Schlesischem Erbe droht der Ausverkauf

Die Zukunft der rund 70 vorhandenen schlesischen Heimatstuben im Bundesgebiet ist gefährdet. Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) hat der geplanten Einrichtung eines zentralen Museums für die Sammlungen eine Absage erteilt. Mit dem Schlesischen Museum zu Görlitz, dem Oberschlesischen Landesmuseum in Ratingen-Hösel und dem Museum für schlesische Landeskunde mit dem Haus Schlesien in Königswinter-Heisterbacherrott sei „die deutsche Museumslandschaft für die Region Schlesien besonders gut ausgestattet“, sagte Neumann in einem im Monatsmagazin Schlesien heute abgedruckten Interview. „Speziell für ein weiteres schlesisches Museum sehe ich keinen Bedarf.“ Könne die Erlebnisgeneration ihre Heimatstuben nicht mehr erhalten, seien die Kommunen und ergänzend die Bundesländer in der Pflicht.

Denen fehlen aber oft das Interesse und vor allem das Geld. Sachsen etwa hat bereits signalisiert, kein Geld für ein zweites Schlesisches Museum bereitzustellen. Damit dürfte das ehrgeizige Vorhaben der Stiftung Schlesische Heimatstuben, bis 2012 im niederschlesischen Görlitz mit Bundes- und Landesmitteln ein speziell für die Aufnahme der Sammlungen der Heimatstuben ausgerichtetes Museum zu eröffnen, nicht mehr umsetzbar sein.

Die Stiftung war vor zwei Jahren von dem aus Parchwitz bei Liegnitz geborenen, im nordrhein-westfälischen Marl lebenden Physiker Gerhard Kaske gegründet worden. Ziel ist es, die Bestände der schlesischen Heimatstuben für die Zeit zu sichern, in der es die Erlebnisgeneration nicht mehr gibt. Die Zukunft der Sammlungen sei akut gefährdet, beklagt Norbert Pantke, Vizepräsident des  Schlesische Kreis-, Städte- und Gemeindetages, der Dachorganisation der schlesischen Bundesheimatgruppen.

Nach ihrer Vertreibung 1945 hatten sich die Schlesier darum bemüht, in ihren neuen Wohnorten das Erbe der schlesischen Kulturgeschichte für Deutschland zu bewahren. In den Sammlungen, untergebracht in Gemeindeämtern, Heimatmuseen, Rathäusern oder bei Privatpersonen, sind Porzellan, Tagebücher, Gemälde, Urkunden, Trachten, Landkarten, Medaillen und Spielzeug zu sehen.

Die Absage des Bundes trifft die Schlesier vor allem, weil der Görlitzer Oberbürgermeister Joachim Paulick der Stiftung kostenlos eine leerstehende Schule zur Verfügung gestellt hätte. Bedingung war lediglich, daß das neue Museum sich nicht als Konkurrenz zu dem Schlesischen Museum zu Görlitz verstehen dürfe. Der einfachste Weg, die Integration der Heimatstuben unter dem Dach dieser Einrichtung war von der Museumsleitung als nicht vereinbar mit dem hohen Anspruch eines zentralen Bundes- und Landesmuseum abgelehnt worden.

Nur im äußersten Notfall sollen die großen schlesischen Einrichtungen Hilfestellung für das Kulturgut aus den Heimatstuben geben und die Bestände übernehmen, sagt Staatsminister Neumann. In der Praxis sind die Museumsdirektoren ohnehin bestenfalls an in der eigenen Sammlung fehlenden Einzelstücken interessiert, nicht aber an den Alltagsgegenständen. Bereits vor neun Jahren hatten Mitarbeiter des Schlesischen Museums zu Görlitz die Objekte von 55 Heimatstuben erkundet. Seit Sommer 2008 läuft eine derartige Bestandsaufnahme im Zuge des Projektes „Dokumentation der Heimatsammlungen in Deutschland“ für alle rund 400 Heimatsammlungen der Vertriebenen. Ende 2012 soll die Inventarisierung abgeschlossen sein.

Was wird, wenn die Erlebnisgeneration nicht mehr die Kraft hat, ihre Heimatstuben zu unterhalten, zeigt ein Beispiel aus Zittau. Hier wurde die Sammlung der nach 1945 aus der Stadt Reichenau (Bogatynia) vertriebenen Sachsen kurzerhand aufgelöst und nur das Wertvollste in den Bestand des Städtischen Museums eingegliedert. Auch deshalb schauen Schlesier mit Interesse in die alte Heimat, wo eine junge polnische Generation der deutschen Geschichte ihrer Region sehr aufgeschlossen gegenübersteht. Erste Kunstgegenstände aus Heimatstuben  wurden – mangels deutschen Interesses – bereits kommunalen Museen im heute polnischen Schlesien übergeben.

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