Ein Kreuz sorgt für Zwietracht

Einen ungewöhnlichen Nachbarschaftsstreit erlebt derzeit das beschauliche hessische Städtchen Rödermark. Er dreht sich ums Kreuz, und wirft die Frage auf, inwieweit religiöse Symbole als Provokation verstanden werden können. Aufwendig und liebevoll renovierte Klaus Braungart eine alte Doppel-Hofraite mit früherer Töpferei in der Bachgasse des Ortsteils Urberach. Ein schmuckes Wohnhaus entstand. Beim 2005 begonnenen Ausbau einer zugehörigen Scheune wurde auch der Dachstuhl aus dem Jahr 1758 saniert. Die Westseite der Scheune wurde verputzt, so daß eine große, ungegliederte Wandfläche entstand. Braungart kam deshalb auf die Idee, die Wandfläche zu gestalten. Er fertigte ein großes Holzkreuz aus einer übriggebliebenen Dachsparre und verankerte es an der Wand, gut sichtbar zur Straße hin. Doch er hatte die Rechnung ohne seine Nachbarn gemacht. Die Scheunenwand grenzt nämlich direkt an das liebevoll gehegte Vorgartengrundstück der Familie Müller, das auch durch das Nostalgie-Straßenschild „Müller-Strasse“ markiert wird. Hans und Helga Müller sahen sich und ihre Vorgartenruhe durch das markante Kreuz gestört und forderten die Abhängung desselben. Als diese nicht erfolgte, errichten sie ein Stahlgerüst mit einer Plane, die das christliche Symbol von Vorgarten und Straße aus verdeckt. Klaus Braungart, dessen Fensterbänke mit diversen Madonnenfiguren geschmückt sind, reagierte erstaunt und äußert seitdem Unverständnis für die Aktion seiner Nachbarn: „Das Kreuz wurde acht Zentimeter vor die Wand gesetzt, um einen schwebenden Charakter zu erhalten. Das Schattenspiel dient also auch zur ästhetischen Gestaltung der ansonsten sehr monotonen Wand. Zudem ist das Kreuz für mich ein Symbol alter Werte. Es ist ein starkes Symbol unserer Herkunft, unserer Vergangenheit und vielleicht auch Zukunft. Ich will absolut nicht provozieren; ich will mit dem alten Symbol alte Werte ins Spiel bringen. Und ich kann nicht verstehen, daß man dagegen Einwände haben kann.“ Familie Müller möchte sich zu der Angelegenheit nicht mehr persönlich äußern. Ihr Anwalt Michael Gensert aber erläutert deren Position: „Die Parteien streiten sich schon seit Jahren. Da geht es um Dachfenster, um Grenzmarkierungen, um Grundstücksüberbauungen. Die Familie Müller hält die Anbringung des Kreuzes an der Scheunenwand für eine weitere Provokation in dem Nachbarschaftsstreit. Meine Mandanten betonen dabei, nichts gegen das Symbol Kreuz an sich einzuwenden, sie zweifeln aber an der Christlichkeit Braungarts.“ Auch Klaus Braungart gibt den Nachbarschaftsstreit zu: „Die Müllers wollten aus Gründen der Verschattung die Scheune weg haben oder einen Teil­abriß mit Flachdach. Darauf bin ich aber angesichts der historischen Bedeutung des Gebäudes nicht eingegangen. Hier liegt ein Grund für den Nachbarschaftsterror.“ Der schwelende Nachbarschaftsstreit um Dachrinnen, laute Musik, Gregorianische Gesänge und Abwasserrohre wurde durch das Kreuzsymbol zum Politikum und ein gefundenes Fressen für die eifrig berichtende Regionalpresse. Die Polizei wurde eingeschaltet, aber auch das Bauamt machte Hans Müller wenig Hoffnung, obwohl das Kreuz auf sein Grundstück „übersteht“. Die örtlichen Pfarrer und Theologen betonten das Recht eines jeden auf Ausdruck seines religiösen Empfindens, warnten aber davor, das Kreuz als Mittel in Nachbarschaftsstreitigkeiten einzusetzen. Insgesamt rieten sie zu Gelassenheit. Alles also nur ein Sturm im Wasserglas? Bei der zuständigen Behörde läuft derzeit jedenfalls ein Antrag auf Beseitigungsverfügung. Foto: Das Holzkreuz vor und nach der Verhängung durch die Nachbarn: Der Pfarrer rät zur Gelassenheit

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles