Joachim Kuhs

 

Die Wunderwaffe des Kampfpiloten

Das Risiko, das John McCain jüngst auf seinem Nominierungsparteitag einging, ist nicht geringer, als hätte der Ex-Kampfpilot zwei Glas Whisky gekippt und wäre mit seiner F-16 unter der Golden Gate Bridge durchgeflogen. McCains Entscheidung für Sarah Palin, die Gouverneurin von Alaska, als seine Kopilotin, war das gewagteste Vabanquespiel der bisherigen Präsidentschaftsgeschichte. Soweit momentan abzusehen ist, hat es sich gelohnt — und wie. Die Sensationsmeldung verdrängte die andere große Nachricht völlig aus den Schlagzeilen — Barack Obamas eindrucksvolle Ansprache vor 85.000 jubelnden Zuschauern in Denver und 35 Millionen vor den Fernsehschirmen. Während die Demokraten kurzerhand medial aus dem Weg geschubst wurden, löste Palins Nominierung unter Konservativen, Evangelikalen, traditionsbewußten Katholiken, Schußwaffenbesitzern und Lebensrechtlern einen regelrechten Begeisterungstaumel aus. Indem er ihr zuliebe seine Freunde Joe Lieberman und Tom Ridge überging, hat McCain sich eine reelle Chance auf den Einzug ins Weiße Haus verschafft. Die gereizte Reaktion der Linken deutet darauf hin, daß die Demokraten befürchten, die Entscheidung für Palin könne der entscheidende Schachzug gewesen sein. Die Liberalen jaulen, Palin habe keine Erfahrung, ihr fehlten die Qualifikationen zur Präsidentin der USA. Dabei hat die Dame mehr Führungserfahrung als McCain, Joe Biden und Obama zusammen. Keiner der drei hat jemals ein Unternehmen aufgebaut und geleitet, wie Palin es getan hat. Keiner von ihnen hat einen riesigen Bundesstaat wie Alaska regiert — größer als Kalifornien und Texas zusammen. Alaska ist zwar nicht dicht besiedelt, dennoch wurde Gouverneurin Palin von mehr Menschen gewählt als Senator Biden oder Nancy Pelosi. Es heißt, sie habe keine außenpolitische Erfahrung. Auch wenn Alaska an Rußland und Kanada grenzt, ist dieser Einwand berechtigt. Doch vom ersten Tag ihrer Amtszeit an wird Palin täglich auf dem laufenden gehalten werden und gemeinsam mit dem Präsidenten und den Außen-, Finanz- und Verteidigungsministern im Nationalen Sicherheitsrat sitzen. Innerhalb eines Jahres wird sie auf diesem Gebiet topfit sein. Im übrigen schneidet Palin, die als Gouverneurin Ansprechpartnerin für die Ölindustrie war und Pipeline-Abkommen mit Kanada aushandeln mußte, im Vergleich zu dem Graswurzelorganisator Obama, der sich mit Lebensmittelmarken oder Mietzuschüssen befaßte, denkbar gut ab. Während Obama sich mit den demokratischen Machtstrukturen arrangierte, legte Palin sich mit dem Establishment ihrer Partei an und forderte erfolgreich einen amtierenden republikanischen Gouverneur heraus, um dann einen früheren demokratischen Gouverneur zu schlagen. Sie trat dieses Amt nicht nur als erste Frau in der Geschichte des Bundesstaates an, sondern war auch noch jünger als alle ihre Vorgänger. Die Kühnheit, die er mit dieser Nominierung an den Tag legte, ist McCain ungemein hoch anzurechnen. Daß er seinen alten Widersachern anbot, sie als Partner an seiner Präsidentschaft zu beteiligen, ist eine außergewöhnliche Geste, die ihm mit einer massiven und enthusiastischen Wahlbeteiligung gedankt werden dürfte. Einen derartigen Begeisterungsausbruch hat dieser Autor bei der politischen Rechten selten erlebt. Womöglich hat McCain mit dieser Entscheidung sogar den Verlauf der Geschichte in einem Maße geändert, wie es Dwight D. Eisenhower tat, als er Richard Nixon zum Vizepräsidenten machte — oder auch Ronald Reagan mit George Bush. Sollte er nämlich im November siegen, wäre Palin die bei weitem aussichtsreichste Thronfolgerin unter den Republikanern, zumal sie völlig unabhängig von McCain ihre eigene Machtbasis hätte: Lebensrechtler, evangelikale Christen, Schußwaffenbesitzer und Wertkonservative. Über Nacht ist Palin als erzkonservative Gesellschaftspolitikerin zum wertvollsten politischen Aktivposten der Bewegung geworden. Im Handumdrehen werden die Neocons sie in ihr Lager zu zerren versuchen, indem sie ihr Berater und Mitarbeiter aufdrängen und sie unter den Einfluß der  Kriegspartei-Kreise um das American Enterprise Institute und den Weekly Standard bringen. Falls es dem 72jährigen gelingt, Obama zu schlagen, könnten bei der Wahl 2012 womöglich zwei Frauen um das höchste Amt konkurrieren — Palin gegen Clinton. Schon jetzt steht zu vermuten, daß Palins Durchbruch in die ganz große Politik — jung, charismatisch, lebendig — eine Wachablösung in Washington einläutet. Die Chancen der Republikaner auf eine Mehrheit im Senat oder Repräsentantenhaus stehen gleich Null. Eine Vizepräsidentin Palin, die im Ruf einer Rebellin und Reformerin steht, wäre für die republikanische Parteibasis sicherlich ein Ansporn, ihrerseits zu revoltieren. Und wie schon Thomas Jefferson sagte, ist von Zeit zu Zeit ein bißchen Rebellion in der politischen Welt so notwendig wie ein Sturm in der physischen. Gewiß könnte McCains Schuß nach hinten losgehen. Aber das Obama/Biden-Lager, das durch die Mißachtung gegenüber Hillary Clinton bereits Millionen von Frauen vor den Kopf gestoßen hat, wird es wohl tunlichst vermeiden, eine andere Frau anzugreifen, deren einziges Vergehen darin besteht, daß sie soeben die Chance bekommen hat, die „gläserne Decke“, die Frauen nach feministischer Auffassung von Führungspositionen in Wirtschaft und Politik trennt, US-weit zu durchstoßen. Ihre Nominierung, die McCain die Stimmen der republikanischen Rechten sichern wird, hält ihm zudem den Rücken frei, um Gemäßigte und Liberale zu buhlen, worin seit jeher seine Stärke liegt. Mit seiner Entscheidung hat McCain nicht nur Spannung in den Wahlkampf gebracht, sondern wohl auch einen Beitrag zur Zukunft Amerikas geleistet — und zwar eindeutig zu ihrer Verbesserung.   Patrick J. Buchanan war mehrfach US-Präsidentschaftskandidat. Er ist Mitbegründer der Zeitschrift „The American Conservative“.

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