuierlich rückläufig war. Betroffen sind in erster Linie Angehörige der Mittelschicht, Intelligente, Junge und Gebildete, die zumeist Richtung Westen abwandern, wo sie als Bildungs- und Wissensträger hochwillkommen sind.

JF 31-32/15

CHinas Präsident Xi Jinping wird in Ufa in Rußland mit Brot und Salz empfangen Foto: picture alliance/dpa
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