Todesurteil für ein Museum

Westpreußen: Im Mittelalter vom Deutschen Orden erobert, von Friedrich II. für Preußen als Provinz gewonnen, haben Jahrhunderte deutscher Kultur diese Region geprägt. Die Zeugnisse dieser Epochen sammelt, ordnet, konserviert und präsentiert seit 1975 das Westpreußische Landesmuseum in Münster in Westfalen. Bis jetzt.

Denn der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) hat in der vergangenen Woche beschlossen, seinen Zuschuß drastisch zu reduzieren. Da der Bund seine Förderung an die Zuschußzusage des LWL bindet und seinen Anteil deshalb ebenfalls entsprechend kürzt, bedeutet dies für das Museum einen jährlichen Ausfall von 270.000 Euro. „Das Todesurteil“, kommentiert Christoph Nehring, Sprecher der Kulturstiftung Westpreußen. Nehrings Konsequenz: „Wir werden den meisten Mitarbeitern zum Jahresende kündigen und in drei Jahren aus Nord­rhein-Westfalen verschwunden sein.“ Die Trägerstiftung ist die mangelnde Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen leid.

Was Nehring verbittert, freut andere. Jahrelang haben linke Landespolitiker das Museum nach Kräften bekämpft. Besonders der Landtagsabgeordnete Rüdiger Sagel (Linkspartei) hat sich auf die Einrichtung eingeschossen. Der heute 54jährige saß für die Grünen im Stadtrat von Münster und im Landtag. 2007 trat er in die Linkspartei ein, die er seitdem im Düsseldorfer Landtag vertritt. 2005 forderte er: „Das Ausstellungskonzept muß insbesondere im Hinblick die NS-Herrschaft überarbeitet werden.“ Aufgrund der „SS-Vergangenheit“ ihres Namensgebers Erik von Witzleben erwarte er eine Änderung der Trägerstiftung. Das sei die „Bedingung“ für den Verbleib des Museums in Münster. Auf weiteren Druck durch den SPD-Abgeordneten Christoph Strässer wurde die Stiftung tatsächlich artig in „Kulturstiftung Westpreußen“ umbenannt.

Das reichte den Gegnern aber nicht. Sagel: „Dies kann jetzt aber nur ein erster Schritt für einen Neubeginn sein (…) Die Stiftung kann jetzt nicht auf halbem Weg stehenbleiben, und wenn der Direktor jetzt meint, alle Hausaufgaben gemacht zu haben, so gilt das nicht für die ständige Ausstellung im Museum.“ Die sei nämlich nach Sagels Auffassung „historisch fragwürdig“ und bedürfe einer „konzeptionellen Überarbeitung“. Diese müsse unbedingt „die Geschichte der deutschen Minderheit in Polen zur Zeit der NS-Herrschaft, den Überfall auf Polen, die Beteiligung an der Ermordung von Juden und Polen und die Morde im KZ Stutthof“ beinhalten. Am liebsten hätten die Kritiker das Museum in eine Gedenkstätte für die Zeit des Nationalsozialismus verwandelt. Die Bundesregierung trieb unterdessen ein regelrechtes Versteckspiel mit dem Museum. Noch 2003 gab sie zunächst grünes Licht für den dauerhaften Erhalt und stellte gar eine Erweiterung in Aussicht. Nach und nach wurden diese Zusagen revidiert. Während der Bundestagsausschuß für Kultur und Medien die Entscheidung in die Länge zog, betrieb die Bundesregierung unterdessen die Verlagerung nach Lüneburg. Dort sollte das Westpreußenmuseum mit dem Ostpreußenmuseum zusammengelegt werden.

Der Vorsitzende der Arbeitsgruppe „Vertriebene und Flüchtlinge“ der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Erwin Marschewski, parierte die Schikanen damals als „erneuten Beleg für die mangelnde Sensibilität von Rot-Grün für die Bewahrung des kulturellen Erbes“. Marschewski wies darauf hin, daß damit eine zentrale Institution der Bundesförderung nach Paragraph 96 Bundesvertriebenengesetz in Frage gestellt würde.

Ein Verlust ist das Museum nicht nur für Münster und NRW: Die Stiftung arbeitete eng mit polnischen Partnern zusammen und organisiert regelmäßige Austauschprojekte. Am 8. Mai entscheidet der Landschaftsausschuß endgültig. Doch eine weitere Zusage würde nur für drei Jahre gelten. Um das Museum dauerhaft zu erhalten, müßten die Betriebskosten auf 20 Jahre gesichert sein, sonst fließen keine Umbaumittel. Nehring denkt daher über den Gang vor Gericht nach, um zu prüfen, ob die Vertragskündigung durch den LWL rechtens ist.

Foto:  Der Drostenhof in Münster, Sitz des Westpreußischen Landesmuseums: Ein Spiel auf Zeit

Weitere Informationen zum Museum im Internet: www.westpreussisches-landesmuseum.de

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