Terror am Taj Mahal

Die Mordanschläge in Mumbai, das bis 1995 Bombay hieß, waren das exakt ausgeführte Werk kleiner Terrorkommandos. Die Attentäter, mutmaßlich in Pakistan ausgebildet, ermordeten mindestens 175 Menschen und hielten drei Tage lang die Welt in Atem. Ihre Ziele waren von hohem Symbolcharakter: das Taj Mahal Palace & Tower, ein 105 Jahre altes viktorianisches Luxushotel, in dem die Reichen und Schönen aus Europa und den USA gern absteigen, das Nobelhotel Oberoi, das Metro-Kino, das meist westliche Filme zeigt, das weltberühmte Café Leopold, ein Touristen-Tempel — und auch das Chabad-Zentrum, wo gerne jüdische Touristen residieren, die auch in Indien auf koscheres Essen nicht verzichten wollen. Der Hauptbahnhof der 13-Millionen-Stadt und zentrale Polizeistationen waren weitere Terrorziele. Der 26. November wird als Indiens 11. September in die Geschichtsbücher eingehen. Zwar war das 1,1-Milliarden-Land wiederholt Opfer von Anschlägen, aber mit dem Terror in der Hauptstadt des Bundesstaates Maharashtra wurde eine neue Stufe erreicht. Die Zentralregierung in Delhi hat lange geleugnet, daß es einheimische islamistische Terrorgruppen gibt. Kam es doch zu Anschlägen, dann steckten nach offizieller Lesart stets die Nachbarländer Pakistan und Bangladesh hinter den Taten. Vor allem Pakistan als langjähriger politischer Hauptgegner Indiens war der übliche Verdächtige — zumal Islamabad tatsächlich über Jahrzehnte den islamistischen Terrorismus in der umkämpften Nordprovinz Kaschmir politisch, militärisch und finanziell unterstützt hat. Konfrontation mit hinduistischem Fanatismus Die Serie von Anschlägen läßt kaum noch Zweifel an der Existenz indischer Mudschaheddin. Nach einem Bombenanschlag im nordindischen Jaipur im Mai (mit 60 Toten und 200 Verletzten) bekannte sich die Gruppe „Indische Mudschaheddin“ zur Bluttat und erklärte, diese habe sich gezielt gegen die touristische Infrastruktur des Landes gerichtet. Der islamistische Terrorismus in größerem Ausmaß ist in Indien vergleichsweise jung. Er nahm markant zu, als extremistische Hindus 1993 die Moschee von Ayodya stürmten und bei den anschließenden Unruhen 1.500 Personen starben. Danach entstanden diverse Gruppen, welche die muslimische Minderheit zu schützen vorgaben. Deren etwa 140 Millionen Menschen sind in vieler Hinsicht benachteiligt. Sie sind überdurchschnittlich arm, haben geringere Bildungschancen und schlechter bezahlte Arbeit. Trotz allem neigten die Muslime lange Zeit weniger zu politischer Gewalt als andere Gruppen in dem an Völkern, Sprachen und Religionen reichen Subkontinent. In der Konfrontation mit hinduistischem Fanatismus ergibt sich jedoch ein explosives Gemisch. Doch zu dessen Entschärfung unternahm die Regierung bislang so gut wie nichts. Statt dessen schaut Indiens Regierung mit dem ganzen Hochmut einer vielfach überlegenen Macht auf Pakistan herab, die islamische Abspaltung vom hinduistisch dominierten „indischen Mutterland“. Sobald in der jüngeren Vergangenheit irgendwo eine Bombe hochging — in Jaipur, Bangalore oder Delhi —, verlautbarte zuverlässig die „Erklärung“, Islamabad stecke dahinter, dessen Armee, Regierung oder Geheimdienst oder alle drei. Die Terroranschläge zeigen Indiens Dilemma auf: Zielsicher und mit starker Symbolkraft wurden sie mitten im Herzen des modernen, nach Weltgeltung strebenden Landes, des neuen Wunderkinds der Weltwirtschaft, im Symbol des Fortschritts inszeniert, der das Land aus der Armut führen soll. Doch an der Masse der Bevölkerung — an der muslimischen zumal — ist das Wirtschaftswunder bisher vorbeigegangen. Trotz Wirtschaftswunder weiter soziale Spannungen Aus Indien stammen mittlerweile die viertmeisten Dollar-Millionäre weltweit. Die nach wie vor von wenigen Familien dominierte indische Wirtschaft kauft sich sogar im Ausland ein: Mittal schluckte Arcelor, Tata Steel setzte sich mit rund neun Milliarden Euro beim britisch-niederländischen Stahlkonzern Corus durch. Doch was im Ausland glänzt, sieht auf den Straßen Indiens ganz anders aus. Dort regiert noch immer die Armut. Das bestätigt der Jahresbericht des UN-Entwicklungsprogramms Unep. Demnach rangiert die formal größte Demokratie der Welt beim „Index für menschliche Entwicklung“ immer noch gleichauf mit Ländern wie Botswana. Drei Viertel der Bevölkerung müssen mit weniger als 20 Rupien auskommen — das sind nicht einmal 0,35 Euro. Ein Drittel der indischen Bevölkerung sind faktische Analphabeten. Die sozialen Spannungen wachsen. Im Frühjahr kam es in Nandigram südlich von Kalkutta (Kolkata) zum blutigen Eklat: Bei Protesten von Bauern, die sich weigerten, ihr Land für die Errichtung einer der vielen geplanten Sonderhandelszonen herzugeben, wurden in Straßenschlachten Dutzende von der Polizei erschossen. Nandigram wurde zum Inbegriff für den Protest der Armen gegen die Wirtschaftspolitik Indiens. Unterdessen gerät die indische Regierung auch zunehmend aufgrund ihrer neuen Nähe zu den USA unter Druck, die im Sommer in einem umstrittenen Atomabkommen zwischen beiden Ländern gipfelte. Zusammen mit den ohnehin schon bestehenden — „ererbten“ — gravierenden und nach wie vor ungelösten Spannungen zwischen den zahlreichen indischen Religionen, vor allem zwischen Hindus, Christen, Sikhs und Moslems, und zwischen den immer noch stark die Gesellschaft dominierenden Kasten, ist es nicht zuletzt dieses neue Verhältnis Delhis zu Washington, das Indiens islamfundamentalistischen Dschihadisten neue zerstörerische Impulse gegeben hat.

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