„Dort steht die Zukunft unserer Werte auf dem Spiel“

Daß es anläßlich der Präsidentschaftswahlen vom 20. August in Afghanistan verstärkt zu gewalttätigen Anschlägen kam, überraschte in Europa kaum jemanden (JF 36/09). Man scheint des anhaltenden blutigen Konflikts eher überdrüssig zu sein – das gilt insbesondere für die Franzosen. 2008 befürworteten laut Umfragen 55 Prozent von ihnen einen Rückzug der eigenen Truppen vom Hindukusch, inzwischen sind es 68 Prozent. Über zwei Drittel der Bevölkerung mißbilligen demnach die Entscheidung Nicolas Sarkozys, weitere Truppen nach Kabul zu entsenden. Selbst in Sarkozys eigener Partei vertritt eine Mehrheit (53 Prozent) diese Position – die größte Unterstützung genießt der amerikanische Krieg unter den Anhängern des Front National, wo Befürworter und Kritiker etwa gleich stark vertreten sind.

Die Aufgabe der französischen Soldaten innerhalb der am 20. Dezember 2001 vom UN-Sicherheitsrat eingesetzten Isaf-Schutztruppe beschränkte sich zunächst auf die Gewährleistung der Sicherheit in Kabul und Umgebung, den Kampf gegen Drogenhandel sowie den „Wiederaufbau“ des Landes. Sondereinheiten waren auch an Geheimeinsätzen im Rahmen der Terrorismusbekämpfung beteiligt. Doch der Konflikt nahm sehr bald andere Züge an. Anfangs wurde der Militäreinsatz in Afghanistan von zwei unterschiedlichen Streitkräften durchgeführt: der multinationalen Schutztruppe unter europäischer Kontrolle (Isaf) einerseits und den US-Streitkräften andererseits. Dieser Unterschied besteht nicht mehr, seit die Isaf im August 2003 der Nato – und damit effektiv der Befehlsgewalt aus Washington – unterstellt und ihr Mandat in der Folge ausgeweitet wurde.

Ein Krieg, der nicht zu gewinnen ist?

Die Lage im Land ist mehr und mehr außer Kontrolle geraten. Mangels jeglicher Koordination und Gesamtstrategie herrscht Verwirrung sowohl bezüglich der Ziele wie der Mittel. Während der damalige Staatspräsident Jacques Chirac die französische Beteiligung ursprünglich auf ein Minimum begrenzt hatte, will sein Nachfolger Sarkozy sich seinen US-Freunden durch besonderen Eifer andienen. Auf dem Nato-Gipfel im April 2008 in Bukarest kündigte er die Entsendung eines zusätzlichen Kontingents von 700 Soldaten an. Ein Jahr später gab Frankreich offiziell seinen Wiedereintritt in die Nato bekannt, aus der das Land 1966 unter Charles de Gaulle ausgetreten war (JF 13/09). Derzeit sind insgesamt 12.500 französische Militärangehörige in der Region um Afghanistan (davon 3.160 bei der Isaf-Mission) stationiert. Die Deutschen haben 4.050 und die Italiener 2.795 Soldaten im Isaf-Einsatz. Die französischen Truppen operieren unter widrigen Einsatzbedingungen, zumal sie auf Unterstützung und taktische Ausbildung aus Koalitionsmitteln angewiesen sind. Bislang sind 26 französische Soldaten gefallen, zehn von ihnen bei einem Hinterhalt im Uzbin-Tal vor genau einem Jahr, am 21. August 2008.

Kritiker des französischen Einsatzes bringen zwei Argumente vor: Es ist nicht Frankreichs Krieg, und er ist nicht zu gewinnen. Die wenig überzeugende Regierungsposition lautet, ein Rückzug würde die Rückkehr der Taliban-Herrschaft und der al-Qaida in einer geopolitisch äußerst heiklen Region bedeuten. Dagegen läßt sich einwenden, daß die Taliban als Träger der paschtunischen Identität, der wichtigsten Ethnie im Land, Gewalt nicht exportieren und daß die Franzosen keinen Streit mit den Afghanen haben.

Vor allem läßt sich einwenden, daß die Lage in Afghanistan heute so schlecht ist wie noch nie: Die internationalen Streitkräfte haben im Juli mehr Soldaten verloren als in irgendeinem anderen Monat seit Kriegsbeginn. Als Chef einer schwachen und korrupten Regierung verfügt der afghanische Präsident Hamid Karzai bestenfalls über eine zweifelhafte Legitimität und eine sehr eingeschränkte Kontrolle über das eigene Land – daran wird sich auch nach seiner mutmaßlichen Wiederwahl nichts ändern. Osama bin Laden ist nach wie vor auf freiem Fuß.

Im Kreuzfeuer zwischen Warlords, Taliban, afghanischen und ausländischen Streitkräften fristet die Bevölkerung ihr Dasein in permanenter Unsicherheit. Weit davon entfernt, in ihnen Beschützer oder Befreier zu sehen, begegnet die große Mehrheit der Menschen den ausländischen Soldaten mit Mißtrauen und Haß. Auch der Kampf gegen den Drogenhandel, die wichtigste Einkommensquelle der Taliban, kann als gescheitert gelten: Seit Kriegsbeginn hat der Mohnanbau zugenommen. Er erstreckt sich inzwischen auf eine Gesamtfläche von 195.000 Hektar – das ist mehr, als in Südamerika zum Anbau von Koka-Pflanzen genutzt wird.

Die amerikanische Strategie zielt momentan auf eine Ausweitung des Kriegs auf den Westen Pakistans ab, die diesen Staat aller Voraussicht nach endgültig destabilisieren dürfte. Immer deutlicher erweist sich, daß es keine militärische Lösung für dieses Schlamassel geben wird.

Bei seinem Washington-Besuch im November 2007 erklärte Präsident Sarkozy: „Frankreich wird sich am Afghanistan-Einsatz beteiligen, solange es nötig ist, denn dort steht die Zukunft unserer Werte und des atlantischen Bündnisses auf dem Spiel.“ Ein Schelm, wer diese „Werte“ mit den Plänen für eine Gas-Pipeline verwechseln würde, die möglicherweise eines Tages vom pakistanischen Ufer des Kaspischen Meers bis zum Indischen Ozean führen könnte.

Alain de Benoist, französischer Philosoph und Publizist, ist Herausgeber der Zeitschriften „Nouvelle École“ und „Krisis“.

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