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Trauer

Ägypten
 

Westliche Ignoranz

Trauer
Ein koptischer Christ betrauert den Tod ermordeter Glaubensbrüder (April 2013): Von Europa wird keine Hilfe erwartet Foto: picture alliance/dpa

In Kairo ist die Enttäuschung groß. „Wir als Ägypter fühlen eine tiefe Bitterkeit über die Berichterstattung“, klagt der neue starke Mann am Nil, General Abdel Fatah al-Sisi. Seit Beginn der Ausschreitungen vergangene Woche zeichnen westliche Medien das Bild einer sich auf Vendetta-Kurs befindlichen ägyptischen Armee. Die gewaltsame Räumung der beiden Kairoer Protestcamps der Muslimbrüder firmiert dabei unter der Bezeichnung „Massaker“.

Nur zu gerne verschweigen die Journalisten dabei die Gewalt, die den Sicherheitskräften entgegenschlägt. Daß die Islamisten dabei nicht nur, wie von westlichen Medien behauptet, mit Pflastersteinen bewaffnet sind, zeigt die Zahl der toten Sicherheitsleute, die bereits über 70 Opfer zu beklagen haben. Allein 25 Soldaten starben, als Islamisten einen Konvoi auf dem Sinai überfielen.

Über Wochen schikanierten die Muslimbrüder in der Umgebung der beiden Kairoer Protestlager Rabaa und Nahda die Anwohner, ließen diese teilweise erst nach Ausweiskontrollen zu ihren Wohnungen. Frauen wurden genötigt, sich bei Durchquerung des illegal errichteten Camps zu verschleiern. Die ägyptische Regierung hat diesem gesetzlosen Treiben über Wochen zugeschaut. Daß jetzt die Bundesregierung im Verbund mit weiteren EU-Staaten über eine Neubewertung ihrer Beziehungen zu Ägypten nachdenkt, ist der Offenbarungseid einer Außenpolitik, der jeder Realitätssinn abhanden gekommen ist und die sich nur noch von moralischen Erwägungen leiten läßt.

Pogrome gegen Christen als Rache

Doch wie moralisch sind diese wirklich? Über 80 christliche Kirchen und Gemeinderäume wurden in den letzten Tagen von Islamisten geschändet und in Brand gesteckt. Zuvor waren sie von diesen mit einem schwarzen X als christliche Gebäude gekennzeichnet worden –  spontaner Volkszorn sieht anders aus. Bereits zuvor hatten einzelne Muslimbrüder angekündigt, als Reaktion auf eine mögliche Räumung der Kairoer Lager Vergeltungsaktionen gegen Christen durchzuführen.

Aus den europäischen Hauptstädten hört man hierzu nur eisiges Schweigen. Geradezu beschämend ist die Aufforderung der ägyptischen Führung an den Westen, die Gewalt gegen Christen am Nil nicht länger zu ignorieren. Im postchristlichen Europa, in dem der kosmopolitische Einheitsmensch, entleert von Tradition und Religion als Leitbild gepredigt wird, überrascht eine solche Haltung nicht. Vergangen sind die Zeiten, als Europa für die von der Auslöschung bedrohten orientalischen Christen noch Kreuzzüge führte oder, noch bis vor wenigen Jahrzehnten, Frankreich als Schutzmacht der Christen in der Levante agierte. Mit der Bloggerin Yasmine Ahamid ereifern sich selbst religiöse Muslime über diese zur Schau gestellte Ignoranz gegenüber den eigenen Glaubensbrüdern.

Europa unterstützt lieber Moslemterroristen

Daß Koptenführer sich jetzt gegen ausländische Eingriffe ausgesprochen haben, ist nur folgerichtig. Diese würden ohnehin nur zugunsten der Muslimbrüder erfolgen. Da verläßt man sich doch eher auf den Schutz muslimischer Landsleute, die wie in Sohag mit einer Menschenkette eine Kirche vor den marodierenden Islamisten zu schützen versuchten. Nachdem der Westen in Syrien die Feinde der Christen alimentiert und damit einem Exodus der Nachfolger Jesu nach Europa Vorschub geleistet hat, scheint die Bundesregierung auch jetzt lieber neue Asylantenheime bauen zu wollen, als die ägyptische Übergangsregierung in ihrem Kampf gegen Moslemterroristen zu unterstützen.

Weiterhin stehen die Zeichen nicht auf Entspannung: Die Festnahme des geistlichen Oberhaupts der Muslimbrüder, Mohammed Badie, die Verlängerung der Haft von Ex-Präsident Mursi sowie die von Übergangspremier Beblawi angestoßene Debatte um ein Verbot der Bruderschaft tragen eher zur weiteren Radikalisierung bei. Die Muslimbrüder haben ihre Strategie derweil dem westlichen Betroffenheitsreflex angepaßt. Nicht mehr die Forderung nach Wiedereinsetzung von Präsident Mursi steht im Vordergrund der Proteste, sondern die Wiederherstellung der demokratischen Ordnung.

Saudi-Arabien unterstützt die ägyptische Regierung

Dabei gelang es den Islamisten bereits, einen alten Mann auf seiner Mission zur Wiederherstellung amerikanischer Hegemonie in der Region um den Finger zu wickeln. Der frühere Präsidentschaftskandidat John McCain, der das Land jüngst bereiste, sprach entgegen der Linie des Weißen Hauses von einem „Putsch“ und nannte die weitere Gewährung amerikanischer Wirtschaftshilfe eine „Verletzung von allem, wofür wir stehen“. Da er sich hier mit dem Vertreter des libertären Flügels der Republikaner, Rand Paul, auf einer Linie weiß, könnte eine weitere Abstimmung im Senat tatsächlich eine Kürzung der 1,5 Milliarden US-Dollar zur Folge haben, die Ägypten seit dem Camp-David-Friedensvertrag jährlich erhält. Saudi-Arabien hat bereits angekündigt, ausbleibende Zahlungen aus dem Westen durch eigene Petrodollar zu kompensieren. Auch die Saudis sind keine glühenden Anhänger des ägyptischen Militärs oder gar der Demokratiebewegung Tamarod.

In einer Region, in der radikale Islamisten, gefördert vom türkischen Premierminister Erdogan, sich anschicken, das traditionelle Machtgefüge zu sprengen, ist die Ankündigung schlicht eine realpolitische Notwendigkeit, um das strategische Gleichgewicht in der Region zu festigen. Von einer solch pragmatischen Außenpolitik könnte sich auch der Westen eine Scheibe abschneiden.

JF 35/13

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