Schwarze Orangen

In der süditalienischen Region Kalabrien ist vorige Woche ein unübersichtliches Bürgerkriegsszenario entstanden. Sicher ist: Die auch von bundesdeutschen Medien verbreitete Version, bei den Ausschreitungen zwischen Einheimischen und Einwanderern handele es sich um einen Ausdruck des puren Rassismus, greift ebenso zu kurz wie die Darstellung einiger italienischer Politiker, die vor allem aus Afrika stammenden Immigranten seien wie marodierende Horden durch die Lande gezogen.

Anfang dieser Woche kam noch ein weiterer Verdacht hinzu. Handelt es sich gar um einen Streit zwischen verfeindeten Mafia-Clans? Dafür spricht, daß am Montag in der kalabresischen Kleinstadt Rosarno Angehörige der einflußreichen lokalen Mafia-Organisation ’Ndrangheta verhaftet wurden. Im Umfeld der Festgenommenen befand sich offenbar auch Francesco Bellocco, der 21jährige Sohn des im Vorjahr verhafteten Mafia-Bosses Carmelo Bellocco, der den Ermittlern zunächst entwischen konnte.

Die zweifelhafte Prominenz der Verhafteten spricht dafür, daß es neben der Frage, inwieweit die gescheiterte Einwanderungspolitik eine Ursache für die Krawalle war, auch zu klären gilt, wer die Nutznießer des modernen Sklavenhandels sind. Auslöser für die Eskalation war eine Demonstration von Afrikanern, die überwiegend illegal als Saisonarbeiter bei der Orangen-Ernte eingesetzt werden. Sie protestierten gegen gewaltsame Übergriffe, nachdem Unbekannte mit einem Luftgewehr auf Erntehelfer geschossen hatten. Die Zuwanderer ließen ihrem angestauten Frust freien Lauf, steckten Autos in Brand, zertrümmerten Schaufenster und lieferten sich gewaltsame Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Darauf reagierten aufgebrachte Einheimische, indem sie die randalierenden Einwanderer mit Schrotflinten und Eisenstangen attackierten. Sie fuhren mehrere Afrikaner vorsätzlich mit ihren Autos an, errichteten Straßensperren und stürmten sogar das Rathaus. Die italienische Regierung zog schließlich die Reißleine und evakuierte rund tausend Afrikaner aus dem Gebiet.

Illegale Ernte-Arbeiten für einen Hungerlohn

Innenminister Roberto Maroni von der rechts-föderalistischen Lega Nord machte die jahrelange Laxheit der italienischen Politik für die Eskalation in Kalabrien verantwortlich: „Die illegale Einwanderung ist toleriert worden, und nun ernten wir die Quittung. Es ist keine Frage von Fremdenfeindlichkeit, wenn wir die Anliegen der Einheimischen vertreten.“ Doch selbst seriöse Zeitungen wie der liberale Il Messaggero stellten die Frage, „ob denn alle Politiker blind waren, wenn man auf die Zustände in Kalabrien geschaut hat“.

In der Tat muß sich auch die Regierung von Silvio Berlusconi fragen lassen, warum ausgerechnet das Städtchen Rosarno bei ihrem Kampf gegen die illegale Einwanderung ausgespart blieb. Ansonsten gilt Italien doch mittlerweile als der EU-Staat mit den restriktivsten Maßnahmen gegen die Migration aus Afrika. Schlagzeilen machte in den vergangenen Jahren vor allem die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa (JF 7/09). Nachdem es dort jahrelang zu Protesten gegen illegale Einwanderer kam, die auf dem Seeweg nach Italien einreisen wollten, werden die Boote mittlerweile häufig schon auf offener See abgefangen.

Doch in Rosarno ist die Situation gänzlich anders. Die kalabresische Kommune ist bekannt für ihre Südfrüchte-Plantagen. Die Betreiber, die nicht selten im Ruf stehen, regionale Mafia-Größen zu sein, heuerten afrikanische Schwarzarbeiter an, um die Ernte-Arbeiten für einen Hungerlohn zu erledigen. Für 15 Stunden Arbeit gab es weniger als 25 Euro pro Tag, es wird sogar gemunkelt, daß ein Teil des Geldes in Form von einer Schutzgebühr wieder zurückgezahlt werden mußte.

Daß die Unterbringung in Massenunterkünften ohne Toiletten und fließendem Wasser erfolgte, verschärfte die Situation zusätzlich. Die Zurückhaltung der italienischen Politik ist auch damit zu erklären, daß der Südfrüchte-Handel ein wichtiger Wirtschaftszweig ist. Recht unverhohlen wiesen Kommentatoren darauf hin, daß es ohne diese Billigarbeiter unmöglich gewesen wäre, mit der ausländischen Konkurrenz mitzuhalten.

Gleichfalls verweisen Mafia-Experten darauf, daß sich in die Demonstrationen „auf beiden Seiten immer wieder Stör­elemente“ eingemischt hätten. Dafür spricht, daß einer der festgenommenen Einheimischen der ’Ndrangheta zuzurechnen ist – und die soll inzwischen „geschäftlich“ erfolgreicher sein als die sizilianische Cosa Nostra und die neapolitanische Camorra.

In Rosarno herrscht mittlerweile eine angespannte Ruhe, die Elendsunterkünfte sind abgerissen worden. Die Regierung Berlusconi hat angekündigt, das Thema illegale Einwanderung erneut auf die Tagesordnung zu setzen. Und die Frage, ob die illegalen afrikanischen Erntehelfer nicht einen Stellvertreter-Krieg zwischen zwei verfeindeten Mafia-Clans angezettelt haben, wird sie ebenfalls beantworten müssen.

Foto: Randalierende Afrikaner in Rosarno: Das Thema illegale Einwanderung muß erneut auf die Tagesordnung

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