Joachim Kuhs

 

Die Täternamen sind ein Tabu

Eine Razzia des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB habe die Arbeit von Michail Suprun sabotiert, der die Schicksale der Rußlanddeutschen unter Stalin erforscht. Der Historiker von der Primorski-Universität im nordrussischen Archangelsk habe im Auftrag des Deutschen Roten Kreuzes ein Buch über deportierte und in sowjetische Straflager verschleppte Menschen erstellt, meldeten die Agenturen Anfang Oktober.

Dies bestätige „die beängstigende Tendenz, daß in Rußland neben regierungskritischen Journalisten nun auch Wissenschaftler unter staatlichen Druck geraten, die politisch nicht erwünschte Forschung betreiben“, erklärte dazu jetzt die Vorsitzende der Arbeitsgruppe Menschenrechte im Bundestag, Erika Steinbach (CDU). Darf unter Premier Wladimir Putin wie zu Sowjetzeiten keine historische Forschung betrieben werden?

„Jein!“, hätte Radio Jerewan geantwortet. Ja, es stimmt, Präsident Dmitri Medwedew hat ein Gesetz gegen „Geschichtsfälschungen“ unterzeichnet – doch das existiert in ähnlicher Weise auch in zahlreichen EU-Ländern. Suprun handelte sogar im Sinne eines deutsch-russischen Abkommens von 2007. Das grausame Schicksal der Rußlanddeutschen ist auch keineswegs ein Tabuthema.

Doch Suprun verstieß gegen § 137 des russischen Strafgesetzbuches, der die „Verbreitung von persönlichen Informationen“ untersagt – sprich: er konnte den Geheimdienstakten, die ihm Oberst Alexander Dudarjew überließ, nicht nur die Namen der deutschen Opfer, sondern auch der NKWD-Täter, entnehmen. Und im FSB herrscht nicht nur der übliche Korpsgeist, sondern dort arbeiten ganze Geheimdienstdynastien. „Der FSB genießt in den letzten Jahren eine tatkräftige Unterstützung der obersten Führung Rußlands und befindet sich immer noch in den Händen der KGB-Abkömmlinge“, erklärte die Sektion des russischen Vereins „Für Menschenrechte“ in Archangelsk.

Supruns gesamtes wissenschaftliches Werk entblöße das Böse, das zu Stalinzeiten – aber auch in der poststalinistischen Diktatur – in Gestalt von Repressionen durch Staatsorgane Rußlands den Menschen zugefügt worden sei. Bei der heutigen FSB-Führung dominiere weiter die Mentalität, die auch für die Tscheka-, GPU-, NKWD- und KGB-Angehörigen immer typisch war. „Diese Menschen haben kein Interesse, die Wahrheit über die Untaten zu erfahren.“

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