Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Die eisschleckende Köchin

Ihr Bürgerbüro unterhält Andrea Nahles in Andernach in der heimatlichen Eifel. Dort sieht Brigitte Seebacher-Brandt, die Witwe des einstigen großen SPD-Vorsitzenden, sie schon mal eisschleckend durch die Straßen laufen. Aber niemand, spottete Seebacher-Brandt vor acht Monaten in einem Zeitungsartikel, „traut ihr zu, auch nur eine Eisdiele zu führen“. Das mag sein, doch Andrea Nahles kann es egal sein. Die frühere Juso-Vorsitzende und heutige Stellvertretende Parteivorsitzende ist längst mehr als eine begabte Strippenzieherin – sie ist die mächtigste Frau der SPD. Wen die Partei für den kommenden Bundestagswahlkampf als Spitzenmann auch nominiert – er kandidiert unter Andrea Nahles. Es erscheint inzwischen denkbar, daß sie eines Tages selber ins Kanzleramt einzieht. Schon als 18jährige, als sie nach ihren Berufswünschen gefragt wurde, antwortete sie: Hausfrau oder Bundeskanzlerin. Das Problem: Wer keine Eisdiele führen kann, hat in der Zentrale einer großen Partei und erst recht im Kanzleramt nichts zu suchen. Die bald 38 Jahre alte Nahles personifiziert also ein Strukturproblem unseres politischen Systems. „Die kann Partei“, behauptete einst Franz Müntefering. Aber was heißt das? Im Parteienstaat Deutschland haben die Parteien zwar immer recht, doch ein Zweck, der über sie hinausweist, ist damit nicht definiert. Diese Inhaltsleere braucht Nahles & Co. ebenfalls nicht zu stören. Die SPD ist ihnen ein Selbstzweck. Worauf es ankommt, ist die Fähigkeit, sie sich als solchen zunutze zu machen. Nahles entstammt einem katholischen Kleine-Leute-Milieu, das Heinrich Böll in unzähligen Variationen beschrieben hat. Wie man hört, geniert sie sich ihrer Herkunft. Sie hat Germanistik studiert und gibt als Beruf „Literaturwissenschaftlerin“ an, was besser klingt als Diplompolitologin. Ihre Sprache läßt von literarischer Bildung nichts erahnen, auch nichts von einer Distanz zum Politikerjargon, den sie flüssig beherrscht. Sie hat diesen Jargon perfektioniert und um einige Nuancen angereichert, die man ihr als Spontanität, Fröhlichkeit und Unbefangenheit zugute hält. Doch diese vermeintliche Authentizität ist scharf auf Wirkung kalkuliert. Nahles ist ein Medienprofi. Nie würde sie sich, wie Ute Vogt in Baden-Württemberg, von einem Journalisten zum Bekenntnis eines vorgetäuschten Orgasmus animieren lassen. Mit 18 Jahren bereits trat sie in die Partei ein. Sie übernahm Funktionen bei den Jungsozialisten, zunächst auf lokaler, dann auf Landesebene. 1995 wurde sie zur Bundesvorsitzenden gewählt. Wenige Monate später gab sie auf dem Bundesparteitag dem glücklosen Parteichef Rudolf Scharping den Fangschuß, indem sie den Delegiertenblock der Jusos zugunsten Oskar Lafontaines in die Waagschale warf. 1998 kam sie erstmals in den Bundestag. Ursprünglich war sie als lautstarke Gegnerin Gerhard Schröders angetreten. Nachdem man ihr einen guten Listenplatz versprochen hatte, erinnert sich ein Beteiligter von damals, „prügelte“ sie die Jusos regelrecht zum Wahlkampf. Von 1998 bis 2002 war sie stellvertretende Sprecherin der Fraktionsarbeitsgruppe Arbeit und Soziales. Bei den Wahlen 2002 verlor sie ihr Mandat wieder, aber die Jusos stellten nach wie vor ihre zuverlässige Hausmacht dar. Sie forderten Rudolf Scharping, der sich inzwischen auch als Verteidigungsminister unmöglich gemacht hatte, auf, sein Mandat an Nahles weiterzureichen. Den Gefallen jedoch tat ihr Scharping nicht. Nahles heuerte daraufhin als Verbindungsfrau der IG Metall in Berlin an und hielt so Kontakt zum politischen Apparat. Das zahlte sich 2005 aus, als sie über die Landesliste wieder ins Parlament einzog. Ihr Nachfolger im Juso-Vorsitz, Björn Böhning, forderte damals öffentlichkeitswirksam eine stärkere Mitsprache und Position für Andrea Nahles. Der Zuschauer bekam eine Ahnung davon, wie eine Seilschaft funktioniert. Inzwischen ist Nahles die heimliche Nummer eins in der Partei, und auch Böhning kann sich nächstes Jahr auf ein Bundestagsmandat freuen. So konstituiert sich die neue politische Generation. Wozu eine starke Stellung von Nahles indes gut sein soll, hat noch niemand erklärt. Sie gilt als Linke und als Expertin für Soziales. Sie als ein Gegenstück zu Margaret Thatcher zu beschreiben, die in jungen Jahren gleichfalls schon wußte, daß sie an die Spitze der Politik wollte, verbietet sich. Denn Thatcher hatte bereits als Studentin ihren Friedrich Hayek genau gelesen und ausgereifte konzeptionelle Vorstellungen entwickelt. Nahles dagegen steht für die Karrierepolitiker ihrer Generation, die ihren eigenen sozialen Aufstieg organisieren, indem sie mehr Sozialleistungen durch Umverteilung versprechen und damit in zweifacher Weise den immanenten Populismus der Massendemokratie verwirklichen. Einmal versprechen sie den breiten Massen ohne Rücksicht auf Verluste die Ausweitung und Befriedigung ihrer Bedürfnisse. Zweitens, als Fleisch vom Fleische dieser Massen, schauen sie nicht mehr auf die Politiker herab, sondern werden selber Politiker. Sie heißen Annen, Böhning oder Edathy. In den Nachwuchsorganisationen der Parteien knüpfen sie politische Netzwerke. Danach werden indifferente Studienfächer wie Politologie oder Sozialpädagogik belegt, aber nicht hinreichend intensiv betrieben. Denn nebenher arbeitet man in den Büros etablierter Politiker in der Hoffnung, eines Tages deren Pfründen zu übernehmen. Der Bundestagsabgeordnete und Ex-Juso-Chef Niels Annen hat sein 1994 begonnenes Studium noch immer nicht beendet. So entsteht ein Politikertypus, der ohne humanistische Bildung und frei von historischer Sensibilität sozialisiert wurde, ohne ein intellektuelles, kulturelles, berufliches oder privates Hinterland ist und das politische Geschäft als kurzen Weg nach oben, als Selbstverwirklichung betreibt. Die Konfrontation mit der eigenen Inkompetenz wird mit Aggression, ja Brutalität ausgetragen, Gegner werden als „unsolidarisch“ (Nahles) oder „verfassungsfeindlich“ (Edathy) abgekanzelt. Man kann sich den Nahles-Typ übrigens genausogut bei den Grünen, bei der Linkspartei oder bei der CDU vorstellen – dort als katholisches Pendant zu Sahra Wagenknecht. Lenins kommunistischer Traum von der Köchin, die das Land regiert – wird er mit der eisschleckenden Andrea Nahles eines Tages Wirklichkeit? Foto: SPD-Aufsteigerin Andrea Nahles: Die ehemalige Juso-Chefin hat sich in ihrer Partei ein engmaschiges Netzwerk aus Vertrauten geknüpft

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