Sachsen gibt der Elite eine Chance

Auf das sächsische Elitegymnasium ist Ralph Feiner im Internet gestoßen. Und da Sohn Max ein Mathegenie ist und die Eltern den Elfjährigen nicht auf einer normalen Schule versauern lassen wollten, sind sie mit ihm von Hannover zum Tag der offenen Tür nach Meißen gefahren. Mit eigenen Augen wollten sie sich überzeugen, ob das sächsische Landesgymnasium St. Afra ihren Vorstellungen einer Hochbegabtenförderung entspricht. Sachsen hat vor sieben Jahren etwas gewagt, was lange Zeit in den alten Bundesländern aus politischen Gründen verpönt war: Ungleiches nicht gleich zu behandeln. „Nicht weil wir das eine herabsetzen oder vernachlässigen wollen, sondern weil wir dem Besonderen auch besondere Entfaltungsmöglichkeiten bieten wollen“, sagte anläßlich der Eröffnung der Schule im Oktober 2001 der damalige sächsische Kultusminister Matthias Rößler (CDU): „Wenn wir eine Schule für Hochbegabte eröffnen, bedeutet das nicht die Abwertung für alle anderen. Es ist ein Stück mehr Differenzierung, ein Stück mehr individuelle Freiheit.“ Das ist nicht nur innovativ, sondern steht in bester sächsischer Tradition. Denn das Landesgymnasium knüpft bewußt an die Geschichte der ehemaligen Fürstenschulen an, die Herzog Moritz ab 1543 in Meißen, Pforta und Grimma gründete. Der sächsische Herrscher sprach sich dabei ausdrücklich gegen eine soziale Selektion aus. Nur die Begabung, nicht das Vermögen der Eltern sollten für die Aufnahme an eine Eliteschule ausschlaggebend sein. Auch damals geschah das in einer dramatischen Umbruchsituation. Im 16. Jahrhundert wurden mit der Säkularisierung wichtige Grundlagen für das Funktionieren der modernen westlichen Zivilisation gelegt. Der Staat nahm die Erziehung und Bildung aus den Händen der Religionen in seine Verantwortung. Damit war ein Weg eingeschlagen, der zur Trennung von Staat und Religion bei gegenseitiger Achtung geführt hat. „Wir unterscheiden heute zwischen den Ansprüchen, die der Glaube an uns stellt, und dem politischen Handeln, für das die demokratische Rechtsordnung den Rahmen setzt“, sagt Rößler, der für die CDU im Landtag sitzt. Zu den Schülern von St. Afra zählten immerhin neben Gotthold Ephraim Lessing auch Christian Fürchtegott Gellert, Ernst Schnabel, Samuel Hahnemann und Friedrich Naumann. Die Idee, ein Landesgymnasium zu gründen, setzten die Christdemokraten – Anfang der neunziger Jahre noch in der komfortablen Situation einer absoluten Mehrheit im Parlament – gegen den erbitterten Widerstand der sächsischen Sozialdemokraten durch, denen ein Elitegymnasium bis heute suspekt ist. „Hier wird Sachsens künftige Elite geformt“, verkündete der Kultusminister stolz. Von einer „Landesschule neuen Typs“ schrieb die Zeit 1997: „Das humanistische Bildungsideal der Fürstenschule, kombiniert mit ostdeutscher Unbefangenheit in Sachen Elite. Dazu eine Prise Reformpädagogik vom Geiste Salems und der englischen Public Schools sowie eine gehörige Portion Nachwendeenthusiasmus.“ „Sapere Aude“ – Wage zu wissen – steht am sanierten Giebel des mächtigen Gebäudes. Das sächsische Landesgymnasium hat ein generalistisches Profil. Es bietet Vertiefungen in sprachlich/interkultureller, mathematisch/naturwissenschaftlicher, künstlerisch/ästhetischer und musischer Richtung an. Mindestens zwei dieser Vertiefungen müssen gewählt werden. Englisch ist die vorgeschriebene erste Fremdsprache. Je nach Interesse kann bei den alten Sprachen zwischen Latein und Altgriechisch, bei den modernen Sprachen zwischen Französisch, Russisch und Spanisch gewählt werden. Der Unterricht, der in Doppelstunden gehalten wird, orientiert sich am sächsischen Lehrplan, wird jedoch gekürzt und intensiviert, um den Schülern Spielraum für Eigeninitiative zu geben. Anders als in der einstigen Fürstenschule mit ihren rund hundert Schülern werden heute im Landesgymnasium 300 hochbegabte Schüler in den Klassen sieben bis zwölf unterrichtet. Jedes Jahr werden bis zu 50 neue Jugendliche aufgenommen. Die Bewerber müssen sich zuvor einem dreitägigen Auswahlverfahren stellen, in dem sie nicht nur ihre Begabung nachweisen, sondern auch Kriterien wie Teamfähigkeit und soziale Integrität großer Wert beigemessen wird. Auch für Quereinsteiger besteht die Möglichkeit, am Landesgymnasium aufgenommen zu werden, das übrigens Schülern aus ganz Deutschland offensteht. Als 2004 erstmals 45 St.-Afra-Schüler ihre Abiturzeugnisse erhielten, befanden sich darunter elf aus anderen Bundesländern. Schulgeld wird nicht erhoben. Die Eltern müssen aber für die Betreuung im Internat, Miete und Verpflegung aufkommen. Der Gründungsdirektor und erste Schulleiter von St. Afra, Werner Maria Esser, hat vor seiner Arbeit in Meißen 16 Jahre lang im Privatinternat Schloß Salem am Bodensee gelehrt. Seine Stelle ist zur Zeit vakant, denn Anfang des Jahres wurde bekannt, daß der 58jährige Sachsen verläßt und die Leitung des privaten Internatgymnasiums Stiftung Louisenlund in Schleswig-Holstein übernimmt. Während nach einem Nachfolger gesucht wird, baut der Freistaat die Förderung von besonders begabten Schülern aus. „Wir müssen für die Begabten optimale Förderbedingungen schaffen“, sagt Kultusminister Steffen Flath (CDU). Nach der Einrichtung einer Beratungsstelle zur Begabtenförderung soll jetzt ein flächendeckendes Netz aus Grundschulen geschaffen werden, die besonders begabte Schüler optimal fördern: „Wenn irgendwo ein Junge oder Mädchen eine besondere Begabung erkennen läßt, soll eine Grundschule, die sehr gut in der Lage ist, das Kind zu fördern, nicht weit sein.“ Foto: Blick aus dem Elitegymnasium über die Dächer von Meißen: Ungleiches nicht gleich behandeln

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