Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Ein Schulbuch erregt Anstoß

Mit dem Vorwand der Kollaboration mit den Nationalsozialisten rechtfertigte Stalin einst die Deportation von über einer Million Rußlanddeutschen. In der DDR war diese Sicht offizielle Lehrmeinung. Doch auch fast 20 Jahre nach dem Sturz der SED-Ministerin für Volksbildung, Margot Honecker, kann man in der Geschichtsschreibung zuweilen ähnliche Deutungen beobachten. Für besondere Empörung bei Organisationen der Rußlanddeutschen sorgt seit einiger Zeit das Schulbuch ,,Geschichte und Gegenwart“ (Schöningh-Verlag, Paderborn, 2006).

Es legt nach Ansicht der Rußlanddeutschen nahe, diese hätten sich während des Zweiten Weltkriegs in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten am Massenmord an den Juden beteiligt. Der Vorsitzende des Internationalen Konvents der Rußlanddeutschen, Heinrich Groth, nennt dies eine ,,bösartige Lüge“. Die Behauptung, die Rußlanddeutschen hätten vom Einmarsch der Wehrmacht zudem finanziell profitiert, weil sie steuerlich begünstigt seien, bezeichnet Groth als „lächerlich“.

Als völlig aus der Luft gegriffen bezeichnete der Konvent die Darstellung, den Rußlanddeutschen sei die Möglichkeit gegeben worden, „in die bereits von den Deutschen eroberten Gebiete in Polen einzuwandern, oder aber zu bleiben, wo sie waren“. Auch die Passage, die über die Deportationen der Rußlanddeutschen berichtet, sorgt für Unmut. Die über hunderttausend Todesopfer der grausamen Deportationen und Zwangsarbeiten würden nicht erwähnt, kritisieren die Rußlanddeutschen.

Kritik an Darstellung der Deportationen

Um auf ihre Empörung über die ihrer Ansicht nach lückenhafte Darstellung der Geschichte der Rußlanddeutschen aufmerksam zu machen, haben der Internationale Konvent der Rußlanddeutschen e.V. in Zusammenarbeit mit dem deutschlandweiten Integrationsrat der Rußlanddeutschen, dem Integrationsrat der Rußlanddeutschen Berlin-Brandenburg sowie dem Rat der deutsch-russischen Landsleute Berlin Brandenburg am vergangenen Freitag in Berlin vor dem Kanzleramt mit einer Kundgebung gegen das Schulbuch protestiert. Dort forderten die Vereine die Entfernung des Schulbuchs aus dem Unterricht und eine umfassende Richtigstellung gegenüber den Schülern. Zahlreiche Zeitzeugen berichteten, wie sie entgegen der Schulbuch-Version die Geschichte der Rußlanddeutschen im Zweiten Weltkrieg erlebten. Die Demonstration richte sich „gegen die Verfälschung der Geschichte des Zweiten Weltkriegs im allgemeinen und gegen die Stimmungsmache gegen die Rußlanddeutschen im besonderen“, so Heinrich Groth gegenüber der JUNGEN FREIHEIT .

Mittlerweile haben die Proteste offensichtlich erste Erfolge gezeigt. Noch vor der Kundgebung vor dem Kanzleramt hatte der Schöningh-Verlag eine Überarbeitung des Buches angekündigt, das für die siebte und achte Klasse vorgesehen war. In Nordrhein-Westfalen, wo das zuständige Ministerium der Verwendung des Buches zunächst eine befristete Freigabe erteilt hatte, wird es nun nicht mehr verwendet, teilte das Ministerium auf Nachfrage der JF mit. In Schleswig-Holstein und Brandenburg, wo das Buch ebenfalls verwendet wurde, können die Schulen den Angaben zufolge selbst entscheiden, ob sie dieses benutzen möchten.

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